Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 31 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 606 Dr. Llocb's Mocbenscbrm. Nr. 81 sofern sie einen Staat ausmacht). In diesem Sinne bildet das staatliche Verhältnis aus einer heterogenen Menschenmasse ein Volk (nicht eine Nation), die Römer selbst nannten sich nicht „Gens" sondern „populus romanus“. Die ethnologische Bedeutung von Nation bezeichnete ursprünglich die FamÜie, später wurde es zur Bezeichnung einer Gesamtheit von Menschen gebraucht, bei welcher die Uebereinstimmung der körperlichen Beschaffenheit, der geistigen Anlage, der Sprache, Sitten und Gewohnheiten auf eine gemeinschaftliche Herkunft oder — was noch späteren Datums ist — auf eine im Verlaufe der Zeit stattgefundene Verschmelzung hinweist. In diesem letzteren Sinne sind die allermeisten gegenwärtig bestehenden Nationen aufzufassen, da, mit Ausnahme der Juden und vielleicht auch der Araber (Keren), sämtliche Nationen Mischlinge sind, entstanden durch die Welteroberer, durch kriegerische und friedliche Völkerwanderung. Schon die Rabbinen sagen: „Sancherid stand auf Md vermischte alle Nationen." (Berachoth 28 a) Die Juden bilden daher nach dem bisher Gesagten eine Nation und die Erweckung des nationaljüdischen Be« wußtseins hat viel dazu beigetragen, die bereits entfremdete Jugeud dem Judentume als treue Söhne zurückzuführen. Dieses Nationalbewußtsein ohne Kenntnis des Judentums, seiner Sprache und Literatur, seiner 4000jährigen Geschichte, seines Anteils an der Entwicklung der Zivilisation in der Menschheit, ein Nationalbewußtsein, das nicht aus dem heiligen Born des alten Judentums geschöpft ist, ist nach Steiner „ein leerer Stamm", dessen Blüten aus Mangel au belebenden Säften welken und abfallen. Wer jüdisches Nationalbewußtsein wecken und wach erhalten will, muß selbst von solchem gesättigt sein, er muß eine eminent jüdische Erziehung genossen haben und im vorgerückten Alter seinem Denken die jüdische Geistesrichtung zu verleihen verstehen. Ein Führer, dem von seiner Kindheit an das Judentum fremd war und der im Mannesalter dem Judentum fremd gegenüberstand, der kann auch anderen keinen wahren Begriff vom Judentume beibriugen. Dr. Lippe. Zur Agimilationsfrage. Unsere Nachschrift von wenigen Zeilen, welche wir dem Artikel des Herrn Prof. M. Steiner (Nr. 29) angefügt haben, wurde von Herrn Dr. Isidor Daniel in Nr. 30 d. Bl. einer eingehenden Kritik unterzogen. Herr Dr. Daniel ruft uns zu: „Sie verstehen also unter Assimilation „gegenseitige Aufnahme und Verschmelzung", was meiner Ansicht nach ganz unrichtig ist. Affimilieren (von dem lateinischen „sirnilis", ähnlich) heißt nichts anderes als ähnlich machen oder ähnlich werden; Affimilation ist das Hauptwort davon, also etwa Anähnelung. Aehnlichkeit besteht in der Uebereinstimmung einzelner Elemente zweier Dinge, bei bleibender Verschiedenheit anderer. Bestünde volle Uebereinstimmung aller beiderseitigen Elemente, wäre, dies nicht mehr Aehnlichkeit sondern Identität. Verschmelzung ist die — gleichgiltig ob naturgemäße oder künstlich erzeugte — Identität zweier Dinge, die. miteinander vermengt oder verschmolzen, nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. Zur Verschmelzung gehört zweifellos die „gleiche Bereitwilligkeit zweier Elemente zu gegenseitiger Aufnahme und Verschmelzung". Dies ist bei beiderseits identischen Elementen von selbst der Fall. Anders verhält sich aber die Sache bei der Anähnelung. Diese hangt nicht von der Bereitwilligkeit beider Dinge, sondern einzig und allein von der Bereitwilligkeit des einen Dinges, dem andern ähnlich zu werden, ab. Mag das Musterding sich noch so dagegen sträuben, es kann nicht verhindern, daß ein anderes Ding, welches die Fähigkeit dazu besitzt, sich ihm anähnelt, affimiliert. Trotz Aehnlichkeit behalten beide Dinge, Muster und Kopie, ihre wesentlichen Eigenschaften bei." Wir antworten darauf: Wäre unter „Affimilation" auch nur eine „Annäherung" zu verstehen, so gehört auch zu einer solchen, sofern sie nicht eine belanglose, äußerliche und räumliche, sondern eine innerliche und geistige sein soll, die Bereitwilligkeit beider Teile. Verhält sich auch nur einer der Teile zu dieser „Annäherung" ablehnend, so ist all der Liebe Mühe ohne Resultat und beide bleiben einander ftemd. Indessen haben die „Affimilanten" jederzeit erklärt, sie fühlen sich als Deutsche jüdischer Konfession, beziehungsweise als Polen jüdischer Konfession — nicht daß sie dem Deutschen oder dem Polen „ähnlich" sind. Die „Aehnlichkeit" ist ein rein äußerliches Moment, ohne Belang; sie begründen ihre Zugehörigkeit zum neuen Volkstum, weil sie sich mit ihm geistig und seelisch eins wissen. Es handelt sich bei der Assimilation nämlich um einen mißverständlich aus dem Bereich der Physiologie übertragenen Begriff. Man spricht von Affimilation bei der Nahrung; wie man die verschiedenen Nahrungsstoffe zu Fleisch, zu Zellen, zu Blut und Geweben gewissermaßen verarbeitet, so sollen die Juden, welche bisher Fremdkörper waren, gewissermaßen ein organischer Bestandteil in dem Ganzen werden. Herr Dr. Isidor Daniel sieht in der „Affimilation" ein „Ideal", welches man mit dem Judentum in Einklang zu bringen „im wahren Interesse des Judentums" trachten soll. Kein Rat ist so oft gegeben und so kritiklos angenommen worden. Die Juden hätten sich, um die Gleichberechtigung gewiffermaßen zu verdienen, den Sitten, Anschauungen und Gebräuchen ihrer Umgebung vollständig anzupaffen. In einer Rede vom 18. Februar 1907 hat Schreiber dieser Zeilen vor den Wählern der Wiener Leopoldstadt über das Problem der Affimilation in folgenden Worten sich geäußert: „Am Scheitern der Assimilationsbestrebungen waren die Juden nicht die Schuldtragenden, denn der Jude war asstmilationssüchtig bis zum Fanatismus. Sein bestes Selbst, die heiligsten Heiligtümer seiner Ahnen, die ruhmreichsten Traditionen seiner Geschichte hat er preisgegeben, um die Volksgunst einzutauschen, oder wie er sich ausdrückte, dem „Zeitgeist" zu huldigen. Seine Synagogen hat er in Tempel umgewandelt, seine Rabbinen sind Geistliche geworden, aus seinen Gebeten hat er die erhebendsten Erinnerungen an die Tage der Leiden und Drangsale ausgemerzt und er verschmähte selbst die gesellschaftlichen Untugenden nicht, nur um jede Besonderheit abzustreifen und eine Gleichförmigkeit mit den Sitten und Gewohnheiten der christlichen Bevölkerung herbeizuführen. Einem jüdischen Mädchen konnte man kein größeres Kompliment machen, als indem man ihm sagte, sein Gesicht habe gar kein jüdisches Aussehen, trage keine jüdischen Züge. Für die exzeptionelle Anpassungsfähigkeit der Juden zeugen Heinrich Heine, der Schöpfer des deutschen Volksliedes, und Berthold Auerbach, der Schöpfer der deutschen Bauernnovelle. Das Verschulden der Juden ist es nicht, daß sie trotz alledem und alledem im Schoße einzelner Völker ein heterogenes Element geblieben sind. Was im Bereich ihrer Möglichkeit war, haben sie nnternommen, um sich assimilieren zu lassen, d. h. national zu verschwinden. Allein zur Assimilation gehören nun einmal zwei, ein Volk, welches das andere aufsaugt und in sich aufnimmt, und ein Volksstamm, der sich assimilieren lassen will. Allein, die Verdauungsorgane des deutschen Volkes reichten hiezu nicht aus. Die Aufnahmsfähigkeit der Deutschen war sehr beschränkt. Ihr Organismus vertrug eben nicht viel Judentum. Was aber geschieht, wenn einem Organismus mehr von einem Stoff zugeführt wird, als er verträgt? Das ist der Antisemitismus. (Heirerkeit und lebhafter Beifall.) Die krankhaften Zuckungen des nationalen Körpers, welchen in jenen Jahrzehnten alle Völker Europas unterworfen waren, haben ohnehin deren Verdauungsorgane geschwächt, den nationalen Hochmut, den Fremdenhaß gesteigert; je rapider also wir uns zu amalgamieren strebten, ein desto größeres Unbehagen empfanden jene Nationalitäten, in deren Rachen wir hineinspringen. Der Antisemitismus ist nichts anderes als eine Reaktion, eine Aeußerung des Unbehagens von Seiten derjenigen Völker, in deren Magen wir unverdaut liegen! Daher der Zuruf, daß wir ein heterogenes Element bilden im Völkerverbande! Unsere Schuld ist es nicht! Allein, je mehr wir den Prozeß der Assimilation beschleunigen wollen, desto illusorischer werden alle unsere Bestrebungen. Der Antisemitismus ist eine Völkerkrankheit. Nur insofern haben wir diese verschuldet, als wir der damaligen schwachen nationalen Verdauungskraft, die unter der nationalen Nervosität und Gereiztheit gelitten hat, zuviel zugemutet haben. Der Antisemitismus ist somit eine Folge unserer Liebedienerei, unserer Sucht nach Assimilation. Je mehr wir uns zum Anschluß hinzugedrängt haben, umso schärfer wies man uns zurück. Beweiskräftig dafür ist, daß der moderne Antisemitismus nicht in den niederen Schichten des Volkes zuerst auftauchte, sondern an den Universitäten, wo deutsche Sitten und Unsitten von den Juden bis zum Ueberdruß nachgeahmt wurden. Auerbach, der seinen Kindern keinen jüdischen Religionsunterricht geben ließ, ist aus Herzleid über antisemitische Exzesse gestorben. Je stärker wir uns in die christliche Gesellschaft drängten, desto schärfer der Widerstand."