Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 30 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 498 Vr. Llocb's Mocbenscbrm. Nr. 30 ihre Befürchtungen. Selbst wenn er noch nicht von der verheerenden Seuche ergriffen sein sollte, so war er doch nach seinem eigenen Geständniffe in der Verfassung, in der man am meisten dazu disponiert ist, der unheilvollen Krankheit zum Opfer zu fallen. Er lag vielleicht jetzt schon auf dem Kranken- oder dem Merbebette — vielleicht war er schon tot. Schon in jenen Tagen hatte die kleine Großmutter das gewöhnliche Lebensalter überschritten; sie hatte viele Menschen sterben sehen und wußte es, daß der Todesengcl seine Opfer willkürlich heischt. Bei einer Epidemie hat er so viel Arbeit, daß er dem einzelnen Falle keine besondere Aufmerksamkeit widmet. Die Sehnsucht nach ihrem Jungen erwachte mit unwiderstehlicher Gewalt. Das Ende des Brieses schien ihr einen verborgenen Sinn zu haben: „Komm doch bald, recht bald, um mich zu besuchen, liebes Mütterchen. Denn ich werde dich jetzt sobald nicht aufsuchen können." Ja, sie mußte sofort zu ihm — wer weiß, ob sie ihn nicht zum letzten Male sehen würde? Dann aber zögerte sie plötzlich, ihr war ein schrecklicher Gedanke gekommen. Der Sabbath hatte gerade vor einem Augenblick begonnen. Fahren, reiten, überhaupt jede Art des Reifens war für die nächsten 24 Stunden auf das Strengste verboten. Verzweifelnd suchte sie sich ihre Lage klar zu machen. Die Religion gestattete ihr nur unter einer Bedingung den Sabbath zu brechen, das war, wenn eiu Menschenleben dadurch gerettet werden konnte. Zu ihrem Sohne fahren konnte sie nicht, dann hätte sie Jemand Anderen in den Handel ziehen müssen und ihn verleitet, des Geldes wegen den Sabbath zu brechen. Sie mußte also gehen! Obgleich sie wußte, daß das Gesetz es für sündhaft erklärt, sich am Sabbath weiter als 2000 .Schritte von dem Wohnorte zu entfernen — so konnte sie dies doch nicht ändern. Von allen Reisearten war doch das Gehen immer noch am wenigsten sündhaft. — Der Allerheiligste — gesegnet sei sein Name — wußte ja, daß sie damit keine Arbeit zu vollbringen gedachte. Vielleicht würde er in seiner Gnade Barmherzigkeit mit einer allen Frau üben, die bisher noch niemals seinen heiligen Sabbath gebrochen hattet Nachdem sie rasch ein wenig gegeffen, steckte die kleine Großmutter den Brief ihres Sohnes in den Busen, gürtete ihre Lenden und machte sich aus, um 37 Meilen zu Fuße zu wandern. Sie nahm keinen Stock mit, denn nach den Gesetzen des Talmuds wäre es wieder eine Sünde gewesen, am Sabbath etwas zu tragen. Ebensowenig durfte sie einen Regenschirm mitnehmen, obwohl es in der Regenzeit war. Meile für Meile schritt sie tapfer voran, dem geliebten, bleichen Gesichte entgegen, das ihr am Ende ihrer Reise winkte und das wie ein Stern vor ihr herzuziehen schien. „Ich komme, mein Lamm," flüsterte sie. „Dein Mütterchen ist auf dem Wege". Es war eine feuchte Nacht. Ein ungesunder, weißfarbener Dunst stieg auf und der Himmel schien die Erde wie mit einem Leichentuche zu umhüllen. Die an dem Wege stehenden Bäume verschwanden in dem dichten Nebel. Um Mitternacht wurde der Dunst so dicht, daß kein Stern mehr sichtbar war. Furchtlos wanderte sie die ganze Nacht durch den Wald; ihres Weges war die kleine Großmutter ganz sicher. Sie begegnete weder Mensch noch Tier, obwohl in diesem Walde Wölfe und Bären hausen und es auch giftige Schlangen gibt. Es sprangen aber nur ein paar unschuldige Eichhörnchen den Weg. Als der Morgen kam, war sie sehr Müde und beinahe lahm. Aber sie wanderte weiter. Die Hälfte ihrer Reise lag noch vor ihr. Sie hatte nichts zu essen mitgenommen; das wäre ja auch eine unerlaubte Bürde gewesen. Ebensowenig durfte sie an dem heiligen Tage etwas kaufen. Während des Gehens sagte sie ihre Sabbathgebete und bat Gott inständig, ihr ihre Sünde zu vergeben. Ihr frommes Gebet stärkte sie und machte sie ihre Müdigkeit teilweise vergeffen. Als sie dann durch ein Dorf kam, wurde ihr die Kunde von dem Auftreten der Cholera im Bezirke ihres Sohnes bestätigt; für zehn Minuten beflügelte diese Kunde ihre Füße, dann aber überwältigte sie die körperliche Schwäche. Sie mußte sich an eine Hecke lehnen, um nicht umzufinken. Es war beinahe Mittag. Ein vorübergehender Bettler gab ihr ein Stück Brod. Glücklicherweise war keine Butter darauf, so konnte sie es essen, ohne ihre Seele mit der Sünde zu beflecken, etwas Verbotenes über die Lippen gebracht zu haben. Sie nahm ihre Reise wieder auf, aber ihre müden, wunden Füße wollten sie kaum mehr tragen; Nur sehr langsam kam sie weiter. Sie hätte gerne die Füße im Bache gebadet, aber auch das war verboten. Sie zog ihren Brief aus dem Busen, las ihn wieder und wieder und suchte ihre schwindende Kraft dadurch neu zu beleben. „Mut, Mut, mein Lamm, Dein Mütterchen ist auf dem Wege." Dann fing es plötzlich an stark zu regnen, die schweren Tropfen, die ihr in das Gesicht schlugen, erfrischten sie in den ersten Augenblicken; bald aber war sie bis auf die Haut durchnäßt. Ihre triefenden Kleider schienen ihr unerträglich schwer zu sein, und der aufgeweichte Weg, der feuchte Schmutz, der sich an ihren Füßen festhing, waren ebenso sehr Hindernisse, die ihr Vorwärtskommen hemmten. Aber trotz Regen und Wind verfolgte sie tapfer ihren Weg. Dann aber bemächtigte sich ihrer plötzlich eine neue Angst: Würde ihre Kraft ausreichen, das Ziel zu erreichen? Jeden Augenblick wurde ihr Schritt langsamer, sie kam wie eine Schnecke daher. Je langsamer sie ging, umsomehr sehnte sie sich nach ihrem Sohne und umso deutlicher sah sie in bangem Vorgefühle das, was ihrer am Ende ihrer Reise harrte. Würde sie noch zur rechten Zeit kommen, seine letzten Worte zu hören? Vielleicht — schrecklicher Gedanke — war es schon zu spät, sie würde ihn nicht mehr lebend finden! Vielleicht wollte Gott sie dafür strafen, daß sie es gewagt habe, den Sabbath zu schänden! „Mut, Mut, mein Lamm", klagte sie leise, „stirb noch nicht. Dein Mütterchen kommt." Der Regen hörte auf. Leuchtend brach die Sonne hinter den Wolken hervor. Ihre warmen Strahlen trockneten ihre Hände und Gesicht und bedeckten sie dann bald genpg mit Schweißtropfen. Jeder Schritt war eine Qual, aber die tapferen Füße gingen unaufhaltsam vorwärts. Ermüdet, geschwollen und wund eilte sie dennoch weiter. Ihr war, als riefe in weiter, ach immer weiter werdender Ferne die sterbende Stimme ihres Sohnes nach ihr. Sich tapfer vorwärts schleppend, beantwortete sie den Ruf: „Ich komme, mein Lamm, ich komme. Mut!-Mut! Dein Mütterchen ist auf dem Wege. Mut! Ich werde Dein Antlitz wieder sehen, ich werde Dich noch lebend finden!" Ein mit seinem Wagen vorüberziehender Fuhrmann bemerkte ihre Hinfälligkeit und bot ihr einen Sitz in seinem Gefährte an. aber sie schüttelte hartnäckig den Kopf. Der endlose Nachmittag neigte sich dem Abend zu — sie wankte den Waldweg entlang, manchmal stolperte sie, fiel vor Schwäche und verletzte sich die Hände und das Gesicht an den Dornen der am Wege stehenden Brombeerranken. Endlich ging die Sonne unter, wieder stieg aus den Pfützen im Walde der Nebel aus. Immer noch lag ein meilenweiter Weg vor ihr und immer noch lief sie weiter, überanstrengt, fast automatisch, kaum mehr ihrer Sinne mächtig, den nächsten Schritt nur nehmend, weil sie den vorhergehenden gemacht. Von Zeit zu Zeit murmelten ihre Lippen: „Mut, mein Lamm. Ich komme." Der Sabbath war gerade vorüber, als Großmütterchen endlich gebrochen, blutend und beinahe ohnmächtig an dem Wirtshause ihres Sohnes ankam, das am Rande des Waldes gelegen war. Ihr Herz stand beinahe still vor Angst. Am Samstagabend pflegte sich sonst die ganze polnische Bevölkerung in und um das Wirtshaus zu versammeln. Heute jedoch war alles still. Nur der Klang hebräisch gemurmelter Hymnen drang durch die Tür. Ein Mann in einem Kaftan öffnete ihr, er legte den Finger an die Lippen, um ihr zu bedeuten, daß sie leise eintreten möge. Großmütterchen blickte in das Zimmer. Ihre Schwiegertochter und ihre Enkel saßen auf dem Fußboden — dem Platze Derer, die einen Toten betrauern. „Gesegnet sei der gerechte Richter", sagte sie und zerriß den Rock ihres Kleides von oben bis unten. „Wann starb er?" „Gestern. Wir mußten ihn schnell begraben, ehe der Sabbath anbrach." Die kleine Großmutter erhob ihre zitternde Stimme und stimmte mit ein in die Hymne: „Ich will dir ein neues Loblied singen, o Gott, auf einer Harfe mit zehn Saiten will ich dein Loblied singen."