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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-07-26 · 30 (26.7.1907) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
30 (26.7.1907)
Date
1907-07-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 488 Dr. Llocb's MocvenscvrlN. Nr. 30 jeden Schmerz, welchen Niedertracht und Tücke dem Menschen zufügten. Elise Orzeßko war die erste polnische Schriftstellerin, welche das Leben des weitzrussischen Bauern mit allen seinen unsäglichen Leiden und Kümmernissen zum Gegenstände ihrer herrlichen Schilderungen machte, um die gleichgiltigen Gesellschaftskreise auf die Lage des „Sklaven" aufmerksam zu machen. Ebenso hat sie der polnischen Frau neue Wege gewiesen und ihr die Pflichten den Volksmassen gegenüber vorgezeichnet. Aber ein Stück ihrer Lebensarbeit widmete Elise Orzeßko den jüdischen Volksmasicn in Rußland. Ihr liebreiches Herz wandte sich diesen unglücklichen Stiefsöhnen des Czarenreichcs zu, welche, verfolgt und geknechtet, nirgends Verständnis oder Menschlichkeit fanden. Und während die hervorragendsten Vertreter der russischen Literatur, selbst Turgenjew, die Juden nach der Schablone beurteilten und Bilder aus dem jüdischen Leben vorf ihrtcn, welche nur den niedrigsten Instinkten der Judenlästerer und den landläufigen Ansichten über die Juden entsprachen, erschloß Elise Orzeßko die wahre jüdische Welt Rußlands und führte eine Reihe jüdischer Gestalten vor, welche, obwohl idealisiert und oftmals allzu versüßt, die Schönheiten des jüdischen Familienlebens, der jüdischen Opferfähigkeit und Opferwilligkeit und der jüdischen Barmherzigkeit offenbarten, zugleich aber auch das zugefallene schwere Geschick mit allen seinen Qualen und Erniedrigungen enthüllten. Geboren 1842 im Dorfe Milkowßina im Gouvernement Grodno. fand Elise Orzeßko in ihrem Vater, einem ziemlich begüterten polnischen Edelmann Namens Pawlowski, einen verständnisvollen Erzieher. Ein Freimaurer und ein aufgeklärter Geist, besaß Pawlowski eine überaus reiche Bibliothek, darunter auch die Werke der führenden Geister der Weltliteratur des XVIII. und des ersten Viertels des XIX. Jahrhunderts. Hier in dieser Bibliothek verbrachte Eliie ihre Kinderjahre und verschlang mit wahrer Gier schöngeistige Werke hervorragender Schriftsteller und Literaten. Und schon damals bekundete sie literarische Neigunpen. Sie schrieb Gedichte und kleine Geschichten, die außerordentlich gefielen. Im Pensionat des Klosters zuni Orden der heiligen Sakramente in Warschau, in welchem Elise nach dem Tode ihres Vaters untergebracht wurde, genoß sie zwar keine glänzende Erziehung, dafür aber verlebte sie in der reichen Klosterbibliotbck alle ihre Mußestunden und bereicherte ihr Wissen und ihre Kenntnisse durch die Lektüre hervorragender Werke auf allen Gebieten des menschlichen Wiffens. Und wie groß schon damals ihr schriftstellerisches Talent war, kann man daraus ersehen, daß ihre Schularbeiten die Aufmerksamkeit der gebildeten Ordensmitgliedcr in hohem Maße auf sich lenkten. Doch scheint der Ernst des Lebens damals die künftige Romanschriftstellerin noch nicht ergriffen zu haben. Als sie gleich nach ihrer Rückkehr aus dem Pensionat den reichen polnischen Gutsbesitzer Orzeßko heiratete, begann sie, damals zwanzig Jahre alt, das Leben einer Weltdame zu führen, welche in der Veranstaltung von Unterhaltungen, Gesellschaftsabenden und Vergnügungen aller Art den Zweck des Daseins erblickte. Aber ihre gottbegnadete Natur wies ihr bald den richtigen Lebensweg und ihre innere Wandlung vollzog flch rascher, als man erwarten konnte. Die Vorbereitungen zum polnischen Aufstand von 1863, welche dazumal schon in vollem Gange waren, übten auch auf Elise Orzeßko ihre Wirkung. Sie nahm wohl an den Vorbereitungen zum Aufstand keinen aktiven Anteil, aber die allgemeine Begeisterung riß auch sie hin und sie begann die sozialen Strömungen und Erscheinungen näher zu betrachten und tiefer zu analysieren. Und die Wahrnehmungen, welche sie dabei gemacht, spornten sie zur tätigen Arbeit ffir den Sieg jener Ideale an, welche ihrer liebreichen Seele vorschwebten. Um aber sich dieser Arbeit voll und ganz hingeben zu können, trennte sich Elise Orzeßko von ihrem Gatten und betrat die literarische Laufbahn. Und schon ihre ersten Werke, wiewohl unreif in Komposition und Ausführung, verrieten großes Schilderungstaleut und überwältigende Gestaltungskraft. Ihr tiefes Gemüt, ihr mitleidvolles Herz und ihre warme Empfindung drückten ihren Werken das Gepräge auf, so daß ihre Novellen. Erzählungen und Romane die Kraft besitzen, zu bewegen, zu erschüttern, zu fesseln und zu bezwingen. Ihre erste Novelle „Obrazek zlat geodowych“ widmete Elise Orzeßko dem bedrückten polnischen Bauer, welcher dazumal ein unsäglich trostloses und kummervolles Dasein fristete. Gegen den engherzig-kalten und rücksichtslos habgierigen Adel, welcher den eingeschüchterten Bauer (chlop) bedrückte und unterdrückte, eröffnete Elise Orzeßko einen schonungslosen Kampf und ihr flammender Protest gegen menschliche Gigherzigkeit, ihre begeisterte Predigt der Nächsten- und der Menschenliebe weckten überall mächtigen Widerhall. Die Gleichgiltigkeit des Adels für die Geschicke des unter der Last der Arbeit zusammenbrechenden polnischen Bauern entlockte der wundersamen Frau in ihrer Grodnoer Einsamkeit Töne der Entrüstung und der Verdammung, welche die fortschrittlichen Elemente der polnischen Gesellschaft aufrüttelten und zum Kampfe gegen Vorurteil und Eigendünkel gegen Indolenz und Hartherzigkeit anspornten. Und mit eben solcher Liebe zu den Bedrückten und Enterbten trat Elise Orzeßko für den weiß-russischen Bauer ein, welchen sie zuerst in die polnische Literatur einführte und ihn zum Helden ihrer berückend schönen, tief in das Herz dringenden Erzählungen machte. Von dem Bauerntum wendete sich Elise Orzeßko der Mittelklaffe der polnischen Gesellschaft und dem Landadel zu, um in künstlerisch vollendeten und streng realistischen Bildern das Leben dieser Gesellschaftsklassen in allen ihren Strömunaen, Wünschen und Hoffnungen vorzuführen. In dieser Hinsicht ragten die Romane „Na prowineyi“ und „Nad Niemanem“ besonders hervor. Der Kampf zwischen Vätern und Söhnen, zwischen der Weltanschauung der absterbenden alten Schlachta und der heranwachsendeu Jugend, welcher unter den Mittelklassen und unter dem Landadel nach der Unterdrückung des Aufstandes von 1863 entbrannte, fand in Elise Orzeßko eine ebenso brillante, wie verständnisvolle, eine ebenso lebenswahre, wie tief in das Wesen der Erscheinung eindringende Schilderin. Voll Sympathien für die Bestrebungen der ernüchterten neuen Generation, welche in der geistigen Entwicklung der Gesellschaft und im geistigen Fortschritt das Unterpfand der Wohlfahrt erblickte, verurteilte Elise Orzeßko in ihren Werken die ganze Welt der alten Schlachta mit ihren engen und rückschrittlichen Begriffen. Auch die polnische Frau aus der Welt der alten Schlachta, welche in Vergnügungssucht und in Toiletten, in der Huldigung der Männer und im Nichtstun ihr Lebensziel erblickte, wurde von Elise Orzeßko an den Pranger gestellt; an Stelle dieser puppenhaften Frau führte sie die Gestalt der neuen polnischen Frau vor, welche das Lebensziel in nützlicher Arbeit, in strenger Pflichterfüllung und in Nächstenliebe erblickte. Die Gegenüberstellung dieser zwei Frauentypen, welche in den Werken Elise Orzeßko's oft vorkommt, gehört zu den wirkungsvollsten Seiten der Orzeßko'schen Schöpfungen. Daß Elise Orzeßko dabei oftmals eine geradezu verblüffende, psychologische Meisterschaft bekundet, kann man aus ihrer glänzenden Novelle „Asketka“ ersehen. Hier führte Elise Orzeßko eine Frau vor, in deren Seele ein entsetzlicher Kamps zwischen verletzter Eigenliebe und dem Gebote der allverzeihenden Liebe tobte. Die psychologische Analyse dieser Frauenseele, welche Elise Orzeßko in „Asketka“ bietet, ist nicht nur fein und tief, sondern geradezu glänzend und überwältigend lebenswahr. Als Predigcrin der allverzeihenden Liebe 'erhob sich Elise Orzeßko in diesem Werke zu wahrem, dichterischen Pathos. Den geknechteten, jüdischen Volksmassen in Rußland widmete Elise Orzeßko eine Reihe von glänzend geschriebenen Werken, von denen „Meir Esefowicz,,, „Eli Makower", „Der starke Samson" und „Gedali" besonders hervorzuheben sind. Auch vor und nach Elise Orzeßko haben polnische Schriftsteller den Versuch unternommen, die unter ihnen lebenden Juden ohne Voreingenommenheit und Gehässigkeit zu schildern; wir nennen nur Korzeniowski, Szymonski, Konopnicka, Swientochowski. Danilowski, Klemens Junoßa, Zapolska u. A. Aber keiner von ihnen hat in das innere Wesen der russischen Judenschaft so tief hineingeleuchtet, keiner hat dem Leben der jüdischen Volksmassen so wunderschöne Bilder entnommen, keiner hat die jüdische Gefühlswelt so begriffen, wie Elise Orzeßko. Mag sie in mancher Hinsicht die von ihr vorgeführten jüdischen Gestalten idealisiert, die jüdische Welt ein wenig zu süß geschildert haben, in ihrer edlen Absicht, die Juden in ihren eigeüen Sitten und in ihren Be^- ziehungen zu den anderen Völkern in wahrem Lichte zu zeigen, die Ausfälle gegen die Juden zurückzuweisen und die unverdienten Leiden der jüdischen Volksmassen schonungslos zu enthüllen, übertraf Elise Orzeßko alle ihre Berufskollegen. Mit wahrhaft künstlerischer Hand deckte sie vor den Augen der polnischen Welt die Schönheiten auf, welche sie im Leben der jüdischen Volksmassen und in den Juden selbst sah und beobachtete, in anziehenden und lebensvollen Bildern schilderte sie die Judenwelt mit allen ihren spärlichen Freuden und großen Leiden. Wehen Herzens führte sie diese Leiden vor, um in einem Hymnus auf die allverzeihende Liebe, welche göttlichen Ursprunges ist, und auf die Verbrüderung der Menschen auszuklingen. Und den von ihr in^all ihren Werken verfochtenen Idealen der Liebe, der Brüderlichkeit und der Gerechtigkeit blieb Elise Orzeßko auch treu. In ihrer Antwort auf die Gratulationen der aus Anlaß ihres Jubiläums bei ihr erschienenen polnischen, russischen und jüdi- Abordnungen sagte diese seltene Frau, daß ihr Traum von der Verbrüderung der Menschen, von dem Reiche der Gerechtigkeit und des gegenseitigen Wohlwollens unter den Menschen sich früher oder später verwirklichen werde, weil das das einzige Mittel sei, um die Wohlfahrt der Menschen zu begründen. Auf dieses große Ziel hat Elise Orzeßko stets losgesteuert. Ihre zahlreichen Werke, welche auch ins Ungarische übertragen wurden, sind ein unvergängliches Wahrzeichen ihrer edlen Bestrebungen. Ihre Werke sind nicht bloß Produkte eines hervorragenden dichterischen Talentes, sondern auch einer großen Seele und eines tiefen Herzens, welches in glühender Liebe zum Menschen unablässig pocht! Alexander Marmorek. »°u Paul Block. Paris, im Juli. In einer stillen Gartenstraße draußen in Neuilly, zwischen der Villa des früheren Ministers Rouvier und der Besitzung des Lustschiffers Santos Dumont hat Dr. Alexander Marmorek, der bekannte österreichische Tuberkuloseforscher, fein Laboratorium. Dr. Marmorek hat über feine neuen Erfahrungen mit dem von ihm hergestellten Serum gegen die Tuberkulose vor Mehreren Wochen in der Berliner medizinischen Gesellschaft einen Vortrag gehalten. Er erinnert fich mit Dankbarkeit der gastfreundlichen Aufnahme, die er in dem Kreise deutscher Gelehrter gefunden

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