Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 30 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 30 Dr. Llocv's Mloedenscvrrn. Sette 480 Die Pflegerinnen konnten nicht begreifen, woher die mumienhafte, ftorbende, kleine Frau plötzlich die Kraft nahm, eine sitzende Stellung einzunehmen. Die kleine Großmutter zog mit ihrer runzeligen Hand einen zerdrückten Brief, der ebenso gekb und unansehnlich wie sie selbst war, aus ihrem verschrumpften Busen. Der Brief war mit seltsamen Hieroglyphen bedeckt, die längst verblichen waren. Sie hielt ihn dicht vor die fast gebrochenen Augen — es war, als verkläre sich plötzlich das von tausend Runzeln durchfurchte, welke Gesicht. Ihre Lippen bewegten sich leise: „Ich komme, mein Lamm", flüsterte sie. „Mut, Dein Mütterchen ist auf dem Wege! Ich werde Dein Antlitz Wiedersehen. Ich werde Dich lebend finden!" Literatur. Purim. Address delivered ad the annual Meeting of the Society of Biblical Literature and Exegesis New-York, December 27. 1905, by Paul Haupt, L. L. D. W. W. Spence Professor of tbe semritie languages in the J.ohn Hopkin’s Univorsity Baltimore, MD Leipzig. I. S. Hinrichs'sche Buchhandlung 1906. Selbst dem kwffervativen, von der zersetzenden Säure der Bibelkritik kaum berührten Bibelleier werden bei der Lektüre des Buches Esther schwere Bedenken gegen manche darin vorkommende Unmöglichkeit oder Unwahrscheinlichkeit aufstoßen, die auch schon wiederholt beredten Ausdruck gefunden haben*). Man kann sein Befremden nicht unterdrücken, wenn man von einem 180 Tage währenden Gelage liest, zu dem alle Notablen eines Riesenreiches eingeladcn sind; man schüttelt ungläubig den Kopf über die Vitalität Mordechais, der im Jahre 597 deportiert und im 12. Regierungsjahre des Xrrxes, also 123 Jahre später, Wesir wird, und glaubt nicht, daß die Cousine dieses Mummelgreises, die doch damals auch schon ein sehr erwachsenes Mädchen, ja eine angejahrte Dame gewesen sein muß, durch ihre körperlichen Rsize auf den König einen solchen Zauber ausgeübt haben soll. Man staunt noch mehr darüber, daß Mordechai die von ihm geplante Bartholomäusnacht (sowie früher Haman) elf Monate vor der Ausführung auf Tag und Stunde im ganzen Reiche angekändigt habe und daß Myriaden Perser sich von einem Haufen Juden haben schlachten lassen. Wo das Wissen aufhört, stellt die Hypothese zur rechten Zeit sich ein, und so türmte man auch hier als Erklärungsversuch auf dem schwanken Grunde der einen Vermutung unzählige andere auf. die aber, wenn man sie herzhaft anfaßt, kaum Stand halten können .Unser gelehrter Autor hat nun in der vorliegenden Rede mit seltener Sachkenntnis und souveräner Beherrschung des gesummten Materials den ganzen Stoff nicht nur erschöpfend dargeboten, sondern" Ihn in ebenso anregender als geschmackvoller Werse auch dem Nichtsachmann mundgerecht gemacht, so daß dieselbe schwerlich überlroffen werden kann. Neues hat er allerdings kaum geboten, dies lag aber auch vielleicht gar nicht in seiner Absicht. Wir gehen zunächst daran, im Anschluffe an den Verfasser die Ergebnisse seiner Untersuchungen möglichst knapp zusammenzufassen, wobei wir uns Vorbehalten, aus seinen überaus reichhaltigen Erörterungen später noch das herauszugreifen, was ims einer besonderen Beachtung wert erscheint. Das Wort Purim wäre unserem Autor zufolge vom altperffschen pürti abzuleiten und bedeutete einen Anteil, eine Gabe, so daß Purim mit dem lateinischen streme und dem französischen etrennes identisch und etwa mit „Fest der gegenseitigen Geschenke" zu übersetzen wäre. Durch eine Volksetymologie und mit Hinblick darauf, daß besonders im Hebräischen das Wort „Anteil" auch oft im Sinne von „Los" und „Schicksal" (vergl. z. B. Psalm 16, 5) gebraucht wird, erhielten die Worte „Jeme Purim" auch die Bedeutung von „Lostagen", d. h. von solchen Tagen, an denen sich nicht nur das Schicksal für eine nahe Zukunft entscheidet, sondern auch der über dieselbe gebreitete Schleier sich durch allerhand Orakettünste ein wenig lüften läßt. Das Buch Esther ist so wie das Buch Judith streng genommen unhistorisch und es läßt sich als auf dessen geschichtlichen Hintergrund höchstens auf die von den Juden durch die Syrer erlittenen Demütigungen bis zur schließlichen Niederwerfung des von Demetrius gesandten Nikanor durch den glorreichen Sieg vom 13. Ada« 161 v. Chr. Hinweisen. Außer diesem Ereignisse sind eS nur aus den verschiedensten Quellen und verschiedensten Zeiten hergeholte Reminiszenzen, die zu dem Inhalte des Buch»» Esther beigetragen haben. Nikanor ist das Prototyp des persischen Haman, sowie die Mordschai angeblich erwiesenen außerordentlichen Ehrungen nichts anderes sind, als eine Erinnerung *) Hat sich doch die Emnnerung an die verhältnismäßig späte Verpflanzung des Festes nach Palästina und damit an die späte Entstehung des Estherbuches noch in der Mischuah bewahrt, denn in einem ihrer Traktate wird berichtet, 85 Aelteste hätten über die Einführung des PurimfesteS als eine widergesetzliche Neuerung gespottet, i an die den Hohenpriester Jonathan, dem jüngeren Bruder und Nachfolger des Juda Makkabaeus, zuteil gewordenen Ovationen. Die Namen Hamen und Vashti find snsianisch oder elamitisch, während Mordechai und Esther mit den babylonischen Gottheiten Marduk und Jstar identisch sind. Dem Gegensatz zwischen Mordechai und Esther emer- und Haman und Vashti andererseits mag eine alte, babylonische Legende, die die Verdrängung der elamitischen Gottheiten durch die babylonischen'verherrlicht, zu Grunde liegen, und wenn man noch weiter zurückgeht, dürfte auch diese in einem uralten Mythus der Naturreligion wurzeln, in dem der nach schwerem Kampfe erfolgte Sieg der Frühlings- und Lichtaottheiten über die Frostriesen des Wmters symbolisiert erscheint. Mordechai bedeutete demgemäß den Frühlings- und Lichtgott, der über den Frostriesen Haman triumphiert, welch letzterer dem schlimmsten und prahlerischesten der Unholde des nordischen Jötunenheim, Hrungner, gkrichzusetzen wäre, und der traurige Winter von Judas Unglück und Schmach verwandelte sich in einen strahlenden Sommer durch die mit Juda Makkabaeus aufgehende Sonne. Es sei uns noch gestattet, aus der Fülle von Einzelbemerkungen einige Details in aphoristischer Kürze herauszugreifen, die einem weiteren Leserkreis minder bekannt sein und denselben doch interessieren dürften. Der Verfasser hebt hervor, daß den Festen, denen ursprünglich Vorgänge in der Natur zugrunde lagen, nach Entstehung der positiven Religion historische Überlieferungen unterlegt wurden. Das Buch Esther sei um l 30 während der Regierung des Johann HyrkanuS von einem Juden in Persien verfaßt worden als Komdinatton der Erinnerungen an den Nrkanorstag mit dem zur Zeit des Frühliugsäquinoltiums gefeierten persischen Neujahrsfeste, welches letztere wieder an das zur Zeit des Mordukfestes gefeierte babylonische Neujahrsfest anknüpfte. Das jüdische Neujahr begann ursprünglich im Herbste, zur Zeit des Herbstäquinoktiums; während der babylonischen Gefangenschaft übernahmen die Juden den babylonischen Jahresanfang im Frühling und dirse Zeitrechnung behielten sie vom 6. bltz zum 1. Jahrhundert bei und erst später kehrte man wieder zu dem fiüheren Jahresanfang (des 7. babylonischen Monats) zurück. Diese Doppelrechnuug behauptete sich übrigens auch noch später in dem verschiedenen Beginn des bürgerlichen und deS kirchlichen jüdischen Neujahrs. — Der aus dem Buche Esther sprechende fanatische Geist erkläre sich eben leicht aus der in die Makkabäerperiode fallende Zeit seiner Abfassung nach den von den Syrern begangenen unsäglichen Grausamkeiten eines Antiochus Eplphanes, der gerade so wie Haman im Judenvolk einen bösen Fremdkörper erblickte, den man mit Stumpf und Stiel ausrotten müsse. — Wie bereits oben gesagt, sind die nach dem Buche Esther Mordechai widerfahrenen Auszeichnungen auf die Ehren zurückznführen. die dem Hohenpriester Jonathan gelegentlich der Hochzeit deA syrischen Königs Alexander Balas mit der egyptischen Prinzessin Kleopatra im Jahre 150 erwiesen worden sind. Hier weisen die beiderseitigen Berichte öfter eine bis ins Kleinste sich erstreckende Uebereinstimmung auf. Alexander Balas ist das Prototyp des Ahasver, sowie des Balas Frau, Kleopatra, die Tochter des Ptolomäus VI. Philonietor das der Esther. Dieser und seine Schwester waren durch eine besondere Judenfreundlichkeit ausgezeichnet. Esther weist auch sehr verwandte Züge mit Irene, der Favoritin von Ptolomäus Philomktors Bruder und Nachfolger, Ptolomäus Physcon, auf, welch letztere Physcon veranlaßte. seinen Vernichtungsplan gegen die Juden aufzugeden. Diese von Jcsephus berichtete Tatsache ist im sogenannten 3. Makkabäerbuche auSgeschmückt und bildet die Alexandriuische Legende des Purimsestes. fowte das Buch Judith die palästinensische und das Buch Esther die persische Purimlegende ist. Das erstgenannte wurde in Egypten im ersten Jahrhundert der christlichen Aera. das zweite in Palästina gegen das Ende des ersten vorchristlichen Jahrhunderts, das dritte in Persien durch einen Juden um 130 niedergeschrieben. Das Buch Judith ist ein pharisäisches, das Buch Esther ein sadducäisches Produkt Esther wurde übrigens auch mit der Scherazade aus 1001 Nacht identifiziert. Der arabische Herodot Macüdi läßt Scherazade eine Jüdin sein und ihm zufolge hätte Nebukadnezar ein jüdisches Mädchen geheiratet, das ihn bewog, den Inden die Rückkehr nach Jerusalem zu gestatten. Im Buche Esther verstößt der Königs die Königin, die ihn beleidigt hat, in 1001 Nacht erschlägt der König seine ehebrecherische Gemalin. In beiden Erzählungen wird berichtet, daß dem Könige hierauf allnächtlich eine neue Bewerberin um seine Liebe zngeführt wird, bis schließlich eine sein Herz und die Krone gewinnt. Esther rettet ihr Volk, Scherazade die Töchter ihres Volkes. Beide Damen lesen dem Könige zur Bekämpfung seiner Schlaflosigkeit aus alten Chroniken vor. Die beiden Relationen gehen nur darin auseinander: Scherazade rettet die Töchter ihres Volkes mit Gefahr des eigenen Lebens, trotzdem ihr Vater, der Großwesier, sie davon abzuhalten sucht; Esther hingegen weigert sich anfänglich, und erst von Mordechai befeuert, rafft sie sich zu ihrer großen nationalen Tat auf. Der zwischen Mordechai und Esther gepflogene Austausch von Botschaften und Verständigungen weist wieder eine frappante Aehnlichkeit der Korrespondenzen zwischen Phädimnia und ihrem Vater Otanes auf, die endlich zur Ermordung des Pseudo-Smerdis führen. Wir können hier aus Raumrückfichten auf diesen Punkt nicht näher eingehen und müffen auf die Schrift selbst verweisen. Die Besiegung. Nikanors erfolgte bei Adasa und ebenso lautet auch der Jungfrauennamen Esthers: Hadassa, der auch der Name der mit Marduk vermälten Jstar ist. Wie schon oben angedeutet, spiegelt sich im Buche