Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 29 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 29 Dr. Llocd s MocbenscvrM. Sette 47S Steuern von Angehörigen aller Nationen gleichmäßig, bevorzugt aber bei der Pflege der nationalen Interessen ihr eigenes Volk. Darunter haben natürlich die Juden als Minorität am meisten zu leiden, wie wir es ja in Wien täglich sehen können. Wie anders wäre es, wenn jede Nation autonom wäre. In diesem Falle würden in Pilsen und Budweis die Deutschen, Tschechen und Juden je eine eigene, nationale Gemeinde bilden, ebenso in Lemberg die Polen, Ruthenen und Juden. Es würde also in den genannten Städten drei nationale Gemeinden geben, denen die nationalen Agenden, vor allem die Schulverwaltung zuzuweisen wären. Dabei würde die Gesamtgemeinde bestehen bleibey und ihr verblieben jene Angelegenheiten, die keinen nationalen Charakter tragen. Niemand verlangt, daß etwa Pflasterung und Beleuchtung national getrennt werden. Jede nationale Gemeinde würde den auf sie entfallenden Teil der Steuern für ihre eigenen Kulturzwecke verwenden können. Dadurch allein wäre eine gerechte Berücksichtigung jeder Nation gewährleistet. Wieviel wird denn heute in Wien für jüdische Zwecke ausgegeben? Und doch zahlen die Juden etwa 30 Prozent der Gemeindesteuern. Es würden ferner die national-kulturellen Angelegenheiten, besonders die Schule, dadurch dem politischen Kampfe entrückt und von der eigenen Nation doch sicherlich mit weit mehr Liebe und Sorgfalt gepflegt werden, als von Volksfremden. Wir besitzen übrigens einen Ansatz zur nationalen Gemeinde bereits in unseren Kultusgemeinden, die sich doch nicht nur auf die Besorgung konfessioneller Agenden beschränken, ferner in den politischen Judengemeinden Mährens. Die nationalen Gemeinden innerhalb eines Landes hätten den nationalen Landesverband, die Landesverbände den Reichsverband' zu bilden. Dieser wäre berechtigt, im Namen des ganzen Volkes zu sprechen und hätte die Interessen dieses Volkes bei allen Behörden und Gerichten zu vertreten. Sie wissen wohl, daß das Bedürfnis nach einer solchen Vertretung längst brennend ist. Die Kompetenzfrage würde gewiß große, aber nicht unüberwindliche Schwierigkeiten machen. Der nationalen Organisation ist in erster Linie das Schulwesen zuzuweisen. Ortsschulrat und Bezirksschulrat sind gleichfalls national zu trennen. Ebenso ist das Armenwesen den nationalen Gemeinden zuzuweisen. Dabei kommt Pfründnerwesen, Versorgungswesen und Krankenwesen in Betracht. Auch Vormundschaftswesen, Friedensgerichte — die in diesem Falle einer großen Ausdehnung fähig wären — und Heimatsrecht gehören ganz oder teilweise hierher. Außerdem noch vieles andere. Der Hauptsache nach läßt sich das ganze, der national-autonomen Verwaltung überwiesene Gebiet in drei Titel zusammenfassen: Schulwesen, soziale Fürsorge und Pflege der nationalen Kultur. Letztgenannter Zweig existiert heute kaum, würde aber bei Selbstverwaltung der Völker die weiteste Ausdehnung gewinnen. Wem es bekannt ist, welch reges Leben in unseren Kultusgemeinden herrscht, deren Kompetenz doch weit beschränkter ist, wie sie durch Mangel an Mitteln, aber gewiß nicht durch Mangel an würdigen Aufgaben in ihrer Tätigkeit gehemmt werden, der wird über die Befürchtung, daß es der national-autonomen Organisation an nötigem Spielraum fehlen könnte, nur lächeln. Das Arbeitsfeld ist eher zu weit als zu eng. Die nationale Autonomie würde den Juden große praktische Vorteile bringen. Wir hätten die nötigen Mittel für unsere dringendsten kulturellen und sozialen Bedürfnisse. Wir hätten einen jüdischen Beamtenstand, der einen Teil unserer Intelligenz aufnehmen könnte; wir hätten ferner in einem Teile der Behörden wenigstens nicht mehr offene oder geheime Gegner, sondern wohlwollende Freunde und wir wären schließlich in der Lage, unser Haus nach eigenem Willen zu bestellen. Größer noch wäre der ideale Vorteil. Die Völker Oesterreichs leiten ihre bürgerlichen Rechte nicht aus dem Staatsgrundgesetze ab, sondern die Deutschen aus ihrer Eigenschaft als Staatsvolk, die anderen Nationen aus ihrer historischen Herrschaft in gewiffen Kronländern. Auf beides können sich die Juden nicht berufen. Nur die nationale Autonomie kann uns den gleichen Rechtstitel an Oesterreich geben, den alle anderen Völker besitzen. Dadurch erst wird die staätsgrundgesetzlich gewährleistete Gleichberechtigung aufhören, ein toter Buchstabe zu sein und zur Wahrheit werden. Auch der Umstand ist nicht ohne Wichtigkeit, daß durch das Wegfallen zahlreicher Reibungsflächen mit den Angehörigen anderer Völker der Antisemitismus bedeutende Einschränkung erfahren würde. Die jüdische Frage in Oesterreich ist, wie die österreichische Frage selbst, nur durch die Einführung der nationalen Autonomie zu lösen. Das Leben einer Nation wird nicht auch durch die Politik erschöpft, höher steht noch die nationale Kultur, und ich muß es mit tiefem Bedauern sagen: die neujüdische Bewegung ist seit einem Jahrzehnt von einer so erschreckenden Kulturlofigkeit, daß das kleinste Balkanvolk sich einer solchen Bewegung schämen würde. Wir Juden haben eine, wir haben sogar zwei Kulturen. Wir haben die hebräische Kultur Palästinas und die Jargonkultur des Ghetto; denn auch das Ghetto hat seine Kultur hervorgebracht, trotz allem Spotte pöbelhafter Elemente. Wer nur aus der neuesten Zeit die Namen Morris Rosenfeld, I. L. Perez und Scholem-Aleichem kennt, weiß, daß auch auf diesem Gebiete sich eine feine und kräftige Kunst entwickelt hat. Aber unsere Kultur kann doch nur jene sein, die am Jordansstrande erwachsen ist; die Kultur der Bibel. Und diese erwacht heute seit zwei Jahrtausenden wieder zu neuem, kräftigen Leben. Durch die Ausgrabungen in Vorderafien haben wir eine verschwundene Welt wieder entdeckt. Wir wiffen nun, daß die jüdische Geistesarbeit jener Zeit nicht isoliert stand, daß sie einen Teil eines mächtigen Kulturkreises bildete. Was für uns bisher das Altertum mit der Geschichte Roms und Hellas' gleichbedeutend, so wissen wir heute, daß es noch eine andere mächtige Kultur des Altertums gegeben hat, die semitische Kultur, an deren Feuer sich griechisches Geistesleben erst entzündet hat. Der vorderasiatische Kulturkreis. Assyrien, Babylonien, Egypten, und an ihrer Spitze Israel, haben ein Geisteswerk geschaffen, das vor den Leistungen Roms und Griechenlands nicht zurückzutreten braucht. Die Ergebnisse der Forschung auf diesem Gebiete find der breiteren Oeffentlichkeit noch fast unbekannt, aber sie dürften das historische Interesse des nächsten halben Jahrhunderts beherrschen. Für die jüdische Kultur müssen sie das werden, was die Klassik für die Kultur Europas geworden ist: die feste Grundlage, auf der wir ein neues Gebäude geistiger Arbeit errichten. Das kann aber nur von Palästina aus geschehen. Dazu bedarf es keiner Masseneinwanderung, die vielleicht die zarten Keime einer neuerwachenden Kultur verschütten würde; dazu genügt eine Kolonisation, die dre landwirtschaftliche Poesie der Bibel neu Hervorrust. Dafür müssen aber alle Anstalten zur Pflege geistigen Lebens dort geschaffen werden. Eine jüdische Universität, jüdische Bibliotheken, Institute zur Erforschung jüdischer Geschichte müssen dort errichtet werden. Vor allem müßten jedoch Ausgrabungen im größten Maßstabe ausgeführt werden. Wichtiger noch als der Boden des Landes sind die historischen Schätze, die unter dem Boden schlummern. Verschüttete Städte, Tempel und Burgen müssen wieder auferstehen. Das alte Israel wnd wieder an das Licht des Tages treten und von ihm wird die neujüdische Kultur die kräftigsten Impulse empfangen. Jerusalem muß für uns das werden, was Rom Nr die katholische Christenheit bedeutet; der Brennpunkt für alles jüdische Geistesleben, wo immer sich auch die Splitter des Stammes befinden. Ein lauter Notruf dringt an unser Ohr. Millionen unserer Volksgenossen sind ohne Heimat, ohne Brod. Wir müssen ihnen helfen, denn sie sind unsere Brüder; wir können ihnen nicht helfen, denn unsere Mittel reichen nicht dazu. Hier kann nur durch eine solche Regelung der Auswanderung Abhilfe geschaffen werden, welche die jüdischen Auswanderer nicht zerstreut, sondern in einem geeigneten Lande vereinigt. Palästina kann dieses Land nicht sein. Wir wiffen heute, daß dort eine Autonomie für absehbare Zeiten für uns nicht zu haben ist. Es steht, wie Rußland, unter despotischer Herrschaft und bei einer Masseneinwanderung würden die Pogrome Bessarabiens in der Jordansebene wieder auferstehen. Das Land ist infolge Jahrhunderte langer Mißwirtschaft verwüstet und erschöpft. Es kann durch manche Mittel, besonders durch Anvflanzung von Wäldern, einer neuen Blüte zugefühtt werden, aber zur Vollendung dieser Arbeit bedarf es fast eines Jahrhunderts. Und die Auswanderer müßten nicht nur hinübergeschafst, sondern ihnen nach ihrer Ankunft erst die Möglichkeit einer Existenz geschaffen werden, denn das Land selbst bietet ihnen keine Arbeitsgelegenheit. Dazu würden aber selbst Milliarden nicht reichen. Wir brauchen ein Land, dessen freie Gesetze den Einwanderern nicht nur gleiches Recht, sondern auch Selbstregierung gewährleisten; wir brauchen ein Land, das die Mühen der Arbeit reichlich lohnt, ein Land, dessen Besiedelung verhältnismäßig nicht viel mehr als die Transportkosten erfordert, weil die Einwanderer gleich nach ihrer Ankunft gut bezahlte Arbeit finden und ihnen unter gewissen Umständen Grund und Boden umsonst gegeben wird. Eine Lösung der Frage in diesem Sinne strebt der Territorialismus an. Solche Länder gibt es in Kanada, den Vereinigten Staaten, Südamerika und Australien. Der Jtoismus ist die Lösung der sozialen Frage des Judentums. Verwirrt scheinen heute die Verhältnisse im Judentum. Es gibt keine anerkannte Leitung, dafür aber unzählige Führer. Neben ehrlicher Arbeit für das jüdische Volk sehen wir auch bedauerliche Erscheinungen des Strebertums und der Jagd nach Mandaten. Zahlreiche Gruppen, oft nur durch Kleinlichkeiten von einander geschieden, bekämpfen einander. Aber ich sehe darin nicht ein Zeichen der Schwäche, sondern ein Zeichen unreifer Kraft. Die Klärung wird eintreten. Es wird sich aus dieser politischen Wirrnis eine Partei herauskrystallisieren, die die drei Dinge aufgreift, die nottun: die Selbstverwaltung, die neue Kultur und die Regelung der Auswanderung. Nur eine Partei, denn wir können uns den Luxus der Zersplitterung unserer Kräfte nicht gestatten. Die Partei aber, die nationale Autonomie, kulturellen Kolonisationszionismus und Jtoismus auf ihre Fahne schreibt, wird nicht mehr eine Partei unter anderen sein, sie wird das jüdische Volk selbst sein. „Für unsere theoretische« Autisemiteu." Prag, 12. Juli 1907. Ein sehr anschauliches Bild von der gesellschaftlichen Stellung der Juden in den klerikalfeudalen Landstädten Südböhmens," welche seit denHilsner-Prozessen erst recht in die Erscheinung tritt, finden wir unter obigem Titel in dem südböhmischen Wochenblatte „ Jiakra“ („Der Funke"), das der Realistenpartei Prosessor M a s a r y k's in der südböhmischen Städte-