Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 31 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021742--16570-3041398- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 31 Dr Llocv's MocbenscbrLtt. Sette 507 Seitdem haben auch die Juden selber begonnen, das Assimilationsproblem einer eingehenden Untersuchung und Kritik zu unterwerfen und sie gelangten allmälig zur Erkenntnis, daß ihnen eine Aufgabe gestellt wird, die weit entfernt ist, ein ehrliches Ideal zu bilden. Es ist bereits erwähnt worden, daß „Assimilation" ein dem Bereich der Physiologie entlehnter Begriff ist. Die grammatikalische Analyse indeß zeigt: die Nahrung assimiliert sich nicht, sondern sie wird assimiliert. Dagegen bei den Juden heißt es, sie sollen sich assimilieren, es sind lebendige Menschen, die sollen sich gewissermaßen selbst aufgeben, um im Ganzen aufzugehen. Wenn also in der Naturwissenschaft von sich assimilieren die Rede ist, so ist das „sich" der Dativ; wenn aber die Juden sich affimilieren sollen, so ist das „sich" der Akkusativ. Dieser kleine grammatikalische Unterschied hat eine tiefe Bedeutung. In der Natur kann sich affimilieren, im Akkusativ sich aufgeben, nicht möglich sein, nach dem obersten Gesetz der Natur, dem Gesetze der Selbsterhaltung. Deshalb ist auf dem Gebiete der Natur etwas, was etwa dem Assimilieren ähnlich ist, nicht zu finden. Die Anpassung nach Darwin ist nicht Assimilation, im Gegenteil, es können sich da Eigenschaften und Fähigkeiten entwickeln, die der Umgebung feindlich und schädlich find. Kein Geringerer als der verstorbene Justizrat Dr. Heinrich Meyer-Cohn aus Berlin hat in einem geistreichen Vortrag die Naturwidrigkeit der Affimilationsschwärmerei persifliert. Er sagte u. a.: „Am ehesten kommt der Affimilierung nah: die sogenannte Schutzfärbung, das heißt, die Fähigkeit von Tieren, sich ihrer Umgebung in der Farbe anzupassen. Gewisse Tiere, die sich sonst schwer verteidigen, können die Farbe ihrer Umgebung annehmen, um den Angriffen ihrer Feinde zu entgehen. Am bekanntesten in dieser Richtung ist das Chamäleon, welches deshalb auch zum Sinnbild der politischen Charakterlosigkeit gemacht worden ist. Ich glaube aber, mau tut diesen harmlosen, freundlichen Tieren vollständig unrecht, sie haben keinen Ehrgeiz. Es handelt sich bei ihnen auch nicht um Assimilierung, sie stehen auf dem Standpunkt, daß man durchaus grün bleiben muß, wenn man sich zwischen Blättern bewegt, sondern, wenn ich diese Tiere mit einer uns bekannten Art von Glaubensgenoffen in Beziehung bringen sollte, so wären sie das Wappentier derer, welche sich nicht zu erkennen geben wollen. Diese sind ja nicht gerade heldenhaft. Aber wenn ich wählen soll zwischen denjenigen, welche eine Meinung nicht zu äußern wagen, und denjenigen, welche nicht einmal wagen, eine eigene Meinung zu haben, so möchte ich den ersteren den Vorzug geben. Sie sind Kinder des Ghettos, sie gehen einher mit krummen Rücken, aber mit aufrechten Ideen, ihre Nachkommen hingegen haben aufrechten Gang, aber gebückte Ideen. Sie haben die Meinung, daß sie nicht ihrer Meinung, sondern fremder Meinung sein sollen. Der Affimilant, der niemals seiner Meinung ist, hat dadurch zwei charakteristische Eigenschaften. Erstens kommt er meist zu spät. Bevor er sich hineingelebt und seiner Umgebung nachgemacht hat, was er bei dieser vor sich sieht, hat diese schon etwas ganz anderes begonnen. Der Affimilant erinnert deshalb an den Stutzer aus der Provinz, der in den Moden immer nachhinkt. Bevor die Juden zum Beispiel dazu kamen, freidenkerisch zu sein, waren die Christen schon längst wieder pietistisch. Es ist des weiteren eine Eigenschaft aller „Nachahmer", daß sie übertreiben. Die Uebertreibung ist ein Charakteristikum der Nachahmung. Es gibt deshalb keine ärgeren Chauvinisten, als die Juden. Das berüchtigte Linzer Programm Schönerers ist von einem Juden, Doktor Friedjung, entworfen. Wer den Inden den Vorwurf macht, daß sie in den Kulturkampf mit großem Enthusiasmus gegangen sind, der hat nicht Unrecht. Auch das ist Folge der Nachahmung. Weihnachtsgeschenke werden von niemand in so übertriebener Weise gemacht, wie jetzt von den Juden. Der berühmte Epigrammatiker und Wiener Redakteur Julius Bauer bekam von einem Wiener Bankier, auch einem Juden, zu Weihnachten etwas geschenkt^ worauf er seinen Dank in die Worte kleidete: Wenn ich die Sache recht bedenk. So muß ich wirklich lachen. Sie senden mir ein Christgeschenk Was sind das für jüdische Sachen? In diesen Versen wird nicht nur. diese Sitte der jüdischen Weihnachtsgeschenke persifliert, sondern der Mann macht noch einen zweiten sehr feinen Witz, er ironisiert die jüdische Manier, was man vielleicht tadelnswert findet, als „jüdisch" zu bezeichnen. Das ist der Kernfehler der Assimilation, daß das Jüdische als etwas Tadelnswertes angesehen wird. In einem Artikel der „Zukunft", „Höre Israel", der unberechtigtes Aufsehen gemacht hat, wird ausgeführt, die Juden kämen jetzt dahin, den deutschen Ideen sich anzubequemen, und bezeichneten jetzt schon als jüdisch, was sie tadelnswert finden; ein Jude habe von einen anderen Juden, der sich wegen materiellen Vorteils habe taufen lassen, gesagt, das sei echt jüdisch. Der Verfasser hat die feine Ironie dieser Bemerkung nicht verstanden. Nur ein Jude kann sich taufen lassen, denn die Christen find schon getauft. Es sollte also gerade umgekehrt die Manier persifliert werden, das, was nicht gefällt, als jüdisch zu bezeichnen. In der Abhängigkeit vom Urteil anderer sind die Assimilanten den Snobs ähnlich, einer bekannten Figur aus der Weltliteratur, von welcher namentlich Dbaebsra§8 book of snobs handelt. Der Affimilant ist gleich dem Snob, ein exzentrischer Mensch. Sie haben beide ihr Zentrum nicht in sich, sondern in anderen. Wie auffällig die internationale Verwandtschaft des Affimilanten mit dem Snob ist, konnte man aus zwei Zitaten ersehen, welche dieser Tage im „Magazin für die Literatur" zu finden waren. Jules Lemaitre sagt vom Snob: „Der Snob ist ein junger Mann, mit geistiger Beweglichkeit und dem heißen Bemühen, im Neuesten mitzutun. Ein Hammel, der an der Leine geht, aber dabei höchst würdig, zuftieden und selbstständig dreinschaut.Aber bei allem Bestreben, die neuesten Ideen zu vertreten, kommen die Snobs doch immer zu spät. Denn ehe sie von dem Neuesten Besitz ergreifen, muß es eine gewisse Approbation erhalten haben, denn die Snobs urteilen nicht selbst." Le Maitre behandelt in dem Snob mehr die harmlose Außenseite, während Thackery mehr die inneren Triebfedern des Snob aufdeckt. Er sagt: „Du, der Du Deine Nachbarn verachtest, bist ein Snob, Du, der Du Deine Freunde vergißt, um Höhergestellten nachzulaufen, bist ein Snob, Du, der Du Dich Deiner Armut schämst und über Deinen Beruf errötest, bist ein Snob." Nun ersetzen wir das durch andere Ausdrücke und sagen wir: Du, der Du Deine Glaubensgenoffen verachtest, bist ein Affimilant, Du, der Du Deine Verwandten vergißt, um Höhergestellten nachzulaufen, bist ein Affimilant, Du, der Du Dich Deiner Abstammung schämst und über Deinen Glauben errötest, bist ein Affimilant." Um nicht mißverstanden zu werden: jeder gesellschaftliche Streber ist Affimilant. Aber nicht jeder Affimilant ist Streber; es gibt zum Beispiel sehr ehrenwerte Affimilanten, die aus einer falschen Auffassung der Pflichten eines Staatsbürgers für die Assimilation eintreten, iu praxi aber zu viel Pietät haben, nach ihren Theorien konsequent zu verfahren. Die Parallelen zwischen diesen beiden Gattungen Menschen erscheinen außerordentlich frappierend und das ist ja auch kein Wunder, daß diese Aehnlichkeit vorhanden ist, denn Beide sind eben Menschen, die nicht ihrer Meinung, sondern der Meinung anderer Menschen find, und nicht ihrer Empfindung, sondern der Empfindung anderer Leute folgen. Die Damen wollen die ungalante Bemerkung entschuldigen, daß diese Abhängigkeit vom Urteil anderer, die Frauen besonders ungünstig beeinflußt hat. Es ist aufgefallen, daß. während allen anderen Religions-Gemeinschaften gerade die Frauen die stärkste Stütze bieten, dies bei den Juden in neuerer Zeit nicht der Fall ist. Das hängt mit der Erziehung der Frauen zusammen, welche man in geistiger Unfreiheit hat aufwachsen lassen. Früher waren die Frauen gewöhnt, in ihrem Manne ihre Autorität zu sehen, nachdem aber die Mauern des Ghettos gefallen find und die Frauen gesehen haben, welche tiefe Verbeugung ihr Mann vor dem Landrat zu machen pflegt, hat die Frau sich natürlich sagen müssen: wenn deinem Manne der Landrat schon eine so große Autorität ist, so folgst du gleich dem Landrat und nicht deinem Manne. Läßt man überhaupt die kritiklose Nachahmung zu, welche das wesentliche Element der Assimilation ist, so ist nach meiner Ansicht ein Halten überhaupt nicht mehr möglich. Es scheint ja zunächst, als ob man nicht alles als gleichwertig betrachten darf und man sagen dürfte: in diesem Punkte kannst du meinetwegen Konzessionen machen, es ist kein wichtiger Punkt. Aber in solchen Sachen heißt es: Principiis obstal Es handelt sich um die Frage: soll man etwas tun, nicht weil man es für wichtig hält, sondern weil andere es tun, um denen zu Gefallen zu leben. Von diesem Prinzip aus gibt es keinen Halt mehr bis zur Taufe. Man beginnt mit dem Schächten. Man sagt: das ist ein asiatischer Gebrauch, warum behaltet ihr den? Dann kommt das Gebet an die Reihe, daß man im nächsten Jahre in Jerusalem zu sein hofft. An das denkt ja Niemand, im nächsten Jahre in Jerusalem sein zu wollen, also müßt Ihr das Gebet aufgeben, sonst seid Ihr keine guten Deutschen. Dann kommt das Verlegen der Sabbathfeier auf den Sonntag, das ist ja der bürgerliche Feiertag. Schließlich sagt man: ja, man lebt nun einmal in einem protestantischen Staate, und deshalb müßt Ihr Protestanten werden. Diese Stufenreihe ist nicht am grünen Tisch ausgedacht, sondern dergleichen hört man häufig von Glaubensgenossen. Und das find noch nicht die Schlimmsten, welche die Taufe logisch begründen, ohne sich ihr zu unterziehen. Gegen diese Affimilierungsbestrebungen hat sich in neuerer Zeit eine starke Reaktion unter den Juden geltend gemacht, und zwar zusammenfallend mit dem Rückgänge des liberalen Prinzips. So weit es sich um Länder handelt, die antisemitisch sind, ist der Zusammenhang ja klar. Es sind ja allerdings eine Menge Juden nicht vor dem Antisemitismus zurückgeschreckt, sie haben sich auch in dieser Beziehung assimiliert. Aber das kann man schließlich nicht von allen Juden verlangen. Wenn wir uns jetzt in Deutschland affimilieren, so ist das nicht das Deutschland Schiller's und Goethe's, oder, um im antisemitischen Jargon zu sprechen, des vielfach überschätzten Leffing, sondern das Deutschland Stöcker's und Ahlwardt's. Es mag ja fraglich sein, was man für Gewesenes geben kann, aber daß man sich Gewesenem schwer assimilieren kann, ist sicher richtig; und es ist zweifellos, daß das Deutschland, welches in der Vergangenhett so sehr auf uns wirkte.