Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 29 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 29 Vr. Llocb's Mocdenscvrin. Seite 475 nationalen Sebstgefühles bei Anderen dieses zu so krankhaftem Ueberschwang steigerte, daß das neuentdeckte Nationalitätsbewußtsein bei vielen Wiederfindern die Formen eines Nationalitätsdusels a Ja Teut, Arpad und Konsorten annahm. Nationaljude wurde Trumpf. Der Zionist war mehr als Jude, war der bessere, der wahre, echte Jude, gegen den der orthodoxe Kaftan-Peies-Jude nur als ein im Wahn- und Aberglauben lebendes Scheinwesen angesehen wurde. Hier Religiofität, dort Nationalität waren die zwei Losungsworte, die gegeneinander ausgespielt wurden, und nur bei wenigen Einsichtsvollen stand es fest, daß die eine -zur anderen im Verhältnis der Frucht zur Blüte stehe und daß der Baum Israels verdorren müsse, wenn die letzte, reifste, doch nur bereits spärliche Frucht von dem sonst fast kahlen Nationalstamme abgeschüttelt würde. Denn was blieb uns außer der Religion von unserer jüdischnationalen Kultur?! Die durch die Religion halb lebendig erhaltene, hebräisch-talmudische Sprache und — — sonst nichts. Alles geistige Leben in Israel nahm vom Urbeginn die religiöse Richtung an, die ganze Kultur, das gesamte Schrifttum des jüdischen Volkes kulminierte in seiner Religion. Wenn wir von diesen Früchten des jüdischen Geistes, diesen Blüten der jüdischen Volksseele absehen, was übrig bleibt, ist der leere Stamm, ist die jüdische Nationalität. Der Nationalitäts- und Rassenegoismus wurde von Aftergelehrten wie Gobineau und H. St. Chamberlain mit dem Mantel wissenschaftelnder Gelehrsamkeit herausstaffiert, das leitende Prinzip der auf die Macht der Gewehre sich stützenden nationalen Räuberpolitik. Während im Entstehen der Völkergeschichte Enge oder Unfruchtbarkeit des Bodens Familie oder Stamm zu neuen Siedelungen zwang/ die Entfernung und neue Umgebung allmälige Umgestaltung der Familientraditionen, des Stammescharakters bewirkten, treten die späteren, eroberungssüchtigen Kriegsstämme bereits als Kulturzerstörer auf, ihre eigene, oft inferiore Kultur und Sitten den Besiegten aufzwingend. Doch gerade auf dem Gebiete des Seelischen eines Volkes bewährt sich, was von dem Einzelindividuum gilt : qui potest mori, non potest copi. Und da finden wir nun das in der Geschichte durch interessante Beispiele bekräftigte Ereignis, daß die höhere Kultur der Besiegten nach und nach die inferiore der Eroberer verdrängt, sie entnationalifiert, bis aus dem Sieger ein Besiegter wird, der mit der autochthonen Bevölkerung zur nationalen Einheit zusammenschmilzt. Wir wollen hier nur auf die Schulbeispiele der Angelsachsen, der Normannen, der Iankees verweisen; der Siegeszug des Christentums ist ebenfalls allein aus seiner kulturellen Superiorität zu erklären. Also die Nationalität allein — soweit es sich dabei nur um Stammeserbteile des Blutes handelt — tut's nicht; nicht sie ist es, welche allein die sogenannte nationale Note verleiht, mögen auch jene primären Merkmale der Raffe unverwischbare sein, sondern der Gei st. der sich bei jedem Volke im Laufe der Jahrhunderte und unter den verschiedensten Einflüssen oft zu einem von der abstrakten „Nationalität" ganz verschiedenen nationalen Spezifikum entwickelt hat und in der nationalen Kultur seinen Ausdruck findet. Wir halten darum an der Unterscheidung zwischen Volkstum und Nationalität fest. Der generellere Begriff involviert hier nicht absolut die Spezies. Die slavisierten Rumänen sind ein klassisches Beispiel, daß Volkstum und Nationalität sich nicht immer decken. Was nun uns Juden betrifft, ist es zweifellos, daß wir unser Volkstum im großen Ganzen rein und unverfälscht bewahrt haben; die lebende Generation ist in der Tat die Nachkommenschaft des jüdischen Volkes, das während seines geschichtlichen Lebens einen Staat gegründet, eine Nation gebildet hat. Denn der Volksstammwird nur im Staate zur Nation. Das Band des Bodens der gemeinsamen Lebensbedürsniffe und -Bedingungen, der gemeinsamen Ziele einigt und kettet enger aneinander, als selbst Abstammung und Geschichte und macht aus Gerim gute Nationalbürger. Nun unser Nationalleben an die zwei Jahrtausende schon aufgehoben, die Reste des jüdischen Volkstums in alle Winde zerstreut, das, lange Golus selbst die primären Raffenmerkmale zu verwischen beginnt, aus den Semiten fast durchwegs Europäer, oder wie Herr Steiner sagt, Juden deutscher, französischer englischer Kultur gemacht hat, können wir, deren primitivste Pflicht es ist, teilzunehmen an den nationalen Arbeiten der uns Heimatsrecht -gewährenden Staaten, noch von einem Nationaljudentum sprechen? Gewiß, unser Volkstum wollen und werden wir niemals verleugnen. Dessen sein nationalge schichtliches, politisches Sein überdauernde Religion. Geschichte und Sprache wollen wir als kostbares, ideelles Vermächtnis im Strome der Völker hegen und pflegen, doch eine andere Aufgabe jüdischer Politik, ein neues, staatliches und nationales Leben auf eigenem Boden entstehen zu lassen, können wir nur insofern unterstützen, als es als philanthropisch, volkswirtschaftlich, auf politischer Grundlage der Juden not radikal Abhilfe schaffen will, nicht aber, um eine unbodenstämmige, im Golus verkümmerte, neosemitische Kultur cls nationale Kunstpflanze aufziehen zu lassen. Sind sie nicht kindlich jene Versuche auf dem Gebiete der Schaffung einer Jargonliteratur, nGtional-jüdischer Kunst und Gewerbes? Unbeholfene Versuche, denen die seit dit Nationalnote rein äußerlich ausgeprägt wird. Ja, wir haben eine jüdische Kultur, die sich in unserer in ihrer Monumentalität klassischen Religion erschöpft, ihr verdanken wir das Fortdauern unserer heiligen Sprache, aber sonst find wir ebensowenig Nationaljuden, wie wir kein selbständiges, nationales Staatsleben führen. Und dies ist das Entscheidende. Wäre das Bestreben des Zionismus, ein solches ins Leben zu rufen, bloß um nebelhafte Träume einer neuen jüdisch-nationalen Kultur zu verwirklichen, die doch nur der Abklatsch der erlernten, nicht aber eine urwüchsige, im Laufe der Jahrhunderte gewordene Nationalkultur sein würde, uns wäre um die geistige Zukunft dieser auf ihre „Nationalität" allzu stolzen Semitensezesfion ein wenig bange. Nach unserem Dafürhalten find wir Juden, durch unsere Abstammung. Geschichte und Religion mit unserem Volkstume zu größter Solidarität verbunden, ebenso gute National- Deutsche, Franzosen rc. wie jene christlichen Patrioten fremder Abstammung, die in ihrem Vaterlande oft erste Bürger sind und an der Spitze der Nation einherschreiten. Sollen wir die Staatsmänner deutscher Abkunft in Ungarn, Rußland rc anführen? Brauchen wir nochmals auf die Einschmelzung einzelner Volksindividuen in die herrschende Nation hinzuweisen? Hat das Judentum als Volkstum eine solche Einschmelzung und Asfimilierung zu befürchten? So lange es an seiner überkommenen Volkskultur, die sich im Laufe so vieler Jahrhunderte als superior erwiesen hat, an seiner Religion und Sprache festhält — niemals. Alles andere, was unter dem Begriffe einer jüdischen Scheinnationalität subsummiert wird, ist nichts weniger als geeignet, als Bollwerk gegen Assimilation und Entjudung zu dienen. Denn sonst könnte ja der getaufte, andersgläubige Jude, wenn er nur genügend Ahnenstolz besitzt, sich bald als besseren Nationaljuden fühlen und ein Zion anstreben, dessen nicht mehr jüdisch zu nennender Semitengeist von der tradierten, wahren, jüdisch-nationalen Kultur so weit absteht, wie mancher nur durch den Zionismns wieder zum „Nationaljuden" gewordene Europäer, vom rechtgläubigen, in Sitten, Kleidung und Gebräuchen das echte, nationale Kulturerbteil wahrenden Orthodoxen. Denn von der neuen Kultur, die die Herren erst schaffen wollen, äußert sich selbst ein Professor Marburg („D. Welt" Nr. 27): Was nützte es, wenn eventuell die Juden in Palästina mit der Zeit eine gewisse Pröponderanz erlangen sollten und das Land u n j ü d i s ch bleibt? Wir würden nur eine neue und auch nur temporäre Ghettokultur großgezogen haben! Es handelt sich auch für uns, die Grenzen der uns für die Gegenwart und Zukunft gestellten Lebensaufgaben festzustecken. Das Recht auf unser Volkstum, unsere Religion ist heilig und unantastbar; wir wollen es, wie in der Vergangenheit auch in aller Zukunft mit unserem Blute verteidigen. Nicht allein der natürliche Kitt blutsverwandtschaftlicher Gefühle, die Pietät für eine große, geschichtliche Vergangenheit