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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-07-26 · 30 (26.7.1907) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
30 (26.7.1907)
Date
1907-07-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 486 Dr. Mocb's Mlocvenscvrtrr. Nr. 30 niffe selten geg«mt ist. Hörte man sie im Parlamente sprechen, so hätte wirklich irgend ein Tiroler Konservativer, dessen Nase noch nie über Wörgl hinausschaute, daran irre werden können, daß er russische Wahlrechtsräuber vor sich habe. Hörte mckl Kozlewski, so könnte — nein, das könnte man nicht. Es ist ja gar zu handgreiflich, was der polnische Adel aus den armen galizischen Juden gemacht hat. Niemals freilich sind sie vor der Oesfentlichkeit in den Bielohlawek-Jargon verfallen, haben niemals ihren Antisemitismus an die Glocke gehängt. Aber eine stille, darum desto tiefere, erbitterte Feindschaft gegen die Juden war ihnen stets Herzensbedürfnis, stand immer in erster Reihe ihrer Politik. Als die Juden in den polnischen Nationalrat hinein wollten, da erlebten sie einen Fußtritt, daß die polnische Assimilation daran fast ebenso gestorben wäre, wie die deutsche an dem Fußtritt durch Professor Groß. Man bedenke, es war knapp vor den Wahlen und man wedelte um jede einzelne Stimme! Aber lieber verzichteten die Schlachzizen auf 120.600 jüdische Wähler, als daß sie einen Juden in ihren obersten politischen Kreis hineingenommen hätten. Nachträglich — richtig, da übten sie doch die Barmherzigkeit aus Geschästsrücksichten. Wie stark nun ist ein Judenhaß, der selbst durch die Not nicht unterdrückt wird! Faktum ist es, und kein Kozlewski kann seine Worte darüber drucken, daß die Juden kulturell und wirtschaftlich in Polen nach einem System unterdrückt wurden. Das Pech des Herrn Kozlewski will es, daß gerade jetzt eine prächtige Illustration der kulturellen Schlachzizenfürsorge für die Juden erschienen ist. Im Jahresbericht der Baron Hirsch-Stiftung heißt es nämlich, daß viele Schulen dieser Stiftung mangels jeglichen Entgegenkommens der Behörden sistiert werden mußten. Wo ist also die Wahrheit und wo ist Kozlowski? Was könnten denn auch die Juden im Land der Analphabeten verlangen, wo man alles daran setzt, die Bevölkerung so dumm zu erhalten, daß sie die Schlachzizenherrschaft erträgt? Man polonisiert alle jüdischen Schulen, deren man habhaft werden kann, man beschneidet den jüdischen Religionsunterricht, wo man kann, und nennt das Gantze dann im Parlament kulturelle Fürsorge. Noch kräftiger aber ist die wirtschaftliche Hebung der Juden durch die Schlachzizen. Diese besteht aus folgenden Hauptbestandteiles: Monopolisierung aller Artikel, deren Handel in jüdischen Händen ist; Unterstützung antisemitischer bäuerlicher Konsumvereine; strenger, wirtschaftlicher Boykott gegen die Juden; strenger Ausschluß von Juden aus allen öffentlichen Stellen und Aemtern. Das sind nicht etwa laut gepredigte Programmpunkte, mau leugnet sie eher ab, führt sie aber mit grausamer Beharrlichkeit durch. Damit wir nicht Unrecht tun. wollen wir gerne zugeben, daß auf galizischen Gutshöfen und bei galizischen Wahlen die Juden als Faktors beschäftigt werden. Sonst aber wird von den edlen Schlach-- zizen wirtschaftlich der gute Rat eines großen Polenführers befolgt, der bei Besprechung der Judenfrage gemütsvoll sagte: „Nehmt der Biene den Honig weg, dann muß sie krepieren." Nicht durch die Schlachzizen, sondern trotz der Schlachzizeu habe» sich also die galizischen Juden erhalten. Elend genug. Herr Kozlewski aber ist entrüstet, daß sie deu Zarenmanifesten der Schlachta nicht glaubten und zur Rettung chrer Haut ins oppositionelle Lager übergingen. Wir wissen nicht, ob er bei seiner Rede den kleinen Finger in den Mundwinkel steckte, aber seine rührende Unschuld verlangt geradezu diese Geberde. Er ist erstaunt, weil es dem Polenklub gelang, wonach er seit Jahrzehnten strebte — die Juden loszuwerden. Man hat die Juden getreten, wo man konnte, aber mit der höchsten Frechheit verlangt man jetzt, daß auf der Vorderseite jedes jüdischen Stimmzettels in Galizien ein Schlachzizenkaudidat stehe, auf der Rückseite womöglich neben dem Erkenuuugsstempel ein glühendes DanWreiben für die rührende Fürsorge der Schlachta. Nein, Herr Kozlewski, so dumm sind die Juden gerade nicht, so wüten sie nicht gegen sich selber. Sie wissen ganz gut, daß nicht die Zionisten, welche Herr Kozlewski mit sanfter Wendung als Landfremde bezeichnet hat, diejenigen sind, welche ihre Verhältnisse nicht kennen, sondern die Schlachzizen, welche sich nur zur Zeit der Wahl zu Moschko herablassen und diesen verachteten Sklaven sogar befehlen, einen Antisemiten zu wählen. Endlich hat der Polenklub die Antwort bekommen, die er verdiente und die er solange provozierte. Und wenn auch durch die jetzt erfolgte Kapitulation der Wiener Zentralbehörden ermutigte Wahlmacher der Schlachzizen bei kommenden Wahlen wieder Meisterwerke des Betruges und Diebstahls liefern werden, so wird sich durch die zwingende Gewalt der Volksmasse doch zeigen, daß die jüdisch-nationale Bewegung, in welche die Juden ihre Ehre und den Rest ihres Besitzes hinübergerettet haben, keine vorübergehende Erscheinung ist. Was vorübergehen soll und muß, damit Fortschritt, Ehre und Wahrheit in Oesterreich schneller vorwärts kommen, das ist nach dem heißen Wunsche aller Freiheitlichen in Oesterreich die Schlachta. I. U p r i m n y.. Der Einstich der Juden ans die Keipziger Messen in frnherer Zeit. In dem jüngsten, dieser Tage ausgegebenen Hefte des Archives für Kulturgeschichte (V. Bd., 2. Heft). Verlag von Karl Duncker in Berlin, herausgsgeben von Professor Doktor G. Steinhaufen in Kassel) schildert Dr. R. Markgraf in Leipzig an der Hand von ungedruckten Akten des Ratsarchivs in Leipzig den Einfluß der Juden auf die Leipziger Messen in der Zeit von 1675, mit welchem Jahre die statistischen Nachweise über die jüdischen Meßbesucher in Leipzig beginnen, bis zum Jahre 1839, in welchem Jahre der erste Jude in Leipzig das Bürgerrecht erlangte. Die Arbeit Markgraf's besitzt mehr als lokales Interesse; sie ist ebenso wichtig für die Geschichte des deutschen Judentums wie für die deutsche Handelsgeschichte im Allgemeinen. Aus der Zeit vor 1675 gibt Markgraf nur einige kurze Mitteilungen. Er nimmt an, daß sich die Juden zuerst unter Dietrich von Landsberg, also in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts, in Leipzig eingefunden und wahrscheinlich auch schon dauernd niedergelassen haben; denn sie genossen unter Dietrich — gleich ob angesessen oder nicht angesessen — dieselben Rechte wie die christlichen Kaufleute. Sichere Kunde über die seßhaften Juden in Leipzig gibt freilich erst eine Nachricht aus dem Jahre 1359. Danach hatten damals die Juden eine geschützt gelegene Gasse, die sogenannte Judenburg, als Wohnstätte inne, die sich von der Barfußmühle längs der Pleiße bis zum Naundörfchen hinzog, also außerhalb der eigentlichen Stadt lag und mit einer besonderen Pforte verschlossen war. Damals aber waren bereits die guten Zeiten Dietrich's von Landsberg für die Leipziger Juden vorüber. Im Jahre 1350 waren sie während der Pest der Brunnenvergiftung beschuldigt und mit Ausnahme der unter landesherrlichem Schutz stehenden sogenannten Hofjuden aus der Stadt vertrieben worden. Seit dem zweiten Drittel des folgenden Jahrhunderts aber dehnten sich die Verfolgungen und Bexationen auch auf die zuletzt genannte, bevorzugte Klasse der Juden aus und sie scheinen deßhalb auf lange Zeit Leipzig vollkommen fern geblieben zu sein, lieber zweihundert Jahre lang schweigt das Leipziger Ratsarchiv vollständig über die Juden, erst von 1664 an bringt es wieder auf sie bezügliche Nachrichten. Doch handelt es sich auch da nur um jüdische Meßbesucher, nicht aber um in Leipzig ansässige Juden, die es damals öffenbar nicht gegeben hat. In allen Abgaben waren damals die jüdischen Meßfieranten höher belastet als die christlichen; sie wandten sich deshalb 1664 mit der Bitte um Gleichstellung an den Kurfürsten. Trotz einer Befürwortung des Gesuches durch den Leipziger Rat blieb aber die Besteuerung der Juden nicht nur die gleiche wie bisher, sondern sie wurden in der Folgezeit durch eine Steigerung der Wagegelder — dreimal bis viermal

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