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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-08-02 · 31 (2.8.1907) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
31 (2.8.1907)
Date
1907-08-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 31 Dr. JBlocb’s MocbenscdrlN. Seite 503 Der alte Hebräer hat nie einen Gedanken vor seinen Richterstuhl gezogen oder die Meinung des ringenden Geistes, auch wenn er auf Irrwegen sich befand, verurteilt. Ent. scheidend war für ihn ausschließlich die fromme Gesinnung, -das Streben und Ringen nach Wahrheit. Die „Männer der großen Versammlung", die vornehmsten Repräsentanten der Pharisäer, nahmen, als sie den Kanon der heiligen Bücher zusammenstellten, das Buch der Prediger mit herein. In letzterem aber heißt es Kap. 3, V. 19 u. 21: „Denn das Geschick des Menschen ist wie das Geschick des Viehes, ein Geschick trifft sie alle; wie das stirbt, so stirbt jener, und einen Geist haben sie alle. Der Mensch hat keinen Vorzug vor dem Vieh. Wer weiß, ob der Geist der Menschen in die Höhe steigt und der Geist des Viehes zur Tiefe, zur Erde?" Kann man einen Zweifel an der Unsterblichkeit der Seele, an Vergeltung von Gut und Böse schärfer ausdrücken? Und doch wurde Koheleth zum heiligen Buch. Die Kirche hätte ein Buch, in welchem die Unsterblichkeit der Seele, das Jenseits mitsamt Lohn und Strafe so stark angezweifelt wird, entschieden auf den Index gestellt und zum Lesen verboten, das pharisäische Judentum hat es kanonisiert. Was aber soll es gar bedeuten, daß der Herr Professor Oberhummer das „Anathema“ der Kirche gegen die freie Bibelforschung mit dem „Geist des Pharisäertums" in einen Zusammenhang bringt? Oberster Grundsatz des Pharisäertums war, daß dem Bibelwort nur jene Geltung und Autorität zukommt, welche die verstandesmäßige Auslegung gestattet. Die Pharisäer waren es, welche aus der vorhandenen religiösen Literatur die uns bekannten Schriften, weil sie in ihnen den unverfälschten Ausdruck der Religionswahrheiten erkannten, auserwählten und sammelten, andere aber, die ihnen den Geist der Religion nicht unverfälscht wiederzugeben schienen, unterdrückten. Auf Grund welcher Vollmacht wurde nun diese redaktionelle Tätigkeit sowohl in positiver wie in negativer Richtung ausgeübt? Lediglich auf Grund gemeinsamer Kritik, die ihre Berechtigung aus sich selbst schöpfte. Die jüdische Schriftauslegung war weit entfernt von allem Autoritäts- und Buchstabenglauben und hat durch eingreifende Maßregeln bewiesen, daß der Buchstabe dem Geiste weichen mußte. Der Geist des Pharisäertums spiegelt sich wieder im Geiste des Talmuds. Der Geist des Talmuds aber ist der Geist der Unabhängigkeit, Selbstständigkeit, der auf keine Autorität schwört, der seine Freiheit keinem Machtgebot opfert, dessen Lebenslust Denken, Forschen und Erkennen ist. Aus dieser seiner Natur erklärt sich, daß der Talmud die wirksame Vorschule für zahlreiche Denker gewesen ist, die mit seltener Kühnheit und Freimütigkeit aber auch gründlich und tiefsinnig das Wesen Gottes und der Dinge sich zurechtlegten. Auch Spinoza hatte ohne Zweifel den Denkübungen, zu welchen das Talmudstudium anregt, viel zu verdanken. Herr Prof. Dr. Eugen Oberhummer erinnert im Laufe seiner Ausführungen an den Bannstrahl, welcher Spinoza traf. Die spanischen Marannen, die jahrhunderte lang für ihren Glauben hatten leiden müssen und eben erst in Amsterdam eine freie Gemeinde gründen konnten, waren in begreiflicher Nervosität, mußten sich vor Spinoza schützen, der sie stören, der ihnen das mit Blut schwer erkaufte Allerheiligste, den Glauben, rauben wollte. Und sie waren auch von den Gewohnheiten der Kirche infiziert, hatten es in Spanien gelernt, den Bannstrahl zu schleudern — von der Kirche der Inquisition. Aus der katholischen Kirche des Mittelalters ist die Dogmatisierungssucht in die Synagoge zu kurzem Verweilen übergegangen. Die arischen Intellektuellen gefallen sich darin, den Haß der Kirche gegen die Wissenschaft und die freie Forschung als eine „erbliche Belastung" auszugeben, sozusagen als ein Stück „engherziges Judentum" innerhalb der arischen Gemeinschaft. Allein die historische Wissenschaft straft alle solche und ähnliche Annahmen Lügen. Der Gegensatz zwischen Wissen und Glauben ist dem Althebräer kaum zum Bewußtsein gekommen und die Abneigung gegen das freie Denken ist ein ureigenstes arisches Erzeugnis, hat sich auch innerhalb der Kirche erst entwickelt, nachdem sie sich von den ererbten semitischen Traditionen vollständig emanzipiert hatte. Von völkerpsychologischem Jntereffe, in gewiffem Sinne auch ein Kulturkraftmeffer, ist die differenzierte Verarbeitung und Ueberwindung fremder Ideen, welche sowohl das Judentum, als auch das Christentum von Außen empfangen hat. So z. B. find beide, Judentum und Christentum, von babylonischen Volksvorstellungen stark infiziert worden. Die neuesten babylonischen Ausgrabungen enthüllen ja immer mehr und mehr, wie sehr das christliche Denken mit babylonischen Ideen behaftet ist, welche in das Christentum durch das Medium der Bibel eingedrungen find. Allein im Alten Testament nehmen jene Ideen nicht den zentralen Raum ein und üben keinen solch Alles überflutenden Einfluß aus, wie innerhalb des Christentums. Das hat kein Geringerer als Profeffor Friedrich Delitzsch in seiner jüngsten Schrift „Mehr Licht" an intereffanten und instruktiven Beispielen nachgewiesen. Er exemplifiziert zunächst an die Vorstellung von Engeln, Dämonen und Teufeln, welche der egyptischen Religion durchaus fremd find und in Babylonien seine Heimat hat. Schon die alten Talmudisten erklärten es ausdrücklich, daß die „Namen der Engel aus Babylon nach Palästina mitgebracht" worden find. Delitzsch sagt: „Dämonenglaube ist weit verbreitet und war gewiß auch den bebräischen Nomadenstämmen nicht fremd. Es bleibt aber ein Ruhm der altisraelitischen Religion, daß sie weder dem heimischen noch dem benachbarten babylonischen Dämonenglauben auch nur ein Mindestmaß von Berechtigung einräumte. Die altisraelitische Religion weiß nichts von einem Teufel oder Satan, daS heißt Feind oder Widersacher. Erst in der nachexilischen Zeit begegnen wir plötzlich in der Volkssage des Buches Hiob (Kapitel I. 2) einer niederen Gottheit, die in nahem Verkehr mit dem Herrn erscheint und mit dessen Zulassung auf der Erde umherschweift, um dem Menschen, insbesondere dem Frommen, nachzustellen und ihn mit Unglück aller Art, vornehmlich mit Krankheit, zu verfolgen und zu „versuchen". Es ist der babylonische „Teufel", der „feindliche Gott", der in Verbindung mit einer Legion von Dämonen dem Menschen mit allerlei Unheil nachstellt — ein uralter babylonischer Glaube, mit welchem das Judentum im babylonischen Exil infiziert worden sein mag, wahrscheinlicher aber durch die im achten und siebenten Jahrhundert v. Ehr. in großen Mengen nach Galiläa und Samaria verpflanzten Bewohner babylonischer Städte. Auf diese Weise erklärt sich überraschend, warum gerade in der Vorstellungswelt Jesu von Nazareth und seiner galiläischen Schüler der Dämonen- und Teufelsglaube solche Bedeutung gewonnen hat. Der ganze Vorstellungskreis von unsauberen Geistern, die womöglich gleich sieben an der Zahl in den Menschen fahren, ihn mit Blindheit, Krämpfen und sonstigen Krankheiten schlagen und „mit Gottes Geist" (Matth. 12, 28) ausgetrieben; der Glaube, daß in dem Stummgeborenen ein stummer Dämon wohne (Luk. 11» 14); die Vorstellung von einem, dem Menschen „feindlichen" übernatürlichen Wesen oder „Teufel" — all das ist als spezifisch babylonisch historisch erwiesen." Babylonien ist auch die Heimat der Volksvorstellung von Zauberern und Hexen: Der babylonische Ursprung des Hexenwahnes ist jetzt dargelegt durch ein keilschristliches Achttaselwerk, betitelt „MaqM“ oder „Verbrennung", welches der im Jahre 1854 von den Engländern in Ninive gefundenen Tontafelbibliothek Asurbanipals angehört. Die Hexe kann durch chr Zauberwort, ihren Blick, ihren Speichel über Körper, Haus und Habe des Menschen jegliches Unheil jählings heraufführen. Sie treibt sich auf den Straßen umher, dringt in die Häuser; sie behaftet den Menschen mit Krankheit, vertreibt den guten Gott aus seinem Leibe und setzt den Teufel an seine Stelle. Schon ein Bild des betreffenden Menschen, das fie aus Thon, Wachs oder sonst welchem Stoffe bildet, genügt ihr, jenen zu schädigen, zu vernichten, indem fie es einem Toten mit in den Sarg gibt, in einem Torweg, auf eine Brücke niederlegt, wo es die

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