Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 30 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 490 Dr. JßiocD's Mlycoenscbrttl. Nr. 80 wo einmal ein Ohr saß — stammt nicht von Menschenhand, fie ist in einem wilden Kampfe um eine Meerschweinchendame von einem wütenden Liebhaber dem Rivalen beigebracht worden. „Was wollen Sie dabei machen!" sagt der Doktor philosophisch. „Die Menschen schießen sich, die Meerschweinchen beißen einander. So lange die sogenannte Liebe nicht abgeschafft ist, wird das immer so fortgehen." Im Pferdestall geht es natürlich weit gesitteter zu. Die braven Röffer mit den Tuberkeln im Blut stehen an ihren Raufen, freffen und stampfen, genau wie gewöhnliche, ganz unwissenschaftliche Pferde. Alle sehen wohlgenährt und zufrieden aus; und als eines der Tiere aus dem Stall geführt wird, damit ich die verharschte Wunde am Halse sehen kann, vermag ich mit eigener Hand festzustellen, das keine Schmerzempfindung, keine Angst bei dem braven Rofinante zurückblieb. Das Tier läßt ruhig die Narbe betasten und reibt sanft den Kopf gegen die Schulter des Stallburschen, der es am Zügel hält. „Nun kommen Sie mit zu den Bazillen," sagt Doktor Marmorek. Und setzt mit schalkhaftem Augenzwinkern hinzu: „Paffen Sie auf, die sind viel wilder!" Im oberen Stockwerke vor einem großen Fenster, durch das helles Licht auf den breiten Arbeitstisch fällt, sitzt ein junger Herr im weißen Kittel, über das Mikroskop gebeugt; der ftanzösische Assistent Dr. Marmoreks. Er untersucht das Sputum eines jungen Mädchens, einer Verwandten des braven Pierre, die schwer leidend ist. Die Arme ist eine kleine, stille Nonne in der Bretagne, die voll Gottvertrauen ihre Krankheit werden und wachsen ließ, bis es zu spät war. Dann kam auf einmal die Angst, und nun dachten die Eltern daran, daß der Onkel Pierre bei einem Herrn dient, der in solchen Fällen Wunder tun soll. Ach, wenn er das wirklich vermöchte! Das lustige Gesicht des Arztes wird ernst und mitleidig, als er das Präparat betrachtet. Er hebt den Blick zu Pierre, der ängstlich am Tische steht, und sagt mit einer zarten Weichheit, die rührend und tröstend zugleich wirkt: „La pauvr6 fille! Mon pauvre Pierre!“ Dann steht er vom Sessel auf, läßt mich niedersetzen und fordert mich auf, zu versuchen, ob auch der Blick des Laien die kleinen Mörder erkennen kann. Ich sehe zwischen bläulichen Flecken kleine längliche rotgesärbte Striche. Hier links einer allein, dann ein Paar, die wie Kettenglieder Zusammenhängen, eine ganze Gruppe. Das Mikroskop wird schärfer eingestellt, die Zeichnung der Formation tritt deutlicher hervor — durch das lebhafte Rot ganz klar von der Umgebung abgehoben. „Daß wir das so deutlich zu erkennen vermögen, ist das unsterbliche Verdienst Ihres großen Koch," sagt Dr. Marmorek. „Er hat uns allen den Weg gewiesen." Wir sprechen weiter von dem Berliner Gelehrten, und es berührt wohltuend, wie mit jedem Wort der Jüngere dem älteren Meister Verehrung zollt, obwohl er in seinen Forschungen zum Teil zu anderen Resultaten gekommen ist. „Er hat das Haus gebaut," sagt er. „Wenn ich glaube, ein paar Risse und Spalten daran entdeckt zu haben, die ich nach meiner Art zu verbessern suchte, so gehörte dazu nichts als Fleiß und klare Erkenntnis des Zieles; aber den Bau entwerfen und mit Kühnheit durchführen — das, lieber Herr, ist Genie." Eine Viertelstunde später stehen wir in dem dunklen Raum, wo in feuerfesten Schränken die Bazillenkulturen gedeihen. „Sie lieben das Dunkel wie alles Böse," scherzt der Doktor, als er einen Schrank aufschließt und auf seinen Inhalt zeigt: sorgfältig mit Watte überwundene Glasgefäße, in denen auf einer fetten Maffe pilzartige Wucherungen sich zeigen. Sie sind verschiedener Art, von ganz dünnen und zarten, die wie Fetthäutchen mit dunkleren Schatten und Flecken ausfehen, bis zur dicken, weißlichen Schicht — die verschiedenen Jugendstadien der Bazillenkulturen, von deren Beobachtung Dr. Marmoreks wichtigste Forschungen ihren Ausgang nahmen. Diese Beobachtung wurde von vielen Achten bestritten und bildet, wenn ich richtig verstanden habe, auch jetzt noch einen der Streitpunkte kür das Serumverfahren Marmoreks. Ueber solche Streitpunkte wie überhaupt über jede wissenschaftliche Gegnerschaft spricht der sonst so lebhafte Gelehrte mit großer Ruhe. Nicht ein Wort ist in wiederholten Unterhaltungen über feine Lippen gekommen, das einen Gegner verkleinern oder das eigene Verdienst vergrößern sollte. „Nichts kann mir lieber sein," sagte er oft, „als wenn alles, was ich als meine Ueberzeugung oder als eine Entdeckung bekannt gebe, von Aerzten so genau wie möglich und immer wieder durchgeprüft wird. Ich bin natürlich von der Wahrheit meiner Beobachtungen überzeugt wie von meinem Leben — anders wäre ja gar nicht ein echtes Arbeiten möglich! — aber kein Gelehrter darf ohne Weiteres verlangen, daß man ihm auf fein bloßes Wort hin Glauben schenkt. Nur den Glauben an den Ernst meiner Arbeit nehm' ich für mich in Anspruch. Ob ich mein Ziel erreicht, ob ich dadurch vielleicht einen Pfad zu neuen Zielen gewiesen habe — das mögen andere beurteilen. Wissenschaft ist Forschen und Weiterschreiten." Als die dicke Tür die unheimliche Gesellschaft wieder ins Dunkel sperrt, wird es mir — so töricht das klingt — weit behaglicher zu Mute. Natürlich weiß auch der Laie, daß diese bösartigen Bazillen nicht durch den Wattebausch Verderben sprühen oder wie geistige Insekten durch die Luft fliegen. Aber in der Nähe dieser angenehmen Lebewesen kommen doch seltsame Gedanken. Was da in diesen Schränken auf wenigen Quadratmetern Raum an Tod und Krankheit vereinigt ist, reicht aus, um die ganze Erde zu entvölkern. Ein mörderischer Krieg wäre ein lächerliches Spiel gegen das große Sterben, das diese wuchernden, häßlichen Todeskeime verbreiten würden, „Und Sie haben wirklich die verschiedenen Jugendstadien dieser Geschöpfe beobachten können?" frag' ich den Doktor. „Nun freilich, Ihnen selbst sind ja auch, ohne daß ich Sie darauf hinwies, die Verschiedenheiten der einzelnen Kulturen aufgefallen. Ich aber habe sie studiert — von der Wiege bis zum Grabe, wenn Sie den faulen Witz gestatten. Ich glaube, ihre ganze Entwicklungsgeschichte zu kennen und vermöchte den Roman des Bazillus zu schreiben, wenn ich ein Dichter wäre." „Ich glaube, Sie sind ein wenig Dichter, Herr Doktor." „Finden Sie? Ich weiß nicht, ob das sehr schmeichelhaft für einen Gelehrten ist, aber ich bin ein solcher Ketzer, daß ich wenigstens die Phantasie für ein geistiges Handwerkzeug des Forschers halte. Paradox? Ach nein! Am Ende aller Logik winkt immer ein Phantasma." * * * So sieht der Bazillendoktor in seinem Laboratorium draußen in Neuilly aus. Als ich hoch oben auf der Imperiale der Dampfbahn durch die wippenden, grünenden Baumkronen der Avenue de Neuilly nach Paris zurückfahre, denk' ich daran, wie ich ihn vor ein paar Tagen in seiner gemütlichen Pariser Wohnung gesehen, ohne weißen Kittel und ohne die Gesellschaft numerierter Meerschweinchen. Ich hatte ihn wehrlos vor mir, zur Vivisektion ausgespannt, in einem breiten, gelbledernen Klubsessel und setzte das Messer des journalistischen Ausfragers an. „Also, lieber Doktor — nun erzählen Sie einmal ein wenig von Ihrem Leben! Aber dies Meerschweinchen protestierte sehr lebhaft. „Mensch, sind Sie besessen? -Was geh' ich die Welt an? Um des Himmels willen, seien Sie friedlich, und reden Sie von etwas anderem, sonst laß ich alle meine Bazillen gegen euch Journalisten los. Meine Arbeiten? Von denen sprech' ich nicht. Meine nächsten Pläne? Sind schon da, aber von denen sprech' ich erst recht nicht! Meine Neigungen? Jawohl, das möcht' euch so passen! Meine Geschmacksrichtung? Ich esse gern Apfelstrudel. — Spaß! Als Oesterreicher! — Sie, aber nun hören Sie auf,' oder ich schreie!" Nun, da er also nicht reden will, schauen wir uns ein wenig im Zimmer um. Jeder Raum, in dem ein Mensch viel weilt, erzählt von ihm allerlei Indiskretionen. Da am Schreibtisch links der Goethe Tischbeins. Ein paar Fuß weiter