Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 31 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021742--16568-3041396- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 81 Dr. Llocd s MocbenscvrM. Seite 505 Nation oder Uolk. In der letzten Zeit wurde in der „Oesterreichischeu Wochenschrift das Thema erörtert, ob die Juden eine Nation bilden (Iork-Steiner) oder bloß ein Volkstum (Professor M. Steiner). Ersterer erklärte gegenüber der Assimilationssucht, die Juden können sich keiner anderen Nation anschließen, um in ihr aufzugehen, sie sind und bleiben eine Nation 8ui generis; die unter den verschiedenen Nationen zerstreuten jüdisch-nationalen Bruchstücke unterscheiden sich von einander bloß durch die dem Milieu ihres derzeitigen Vaterlandes entlehnte Kultur. Er kennt Inden deutscher, französischer, englischer rc. Kultur. Iork-Steiner gibt somit das Vorhandensein einer jüdischen Nationalität zu, ohne das Kriterium einer solchen anzugeben. Wir hingegen wollen vor Allem uns den Begriff der „Nation" im Allgemeinen klar machen. Ueber den Begriff „Nation" und seine Definition ist. viel geschrieben worden. Wir wollen hier die Ansicht einiger Autoritäten anführen. So Renan: In seiner Schrift: „Qu’est ce qu’une Nation“ sagt er: Die Formen der menschlichen Vereinigungen sind sehr mannigfaltig. Große Menschenmassen wie China, Egypten, Babylonien (ehemals), die gemeinsame Abstammung wie die Hebräer, Araber,- Großstädte, wie Athen, Sparta, die Vereinigung verschiedener Länder m.ch Art des Staates der Achaemeniden, des römischen Staates, des Staates der Karolinger; vaterlandlose Gesellschafts m a ssen , zusammengehalten durch das Band der Religion, wie solches der Fall ist bei den Israeliten und den Persern. . . . Blutsverwandtschaft, wie z. B. die Rasse oder die Sprachenverwandtschaft unter den verschiedenen Zweigen der Germanen und der Slaven — das sind die bestehenden oder gewesenen Arten der Gruppierung. die miteinander nicht vermengt werden dürfen. Maine sagt: „In der neueren Zeit fängt das soziale Band an, seinen territorialen Charakter immer mehr zu verlieren. Der Boden wird zu einem seinen Wert austauschenden Gegenstand, der sich an andere bloß durch gewisse Beschränkungen beim Uebergang von Hand zu Hand unterscheidet, und hört auf, die Grundlage eines sozialen Bandes zu sein. Als wenn die alten Begriffe der Blutsverwandtschaft als die bindende Grundlage in den sogenannten Theorien der Nationalität wieder aufgelebt wären, entstand die Annahme, daß sprachliche Verwandtschaft auf die gemeinsame Abstammung Hinweise." Gumplowicz gibt folgende Definition der Nationalität: „Unter Nation verstehen wir jene soziale Kollektivität, jene Bolksmasse, welche bestimmte, gemeinsame, sozial-psychische ' Charaktere besitzt, die in der Vergangenheit -erworben wurden durch die gemeinsame Geschichte, oder deutlicher gesagt, da sie einst ein einheitliches Volk (Staatsuntergrund) gebildet und daher zu einem Staate gehörte. Die Nation ist das Resultat einer in einem Staate gemeinsam dura geführten zivilisatorischen Entwicklung." Dieser letzte Zeuge hat seine Ansicht sicherlich ohne an das Judentum gedacht zu haben ausgesprochen, da er zu jenen Renegaten gehört, denen der Fortbestand des Judentums, das, wie er sich ausdrückt, nicht sterben will, zuwider ist. Was aber Herr Iork-Steiner unter der Verschiedenheit der Kultur der unter den verschiedenen Nationen wohnenden Juden verstehen will, ist mir nickt recht klar. 'Es gibt in der Zeit .des leichten und raschen Verkehres und der leichteren und rascheren Mitteilung (Druck, Telegraph, Telephon) kaum eine wesentliche Verschieden- - heit der Kultur bei den einzelnen Völkern. Jede neue Idee, jede neue Erfindung oder Entdeckung, jedes neue Resultat der wissenschaftlichen Forschung wird ungesäumt Gemeingut der gesamten, zivilisierten Welt. Es kann vielleicht bloß von einem verschiedenen Grade der Zivllisation die Rede sein. Jeder Gelehrte denkt für die Gesamtmenschheit, in ihm gibt sich der einheitliche Geist des Menschentums kund. So sehr verschieden die Resultate des menschlichen Denkens sind und sein können, so sprudelt es dennoch ans einer gemeinsamen Quelle, der Vernunft, die sich trotz der unendlichen Verschiedenheit ihrer Kundgebung im Menschengeist im Großen und ®an$eu als einheitlich auffassen läßt, da sich das menschliche Denken überall und zu allen Zeiten von gemeinsamen, bestimmten, ewig unabänderlichen Gesetzen (Logik) leiten läßt und aus einem Urquell der ewigen Vernunft fließt, die sich in der menschlichen Vernunft selbst kundgibt, deren Teilerfcheinung sie ist. Kühner, Professor in Coburg, sagt: „So wie unter den Tausenden Blättern eines Baumes sich auch nicht zwei gleiche finden, so auch nicht zwei gleiche Menschen (körperlich und geistig) unter den Millionen am Baume der Menschheit; alle sind ähnlich, aber nicht gleich, alle zu einem und demselben Stamme gehörend, aber ein Einzelleben führend. Je höher die Gattung in ihrer Entwicklung steigt, umso mannigfacher entwickelt sich das Individuum." „Dennoch werden der Botaniker, der Gärtner und Pharmazeut die Blätter trotz der verschiedenen Form als von einer Pflanzengattung stammend erkennen, da ihnen allen gewisse, gemeinsame Charaktere (der Gattung) anhaften." Diese Ansicht haben auch die Rabbinen an Menschen selber ausgesprochen. So schreiben sie (Berachot 58, a) vor, beim Anblick eitler großen Menschenschar zu sprechen: „Gelobt sei der Kenner der Menschengeheimuisse — sowie ihre Gesichter einander nicht gleichen, so auch ihre Anschauung. Jeder bat seine eigene Anschauung." An einer anderen Stelle (Synh 38, a) sagen die die Rabbinen: „Gott prägt das Bild jedes Menschen in der Form des ersten Menschen und dennoch gleich keiner dem anderen." Die Men'cheu sind trotz unendlich r Verschiedenheit in äuß rer Gestalt und geistiger Befähigung dennoch nach einem Typus geschaffen. Herr Aork-Steiner dürfte unter verschiedener Kultur der Juden die Verschiedenheit in Sprache, Sitten und den Gewohnheiten verstanden haben wollen. Herr Prof. M. Steiner spricht dem Judentum den Titel „Nation" ab und nennt es „Volkstum" und gelangt zum Schlüsse: „Ein Volkstum wird nur im Staate zur Nation". Wenn erst öte Staatenbildung die Menschenmasse zur Nation macht, so müßte es eine österreichische Nation geben, die aus vielen Bruchstücken von Völkern besteht, wie der Staat selbst. Allein weder der Pole und der Ruthene in Galizien, nock der Tscheche oder der Slovene, ja selbst der Deutsche in Oesterreich ober und unter der Enns bekennt sich zu einer österreichischen Nation, sondern zur polnischen, ruthenischen, tschechischen und deutschen. Ebenso wenig würde der Preuße oder der Bayer auf die Frage, zu welcher Nation er sich bekenne, antworten: zur preußischen, zur bayerischen, sondern zur deutschen Nation, aber zur preußischen, zur bayerischen Staatsangehörigkeit. In der Bezeichnung einer kompakten Menschenmasse durch Rasse, Volk und Nation herrscht eine arge Begriffsverwirrung. Nation, ist ein lateinisches Wort und bedeutet ursprünglich die Geburt, vom Stamme ^nasei“ (geboren werden, dann auf natürlichem Wege entstehen); ausgehend von der Voraussetzung, dag die Alten für die Wortbildung zur Bezeichnung eines Begriffes eine Wurzel gebrauchten, die am meisten dem Wesen des Begriffes entspricht, habe ich in meiner Schrift: „Meine 25jährige zionistische Agitation" eine Erörterung des Begriffes Nation vom etymologischen Standpunkte aus versucht. Der Römer unterschied zweierlei Bande von zusammenhängenden Menschenmassen, die Gens (von yzvib) erzeugen gebären lebender Wesen), eine von gemeinsamen Eltern ihren Ursprung nehmende Volksmasse, und den Populus (Volk) (von pellere, impellere znsammentreiben) eine ans Menschen verschiedener Abstammung zusammengesetzte Meuscheumasse (in politischer Beziehung in-