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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-07-19 · 29 (19.7.1907) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
29 (19.7.1907)
Date
1907-07-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 474 Dr. Dlocb's Mocvenscbrm. Nr. 29 gruppe Tabor-Beneschau-Pisek . dient. In einer Lokalkorrespondenz vom 3. Juli 1907 lesen wir aus W i t t i n g a u. der Hauptstadt des durch und durch klerikalen „Königreiches Schwarzenberg", folgende erbauliche Schilderung: „Den Juden in unserer Stadt geht es wirtschaftlich verhältnismäßig gut, aber gesellschaftlich bedeuten sie gar nichts. Sie werden aus der Gesellschaft ausgeschlossen und aus Verbitterung darüber schließen sie sich dann wieder selbst aus. Ju anderen tschechischen Städten sehen wir schon die allmälige Verschmelzung der Juden mit der übrigen Bevölkerung, aber bei uns stehen wir auf dem Standpunkte der gänzlichen mittelalterlichen Verachtung und der Verabscheuung derjenigen, die uns in religiöser, fittlicher und wirtschaftlicher Hinsicht zum Muster dienen und uns zur Nachahmung und zur Aneignung ihrer besseren Eigenschaften aneifern sollten." lieber die tieferen Gründe dieser Erscheinung heißt es weiter: „Denken wir ein wenig über die ganze Angelegenheit nach. Es ist gewiß, daß man hiebei unmöglich von anderwärts ausgehen kann, als von der R e l i g i o n." „Unsere bestehenden religiösen Konfessionen zeigen in der Praxis nicht viel Respekt vor anderen Bekenntnissen, besonders der Katholizismus gegenüber dem Protestantismus und Judaismus nicht. Es fängt zeitlich an. Schon die kleinen Kinder werden dadurch vergiftet, daß man sie zum Hasse und zur Verachtung gegen andere Religionen anleitet. Die Erziehung in konfessionellen und besonders in den Klosterschulen hilft da bedeutend neben den angeerbten Vorurteilen mit. Die kleinen Kinder überfallen jüdische Kinder und schlagen sie mit den Worten: „Ihr habt Jesum Christum gekreuzigt" und Niemand ermahnt sie, daß sie da eigentlich dasselbe tun, was sie den Juden vorwerfen. Es ist ein a nwiderndes Beispiel religiöser Intoleranz, welche, frühzeitig in die Kinderseelen gepflanzt, zu einem Bestandteile ihrer Natur und ihres Charakters wird." „Ich erinnere mich, daß wir als Kinder förmliche Kreuzzüge gegen die Judenkinder unternahmen. Wenn es uns gelungen war, eines der Judenkinder durchzuprügeln, da erweckten sein Wehklagen und seine Wunden in uns wieder das Gefühl der Kindheit und Menschlichkeit, das Kind tat uns leid und mit der Empfindung beschämter Mörder flohen wir vom Tatorte davon." „Und doch ist es wahr, daß die Juden eine reinere Religion haben als wir Christen." „Es ist hier nicht der Ort, diese interessante Tatsache ausführlicher zu schildern, aber eS steht fest, daß das Christentum vom Uranfang an sich allen Fetischismen anpaßte, welche es in den verschiedenen Ländern vorfand. Es machte Konzessionen und verlor so an seiner Größe. Wäre das Christentum heute so wie eS aus Christi Mund hervorging, dann wäre es eine ganz andere Religion, als die wir heute kennen. Wenn wir unsere Gedanken und Taten mit der Bergpredigt vergleichen, müssen wir vor Scham erröten. Alles wird naturalisiert, selbst Dinge, die durch und durch geistig bleiben sollen. Dann wundert sich so mancher, daß die wahrhaften Denker sich feindselig zu den verschiedenen Konfessionen verhalten und ihnen schließlich den Rücken kehren, weil alle Konfessionen für den w a h rh a f t i n te l l e k t u e l l e n Menschen viel zu materiell sind, der nicht bei den rein äußerlichen Formen stehen bleiben kann, um ein gläubiger und eifriger Parteiangehöriger zu sein." i „Und mitRücksichtdaraufmußkonstatiert w erden, daß dieJuden eine reinereReligion h a b e n a l s d i c CH ri ste n; ba§ ist ein Faktum,! für welches wir vorScham erröten sollten Niemals trachteten sie, ihre Religion v er-! schiebenen Kulten der bestehenden Konfessionen anzupassen, niemals betraten siel den Weg der Proselytenwerbung. Sie erlitten imLaufe der Jahrt ausende unzählige Verfolgungen, ohne jemals zu weichen. Sie bewahrten ihren Glauben rein, ohne ihn je anderen aufzudrängen. Und die Verfolgung der Juden geschah und geschieht bisher nicht nur aus Gründen der Religion (solche Vorwände gab und gibt es freilich noch), sondern es handelt sich hier gewöhnlich um die Ras sen frage." „Die Völker duldeten und sahen einfach ungern in ihrer Mitte einen stärkeren S t a m m." Die Offenheit und ehrliche Wahrheitsliebe, mit welcher hier die in ganz Südböhmen bis heute noch weit überwiegende jesuitische Schulerziehung von einem tschechischen Katholiken eingestanden wird, ist eines Schülers Professors Masaryk's würdig. Wir sind in Böhmenzum größten Skeptizismus erzogen, denn alle bisherigen politischen Parteien hatten einst schöne, fteiheitlich klingende Programme, welche aber in der politischen Praxis nach und nach so verblaßten, daß die Taten des greisen R i e g e r alles eher verrieten, als die Grundsätze des ehemaligen, feurigen Achtundvierzigers, ebenso wie Niemand von dem einstigen Tribunen Eduard Gregr im Herbste 1897 das beschämende Wort erwartet hätte: „Gottlob, daß nunPrag ganz antisemitisch sein kann!" Wir geben uns auch bei der Realisten-Partei keinen Illusionen hin. Sobald eine tschechische Partei größere Vertretung in den Gemeinden-, Bezirks- und Landesinstituten und anderen öffentlichen Korporationen anstrebt, muß sie sukzessive Elemente aufnehmen, die ihr ursprüngliches Programm durch Kompromisse korrumpieren. Der Jesuitismus wurzelt eben seit dem Jahre 1620 noch immer viel zu tief im gesamten tschechischen Volksleben, als daß es möglich wäre, ' seine 300jährige furchtbare Arbeit gleich schon in einer, zwei Generationen zu paralysieren. Aber jedenfalls muß man Professor Masaryk das riesige und unschätzbare Verdienst zusprechen, daß er die Wahrheit nicht nurlehrt, sondern auch in Taten umsetzt, und wo die Presse seiner Partei ihrem Gründer und seinem Beispiele folgt, dort sehen wir bereits jetzt eine Generation mit ganz anderen Grundsätzen ins politische Leben eingreisen, als es ihre Vormänner aus den unheimlichen Schulen der Rieger'schen „Politik" und besonders der Gregr'schen total entgleisten „Narodny Listy" mit ihrem Breznowsky-„Freisinn" waren. _ Wir find keine Uationaljuden In einer der letzten Nummern Ihres geschätzten Blattes versucht Herr Z)ork-Steiner den Beweis zu erbringen, daß wir Juden Deutschlands, Ungarns, Frankreichs wohl Juden deutscher, magyarischer, französischer Kultur, dock keine nationalen Deutschen, Ungarn oder Franzosen sind und sein können. Er selbst gesteht zwar, daß die Juden aller Länder an den nationalen Kämpfen der einzelnen Völkerindividuen rühmlichen Anteil genommen, und verweist insbesondere auf ihre Verdienste um das Deutschtum. Dessenungeachtet müsse der Jude so viel Charakter besitzen, um einzusehen, daß er als deutscher Jude wohl deutscher Kultur, doch niemals deutscher, sondern jüdischer Nationalität sei. Wir wollen auf diese Auseinandersetzungen mit ihrer mehr angedeuteten Beweisführung nicht im Einzelnen eingehen und bloß versuchen, die Begriffe jüdisches Volkstum, jüdische Nationalität in ihrem Verhältnisse zum ÄNationalitätenprinzip enger zu umschreiben. Es läßt sich nicht leugnen, daß die in so vieler Hinsicht schätzenswerte und verdienstvolle zionistische Bewegung, die nerst ein auf nationaler Basis zu verwirklichendes, jüdischolitisches Programm aufzustellen den Mut hatte, mit der bei Manchem so notwendigen Aufrüttelung des persönlichen und

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