Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 30 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 30 Dr Llocb's Mocbenscbrltt. Seite 487 so hoch als die der Christen — noch ungünstiger gestellt. Im Jahre 1665 erfolgte eine kurfürstliche Ordnung der Frage der Akzisegelder der Juden, und diese wurden seitens des Rates einer immer schärferen Kontrolle (so 1668 und 1682) unterstellt. Trotz dieser scharfen Kontrolle und der hohen Akzise war und blieb der Anteil der Juden an dem Meßhandel ein großer und ständig wachsender. Von 1675 bis 1680 belief sich die Zahl der jüdischen Meßfieranten auf durchschnittlich 415; in dem nächsten Jahrzehnt stieg sie auf 488 und von 1691 bis 1700 sogar auf 834. Besonders stark war der Anteil der preußischen Juden, da Leipzig der Vermittlungspunkt für den Handel Polens mit dem des Westens war. Ein Vergleich der jüdischen mit der Anzahl der christlichen Meßfieranten ist für diese Zeit leider nicht möglich, da für letztere aus dieser Zeit statistische Nachrichten fehlen. Auch im ersten Jahrzehnt des achtzehnten Jahrhunderts wuchs die Zahl der Juden auf den Leipziger Meffen, in den vier folgenden Jahrzehnten war fie dagegen bedeutenden Schwankungen unterworfen. Im Durchschnitt kamen zu den Oster- und Michaelismessen der Jahre 1675 bis 1748 nicht weniger als 750 jüdische Händler, lieber die Zeit von 1749 bis 1764 fehlen uns einschlägige Angaben fast ganz, was zum Teil mit der ungünstigen Einwirkung des siebenjährigen Krieges auf den Leipziger Handel zusammenhängt. 1756 belief sich die Zahl der jüdischen Meßbesucher auf 484 und machte ungefähr den fünften Teil der christlichen aus. Das Zahlenverhältnis der jüdischen und christlichen Meßfieranten war im Jahre 1766 eins zu zehn. In den Jahren 1770 bis 1779 waren die Messen durchschnittlich von 1652 Juden und 8579 Christen besucht. Die Zahl der jüdischen Meßfieranten betrug demnach '19°21 Prozent von der der christlichen. Das Anwachsen des jüdischen Elementes hatte seine Ursache vor allem in den hohen Zöllen des preußischen Meßakzistarifes vom 5. Mai 1772, weßhalb. sich. besonders die jüdischen Handelsleute aus Böhmen und Polen den Leipziger Messen wieder zuwandten. Im nächsten Jahrzehnt verminderte sich das jüdische Element dagegen wieder stark (um 3 5'05 Prozent); einen Teil der Schuld trug daran die größere Handelsfreiheit und billigere Lebensweise, die Frankfurt a. M. vor Leipzig bot. Trotz weiteren Sinkens der allgemeinen Meßfrequenz zeigte das nächste Jahrzehnt von 1790 bis 1799 wieder ein starkes Anwachsen der jüdischen Anteilnahme um 400 Personen oder 37'32 Prozent. Eine weitere sehr starke Zunahme der Juden bei fast gleichbleibender Beteiligung der Christen weist das erste Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts auf. Die Zahl der Juden betrug damals 3370 Fieranten oder 42'14 Prozent, die der Christen 7993. Auch das zweite Jahrzehnt des Jahrhunderts steigerte die Zahl der jüdischen Besucher um durchschnittlich 1526, während die Zahl der christlichen Fieranten um 6373 zunahm. In den Jahren von 1820 bis 1829 ging die Beteiligung der Juden an den Messen dagegen wieder stark zurück, fie verminderte sich um 1149 Fieranten oder 23'47 Prozent, die der Christen wuchs dagegen beträchtlich weiter, so daß die Zahl der Juden nur 18'45 Prozent von der der Christen ausmachte. Die Ursache dieser Verminderung lag in den Zollplackereien, denen die jüdischen Meßfieranten aus Rußland, Polen und Oesterreich an den Grenzen dieser Länder ausgesetzt waren. Im nächsten Jahrzehnt, von 4830 bis 1839, stieg dann wieder die Teilnahme der Juden in höherem Verhältnis (2697) als die der Christen, so daß erstere mit 6444 Personen 27'14 Prozent der letzteren ausmachten. Es war dies eine Wirkung des Friedensschlusses zwischen Rußland und der Türkei (1830) und besonders des Eintrittes Sachsens in den Zollverein (1834), der ein neues frisches Leben in die Leipziger Messen brachte. Im Durchschnitt der gesamten Zeit von 1766 bis 1839 waren die Messen von je 3185 jüdischen und 13.005 christlichen Meßfieranten besucht. Die Zahl der Juden betrug also 24'49 Prozent, d. h. beinahe den vierten Teil von der der christlichen Kaufleute. Nächst den nördlichen und östlichen Provinzen Deutschlands sandte in dieser Zeit fast immer Polen die meisten jüdischen Meßfieranten. Aber auch Frankfurt a. M., Nürnberg, Fürth, Mitteldeutschland, von außerdeutschen Ländern Rußland und Dänemark, die Schweiz, die Walachei, Mazedonien und Griechenland waren vertreten. Später treten noch Bayern mit Augsburg, Württemberg, Baden, die Rheinprovinz, Galizien, Schweden und Norwegen (im letzten Jahrzehnt) hinzu. Auf der Neujahrsmeffe 1821 erschien sogar ein jüdischer Meßfierant aus Amerika. Sehr unterrichtend und noch deutlicher fast den Anteil der Juden an dem Meßhandel veranschaulichend find die Nachweise über die Höhe der Ein- und Verkäufe, die die Juden in Leipzig abschloffen; doch kann das hier auf knappem Raum nicht übersichtlich genug zusammengefaßt werden. Trotz der großen Vorteile, die der Handelsplatz Leipzig durch die rege Beteiligung der Juden an den Meffen gewann, dauerten die Beschränkungen des jüdischen Elements im Handel auch noch 1682 fort; ja fie erfuhren im Laufe der Zeit eine nicht unbedeutende Erweiterung. Die Anregung dazu ging von den Leipziger Krämern und Kaufleuten aus, die sich durch die Konkurrenz gefährdet glaubten und deshalb den Juden das Feilhalten in offenen Gewölben verbieten laffen wollten. Der Leipziger Rat willfahrte diesem Wunsche 1687, der Kurfürst aber gestattete den Juden auf ihr Ansuchen im Oktober desselben Jahres, wenigstens in der Reichsstraße und „andern mehrabgelegenen Gaffen", Gewölbe auszutun; dabei sollten fie sich jedoch „alles Ausschneidens und Einzelverkaufs, auch aller un gebührlichen Ränke und Händel" gänzlich enthalten. Die schwankende Haltung des Rates führte schließlich zu Ausschreitungen und Gewalttätigkeiten gegen die Juden, die bald so überhandnahmen, daß der Rat sich gezwungen sah, einzuschreiten. Im Allgemeinen blieb die Stellung des Rates eine gegen die Juden eingenommene, während sich diese auf den Schutz des Landesherrn stützten. Der Streit um die offenen Gewölbe pflanzte sich aus dem 17. in das 18. Jahrhundert fort. Auch die Kontrolle der Juden verlor nicht an Schärfe. Die jüdischen Meßfieranten, die auch die Höhe der Warenzölle und Personalsteuern während des ganzen 18. Jahrhunderts drückend empfinden mußten, durften nur bis zum Schluß der Meffe in Leipzig verweilen. Ihre Wohnung mußten fie in der bereits eingangs erwähnten Judengaffe am Fleischerplatz nehmen, seit 1704 aber wies man ihnen den Brühl als Aufenthaltsort an. Alle diese Plackereien und Beschränkungen beseitigte für die Juden erst die Reformgesetzgebung des 19. Jahrhunderts. Br. Elise Orzeßko (Zu ihrem vierzigjährigen Schriftstellerjubiläum.) Von N. Galant. In der westruffischen Gouvernementsstadt Grodno, der ehemaligen Residenz Stefan Bäthory's und dem früheren Sitz der polnischen Reichstage, wo sich einst viele einschneidende Umwälzungen in den Geschicken des polnischen Volkes vollzogen hatten, darunter auch die zweite Teilung Polens und die Abdankung Stanislaus Poniatowski's, wurde kürzlick das vierzigjährige Schriftstellerjubüäum Elise Orzeßko's, der hervorragendsten polnischen Romanschriftstellerin der Gegenwart, mit besonderer Feierlichkeit begangen. Die Feier hätte vor wenigen Monaten, am eigentlichen Jubiläumstage, stattfinden sollen, sie wurde jedoch in Folge der innerpolitischen Wirren in Rußland immer verschoben, bis fie am 16. Juni endlich auch abgehalten werden konnte. An der Ehrung der gefeierten Verfafferin von „Am Riemen" und „Meir Esofowicz" beteiligten sich zahlreiche Abordnungen aus allen Teilen des ehemaligen polnischen Reiches und Deputationen vieler literarischer Korporationen, gemeinnütziger Verbindungen und humanitärer Vereine. In zahlreichen Adressen wurde das Verdienst Elise Orzeßko's um die polnische Literatur und um die Hebung des Ideals der Menschlichkeit, der Brüderlichkeit und der Aufklärung in der polnischen Gesellschaft in schwungvollen Worten gewürdigt und jene hohe Stelle gekennzeichnet, welche Elise Orzeßko in der Kulturgeschichte ihres Landes einnimmt. Doch die Bedeutung Elise Orzeßko's als Schriftstellerin und als mutige Kämpferin für Recht, Wahrheit und Menschlichkeit ragt weit über die Grenzen ihrer engeren Heimat hinaus. Sie hat durch ihre unvergänglichen Schöpfungen nicht nur der polnischen Literatur, sondern auch der polnischen Gesellschaft neue Horizonte geöffnet, die polnische Frau zu neuem Leben gerufen und Sympathien für alle Erniedrigten und Beleidigten, für alle Schwerbeladenen und Mühseligen geweckt. Gleich Dostojewskij vermochte fie im Menschen den göttlichen Funken zu entdecken und ihre zartbesaitete Seele empfand