Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 29 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021740--16543-3041369- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 482 Dr. Llocv's Mocvenscvnn. Nr. 29 Rom. Graf G. De Chayes in Livorno ist zum Ritter des Ordens des heiligen Mauritius und Lazarus (des zweithöchsten Ordens Italiens) ernannt worden. London. Sir Samuel M o n t a g u, der, wie bereits gemeldet, zum Peer ernannt wurde, hat den Namen Lord Sevaythling (nach seinem Landgut) angenommen. — Anläßlich des Geburtstages des Königs ist zwei Glaubensgenoffen die Ritterwürde verliehen worden: dem Parlamentsmitglied Maurice Levy und dem englischen Generalkonsul in Frankfurt a. M. Francis Oppenheimer. Feuilleton. Chajim auf der Jeschibah. Von Dr. F. Rich. Heiuschel. (Schluß.) Vor dem Chanukafeste erkrankte die Rebbezin und mußte nach Wien zur Operation reisen; Profeffor Billroth vollzog die sehr schmerzhafte Zahnfistel-Operation und die Rebbezin kehrte geheilt zurück. Ihre glückliche Heimkehr aber dankte sie einem außerordentlichen Glücksfalle. Die Rabbinerin hatte eine Schwester, die in Wien verheiratet war, und diese beabsichtigte, mit der Rabbinerin, die seit vielen Jahren keiner Theatervorstellung beigewohnt hatte, am Abend vor der Abreise ins Ringtheater zu gehen. Die Schwestern waren für den Theaterbesuch bereits angekleidet, als die Rabbinerin von einem heftigen Unwohlsein befallen wurde, das nach einer Stunde, vorüber war. An diesem Abende — es war der 6. Dezember — brannte das Ringtheater ab. Als die Rabbinerin spät am Abend das Unglück erfuhr, sprach sie zu ihrer Schwester: „Der S'chus^) meines frommen Mannes hat uns Leigestanden und vor dem Verbrennungstode geschützt". Am Schabos Chanuka hielt der Rabbiner eine Droschoh^) und gedachte betränten Auges der Opfer des Ringtheaterbrandes. Die Droschoh unseres RoU?), sagte Krampel nach der Predigt, war heute über ein Theater* * *). Die glückliche Errettung der Mutter hatte auf Perez einen gewaltigen Eindruck gemacht, er schrieb diese einem göttlichen Wunder zu. Wenn seine Mutter im Theater umgekommen wäre? Die Gattin des ftommen Rabbi im Theater verbrannt! Das wäre eine unauslöschliche Schmach gewesen! Perez war ein genialer Kopf, hatte aber immer zum Mystizismus hingeneigt. Diesem begann er nun offenkundig zu huldigen. Perez war der eiftigste Zeitungsleser im Hause; er nahm keine Zeitung, kein deutsches Buch mehr zur Hand. Am Sabbat sprach er kein ckowor echaul, und wenn man an diesem Tage eine Frage an ihn richtete, schüttelte er bloß verneinend oder bejahend mit dem Kopfe. Er schlief wenig, aß sehr mäßig und beschäftigte sich ausschließlich mit dem Thorastudium. Löb, sein jüngerer Bruder, war ein Gourmand, der auch gerne einen guten Tropfen trank, lange schlief, viel sprach und nur schr wenig lernte. Auch er wollte sich durch besondere Frömmigkeit auszeichnen, aber ohne seinem sieben Ich irgend einen Abbruch zu tun, und er vollbrachte dieses Wunder durch langes Beten. Am Morgen war er der erste im Gotteshause (Beshamidrasch) und wenn die andern die geweihte Stätte verlassen hatten, *) Verdienst. *) Predigt, s) Rabbiner. *) Doppelsinnig : belustigender als ein Theater und über ein Theater. hüllte er sich in seinen Gcbetmantel und betete noch eine Stunde, dafür aber mußte er aber auch eine doppelte Frühstücksration bekommen. Chajim wollte den Rabbi auf Löb's närrische Frömmelei aufmerksam machen, dazu bot sich ihm bald die Gelegenheit. Löb schlief in einem kleinen, finsteren Stübchen, welches an der Längswand des Lehrzimmers lag, und der Rabbi weckte ihn in der Regel kurz vor dem Morgengebete. In einer schneehellen, kalten Winternacht weckte Chajim seine Kollegen Löb. Löb wußte nicht, daß erst Mitternacht vorüber, er hielt die Schneehelle für Tageslicht und sprang aus dem Bette, stürmte ins Lehrhaus, bekleidete sich mit Gebetmantel und Tefillin und betete eifrig. Nachdem Niemand im Beshamidrasch anwesend war, dachte Löb, er habe die Gebetszeit verschlafen und er nahm den Gebetmantel über den Kopf und schüttelte sich gar gewaltig. Chajim ging zu Bette, erhielt sich aber wach. Der Rabbi schlief im Lehnstuhl. Nach einer halben Stunde erhob sich der Rabbi,.und ging ins Beshamidrasch, um sich ein Buch zu holen. An der Türe blieb er erschreckt stehen und blickte auf die Uhr; erst ein Uhr, brummte er in den Bart unb rief laut: „Wer ist das?" Löb zog den Gebetmantel vom Kopfe. „Bist Du meschugge,b) meturef,6 7 *) warum stellst Du Dich um ein Uhr in der Nacht in Tallis und Tefillin davennen? ~‘) Weißt Du nicht, daß man erst mit Tagesanbruch Tallis und Tefillin legen darf?" „Und was sind das für Dummheiten mit dem Tallis über den Kopf?" „Weißt Du nicht, daß ein Bochur^) das nicht tun soll, das ist Wezidkoscho9) und sieht wie Ueberhebung aus, daß Du Dich nicht mehr unterfängst, solche Narretheien zu machen." „Du hast mich doch selbst geweckt," anwortete Löb. Mir scheint wirklich, daß Du nicht ganz richtig im Oberstübchen bist; geh', geh' und schlaf Dich aus. Löb verließ das Beshamidrasch und suchte wieder sein Bett auf. Am anderen Tage blickte er Chajim fragend an, als wollte er in seinen Mienen lesen, ob er ihm nicht den Streich gespielt; Chajim schaute recht ernst drein und verriet sich nicht. Löb war von seiner närrischen Frömmelei für immer geheilt. In demselben Winter, kurz vor dem Purimfeste, verlobte sich Max, der älteste Sohn des Rabbi, die Eltern der Braut wohnten in der altehrwürdigen Gemeinde M. Max sollte dort ein Geschäft übernehmen und der Rabbi war darob ganz glückselig. Das Bewußtsein, daß sein ältester Sohn Mitglied der frommen M . . er Gemeinde wird, ^beglückte ihn; dort, das wußte er, muß Max als strenggläubiger Jude leben. Max schwamm in Glückseligkeit; das ganze Rabbinerhaus atmete Freude und der Purim verlief in außerordentlich animierter Stimmung. Das Purimmahl war köstlicher als je. Außer dem üblichen Kalbsbraten und Indian gab es diesmal auch Fogasch und Braunbraten. Die Kindel'") und der Fladen wurden mit den besten Weinen begoffen. Nach dem Mittagessen wurde das Buffet für die Gäste, die am Nachmittage erwartet wurden, aufgestellt; dieser Aufgabe unterzog sich der Rabbi selbst. Nach dem Abendgebete setzte sich der Rabbi wieder zu seinen Folianten; seine Kinder und die Bachurim feierten den Purim im Kreise der Familie Hofmeier. b) Verrückt. °) Verwirrt. 7) Gebetmantel und Philakterien beten. b) Hier in dem Sinne: ledig, unverheiratet, gemeint. ») Frömmelei. lU) Mehlspeise in Form eines Wickelkindes.