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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-07-26 · 30 (26.7.1907) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
30 (26.7.1907)
Date
1907-07-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30 Dr. Dlocv's Mocbenscvrin. Sette 489 hat; denn obwohl ihm Paris den Weg zu Ruhm und Erfolgen öffnete, hegt er für deutsche Wissenschaft tiefe Verehrung, der er in seiner lebhaften Weise gern impulsiven Ausdruck gibt. Ich bin an einem sonnigen Tage zu ihm hinaus gefahren, um seine Arbeitsstätte kennen zu lernen. Was ich sah und hörte, kann ich nur als Laie für Laien schildern. Es war schwer genug, auch nur dazu die Erlaubnis von dem bescheidenen Manne zu erhalten, denn im Grunde ist ihm nichts verhaßter, als wenn über wissenschaftliche Forschungen an anderer Stelle als im Hörsaal oder in Fachzeitungen geredet wird. Nachdem ich aber einen feierlichen Eid geschworen, so wenig wie möglich von ihm selber zu erzählen und ihn, wenn sich das gar nicht vermeiden ließe, so schwarz zu malen wie den leibhaftigen Höllenfürsten, gab er seufzend die Einwilligung. Und dann übernahm er die Führung durch seine Arbeitsräume und war so unermüdlich, gründlich und klar in seinen Darlegungen, daß es sicherlich nur an mir liegt, wenn ich in dieser Stunde nicht mehr von den Geheimnissen der Bakteriologie begriffen habe, als ich an dieser Stelle zu künden vermag. Das kleine Haus in Neuilly, zu dem ein von grünen Bäumen beschatteter Hof und große Stallungen gehören, hat Dr. Marmorek gemietet, als er nach zehnjähriger Tätigkeit im Institut Pasteur seine Stellung aufgab, um seine Forschungen selbständig weiter zu verfolgen. Weshalb er diese Stellung verließ, die für den jungen Gelehrten geschaffen war und um die ihn viele beneideten, erklärt er in wenigen Worten, die für den Mann charakteristisch sind. „Ich stand vor der Frage, ob ich um guter Versorgung willen eine Idee aufgeben solle, die für mich ein wissenschaftliches Ideal war. Meine eigene Arbeit duldete keine Arbeiten auf anderen Gebieten; von anderen konnte ich das Vertrauen nicht verlangen, das ich selbst zu meiner Kraft und zur Erreichung meines Zieles hatte. Da war es nur logisch, daß ich mich frei machte, um unter eigener Verantwortung und nach eigener Art weiter arbeite» zu können." Ueber die Mühe, die ihm die erste Einrichtung unter mancherlei schwierigen Verhältniffen gemacht haben muß, spricht er nicht gern; er lächelt verlegen, wenn die Rede darauf kommt. „Ach was, das ist ja alles ganz natürlich! Wer etwas erreichen will, muß arbeiten. Und schließlich macht ja gerade ein wenig Mühe den größten Spaß!" Wir saßen in seinem einfachen Empfangszimmer, als er das sagte. Seine schlanke Gestalt in dem langen weißen Leinwandkittel war in fortwährender Bewegung; in dem blaffen Gesicht unter dem rötlich blonden kurzen Haar zuckte und flammte die Energie, die mir der Grundzug seines Wesens zu sein scheint. Dann sprang er auf und rief lustig: „Kommen Sie! Aber bilden Sie sich um Gottes willen nicht ein, daß Sie hier Zauberkunststücke zu sehen kriegen. Die ganze Geschichte ist horrend einfach, Geheimnisse habe ich nicht." Eine kleine Treppe führt in das Erdgeschoß hinunter, wo der treue Pierre, ein Laboratoriumsdiener, der dem Doktor vom Institut Pasteur folgte, an der Arbeit ist. Pierre, ein Riese mit gutmütigem Maupassantgeficht, hat allerlei Obliegenheiten. Er bewacht die Schränke, in denen das Serum ausbewahrt wird, hilft bei der Behandlung der Pferde, denen das heilsame Blut entnommen wird, füllt und siegelt die Flaschen zur Versendung und hält gute Obhut über die dunkle Kammer, in der die Kulturen der Tuberkelbazillen gezogen werden — in wohlverwahrten eisernen Schränken, deren Schlüssel sorgfältig gehütet sind. Im Augenblick ist Pierre als Glasbläser beschäftigt; er formt an einer gläsernen Röhre herum und kann von der Arbeit nicht aufsehen, um den Fremden zu begrüßen. Nur ein freudiges Lachen huscht über sein Gesicht, als der Doktor in seiner lustigen Art ein paar lobende Worte spricht. Im Nebenraum werden Flaschen und Gefäße sterilisiert. Mit der ängstlichen Sauberkeit, die der Heilzweck bedingt, werden alle diese Gefäße, wird jeder Kork und jedes Stück Watte, das im Laboratorium zur Verwendung gelangt, gereinigt. Alle Arbeiten überwacht Dr. Marmorek selbst, für jede einzelne hat er selber seine Leute geschult. Wie ein Ingenieur, der das Schlofferhandwerk erlernt hat, um jeden Teil seiner komplizierten Maschine, wenn's not tut, selbst unfertigen zu können, hat auch der Gelehrte alle die Handfertigkeiten, die seinem Werke dienen müffen, selber von Grund aus geübt. Und die Augen blitzen fröhlich; als er dem wackeren Pierre die halbfertige Röhre aus der Hand nimmt und zeigt, wie die richtige Biegung erfolgen muß. Dann geht es weiter in die Vorratskammer. Die eine Wand wird von mächtigen Eisschränken ausgefüllt, die besonders in Paris, wo das Eis knapp ist, jede Hausfrau mit Neid erfüllen müffen. Nur daß in diesen Schränken nicht Früchte und Fleischwaren aufbewahrt werden, sondern Hunderte von Gefäßen, in denen das Blut der Pferde, die für das Verfahren präpariert wurden, das heilsame Serum absetzt. Dr. Marmorek nimmt eine Flasche aus dem Schrank und zeigt, wie das Geheimnis ausfieht. Am Boden liegt der dicke Bestand, der sich von dem Blute abgesondert hat; darüber eine hellgelbe, klare Flüssigkeit: das Serum. Wie es gewonnen wird, das klingt einfach genug, wenn man die Mühe und Sorgfalt vergißt, die der Arbeit vorausgehen. Den Pferden wird das Tuberkelgift eingespritzt, das auf eine besondere Weise im Laboratorium bereitet ist; man braucht dazu junge Kulturen, ältere sollen unverwendbar sein. Die erste Dosis ist gering; dann steigt die Gabe allmählich, bis nach ungefähr einem Jahre das Apothekerpserd giftfest geworden ist und nun zu der Ehre gelangt, sein Blut für die Menschheit verspritzen zu dürfen. Bitte nicht zu erschrecken! Die Sache ist nicht so grausig, wie es scheint. Aus der Halsader des Tieres wird durch einen Schlauch und ein Glasrohr eine abgemessene Menge Blut in eine Flasche geleitet, in der ein eigenartiges Röhrensystem dazu dient, die möglichst große Menge von Flüssigkeit aus den dicken Bestandteilen, dem Blutkuchen, herauszuziehen. Natürlich ist dafür gesorgt, daß bei der Operation kein Fremdkörper, kein Lufthauch sogar in das Gefäß dringen kann. Und um die Tierfreunde zu beruhigen, das Pferd hat keine Schmerzen von dieser Behandlung. Wie's gemacht wird, zeigt der Doktor an einem Mustermodell; zwar nicht an einem Pferde, sondern an dem braven Pierre. „Kommen Sie mal her, Pierre! Bitte, sehen Sie, hier wird die Ader geöffnet und der Schlauch eingeführt. Nun geht es so hinein in die Flasche, hier — bis das Blut diesen Strich erreicht hat. Dann ist der Aderlaß vorüber, das Pferd kriegt einen schönen Dank und hat weiter kein Ungemach." Pierre hält willig den Hals hin; ich glaube, er hätte nichts dagegen, das Experiment nicht nur scheinbar, sondern in blutigster Natürlichkeit an sich ausführen zu laffen. Ich fragte ihn, wie er darüber denkt. Er antwortet sanftmütig: „Das würde ja nichts nützen; da müßte ich erst präpariert werden." Seine Bedenken sind also rein wissenschaftlicher Natur. Bei der Erklärung ist mir zweierlei ausgefallen : daß der Doktor von „jungen" Tuberkelbazillen gesprochen hat und daß es den präparierten Pferden wirklich so gut gehen sollte. Ueber das Alter und die Lebensweise der Bazillen wird Aufklärung zugesagt, wenn wir später ins obere Stockwerk kommen; von dem Gesundheitszustand der Pferde können wir uns sofort überzeugen. Wir gehen über einen kleinen Hof, in dessen Mitte ein hoher Baum seine grüne Krone zum Himmel streckt. Geradeaus ist die Stallung für die Pferde — fiebenundzwanzig an der Zahl, ein ganzer Marstall. Rechts liegt ein zweiter Stall, in dem Hunderte von Meerschweinchen und Mäusen in großen Käfigen ihr Wesen treiben und dem wir zuerst einen kurzen Besuch abstatten. Diese Meerschweinchen unterscheiden sich von anderen ihres Geschlechtes dadurch, daß sie ein Nummerschildchen am Ohr tragen. Sie dienen zu Versuchen, über die Buch geführt werden muß, und da ist es natürlich nützlich, zu wiffen, wie man die einzelnen Patienten herausfinden kann. Obwohl einige der Numerierten Operationen auf Leben und Tod überstanden haben, ist die ganze Gesellschaft sehr munter. Die einzige, häßliche Wunde, die mir auffällt — ein verheilender Blutfleck an der Stelle,

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