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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-07-19 · 29 (19.7.1907) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
29 (19.7.1907)
Date
1907-07-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 472 Dr. Llocb's MocbenscbriN. Nr. 29 nationaler Grundlage an der Wiener Universität entstand. Von der Universität aus drang sie, besonders in Galizien, ins Volk und fand auch Anhang in Westösterreich. Auf ihren Parteitagen schuf sie sich ein Programm, das in einen äußeren (Kolonisationszionistisches) und in einen inneren Teil (Gegenwartsprogramm) zerfiel. Beide Teile sollten gleichmäßig gepflegt werden. Zionismus und Nationalismus galten als gleichbedeutende Worte. Dieser Zustand änderte sich erst mit dem Auftreten des politischen Zionismus, der unter Wegfall des inneren Programms sich ausschließlich mit der Erwerbung Palästinas beschäftigte. Die Gegenwartsarbeit blieb verwaist. Fast gleichzeitig bildete sich (1886) die Gruppe der „jüdischen Volkspartei", die sich speziell mit der Pflege der Gegenwartsarbeit befaßte. Ihr Ziel war es, ein theoretisch und praktisch gleich gut fundiertes Gegenwartsprogramm aufzustellen und die verschiedenen Schichten und Parteien des jüdischen Volkes mit der Idee der Notwendigkeit nationaler Gegenwartsarbeit auf Grund dieses Programms zu durchdringen, denn solche Arbeit kann nicht von einer Gruppe allein, sie kann nur von dem ganzen Volke mit Erfolg geleistet werden. Dies Ziel ist heute größtenteils erreicht. Den äußeren Ausdruck gab diesen Bestrebungen jenes Programm, das am 5. Jänner 1902 von einem Vertrauensmannertag der „Volkspartei" einstimmig angenommen und zum Parteiprogramm erklärt wurde. Den Absichten, die zu seiner Entstehung führten, entsprechend, ist das äußere Programm (Kolonisationszionismus, Regelung der Auswanderung) nur in allgemeinen Umriffen skizziert, die Gegenwartsarbeit unter besonderer Berücksichtigung der inneren Politik mit erschöpfender Ausführlichkeit behandelt. Den Wert dieser Programmarbeit hat die Praxis der seither verflossenen Jahre festgestellt. Die meisten der darin enthaltenen Forderungen sind Gemeingut, wenigstens eines großen Teiles des jüdischen Volkes in Oesterreich, geworden und es ist niemanden gelungen, seither irgend eine Anregung für die Gegenwartsarbeit zu geben, die nicht schon in diesem Programm enthalten wäre. Nationalismus oder Affimilation ist die Vorfrage eines jeden jüdischen Programms. Erhaltung des jüdischen Volkstums oder Aufgehen in den anderen Völkern, ein Drittes gibt es nicht! Wohl wollen manche das Widersprechendste vereinen, fremden Völkern angehören und doch Juden bleiben, sie nennen sich Deutsche, Czechen, Polen u. s. w. mosaischer Konfeffion und zu ihnen gehören die führenden Kreise unseres Volkes. Törichtes Beginnen! Für das Judentum sind sie doch verloren, denn laffen sie sich nicht taufen, so werden es ihre, in der Affimilation erzogenen Kinder tun und die persönlichen Vorteile, die mit der Taufe verbunden sind, entgehen ihnen auch. Sie wollen das Gute zweier Richtungen vereinigen und beides entgleitet ihren Händen. Konsequent dagegen ist der Standpunkt jener Assimilanten, die sich taufen lassen und eventuell Mischehen eingehen. Logisch ist ja ihr Vorgehen, wenn man von ihren eigenen Prämiffen ausgeht. Aber bringt es auch die erwarteten Resultate? Die Nationalität kann man durch freien Entschluß so wenig ändern, als etwa die Hautfarbe. Wie sich ein Neger nicht in einen Indianer verwandeln kann, kann sich ein Schwede nicht in einen Portugiesen, ein Deutscher nicht in einen Juden verwandeln oder umgekehrt. Nationale Umwandlung kann nur die Frucht eines Entwicklungsprozeffes sein, der stammverwandten Völkern unter besonders günstigen Umständen gelingen kann. So mögen zwei nahe verwandte Völker verschmelzen und ein neues bilden, so mag es auch einzelnen Individuen gelingen. Unmöglich wird diese Verschmelzung, wenn es sich um Völker handelt, die gar nicht oder nur entfernt verwandt sind, sü daß man sie schon an körperlichen Merkmalen unterscheiden kann, wenn es sich um den Uebertritt eines älteren zu einem jüngeren Kulturvolk handelt und wenn dieser Uebertritt in großer Zahl erfolgen soll. Besonders erschwert wird er auch, wenn nicht ein gegenseitiges Entgegenkommen stattfindet, sondern der eine Teil den ganzen Weg allein machen, vielleicht wegen Verachtung seines eigenen Volkstums sich auch noch sehr gründlich entnationalisieren muß. Das ist die Lage des Juden, der sich völlig (bis zur Taufe) assimilieren will. Will er fein Volkstum aufgeben und in einem neuen aufgehen, kann ihm nur der erste Teil feiner Aufgabe teilweise gelingen. Er wird kein Deutscher oder Angehöriger eines anderen Volkes, er wird ein Wurzelloser. Er wird sich vom jüdischen Volkstum entfernt haben, denn die Wurzellosen gleichen den Juden so wenig, als den Angehörigen einer anderen geschloffenen Nation. Aber aus dem gleichen Grunde kann er auch kein Deutscher sein. Wohl aber haben die Wurzellosen, von welchem Volke immer sie auch abgefallen sind, gewiffe Eigenschaften gemeinsam, die sie von jedem lebendigen Volke unterscheiden. Und der Assimilant, der ausgezogen ist. ein neues Volkstum zu suchen, wird sich schließlich unter jenen finden, die gar kein Volkstum ihr eigen nennen können. Der Abfall von einem Volkstum zeitigt bestimmte Eigenschaften. Die Abgefallenen, von welchem Volk immer sie stammen, gleichen einander mehr, als den Angehörigen ihres Stammvolkes. Was ist denn Dekadenz auch anderes, als das Versiegen der aus dem nationalen Mutterboden geschöpften Kräfte? Abgefallene sind ein zersetzendes Element. Sie mögen die Waffen der Zersetzung — Witz und Kritik — zu führen wissen, aber sie sind nicht mehr zu positivem Schaffen, nur noch zur Zerstörung befähigt. Mit dem Abfall von ihrem Volkstum haben ste auch das auf nationalem Boden entstandene und allen Völkern von ungebrochener nationaler Kraft gemeinsame Sittengesetz aufgegeben. An seine Stelle tritt das Gebot dessen, was ihnen allein übrig geblieben ist, ihrer Individualität, die sich schrankenlos auszuleben begehrt. Das muß sie notwendig zum Konflikt mit dem herrschenden Sittengesetze auf wirtschaftlichem und sexuellem Gebiete führen. Sehen Sie die Liste aller Sensationsprozesse — etwa der Defraudationsadvokaten — durch, in denen angeblich Juden die Hauptrolle spielen und Sie werden immer finden, daß es sich um getaufte oder wenigstens sehr assimilierte Personen handelt. Und denken Sie an die zahlreichen Familienskaudale, die sich in einer angeblich jüdischen Gesellschaft abgespielt haben. Sie werden finden, daß es sich auch hier um Taufjuden handelt. Dazu kommt die Dekadenz, die Kraft und Willen bricht, die Lebensfähigkeit lähmt, physische und psychische Erkrankung herbeiführt. Schließlich versiegt die Lebenskraft gänzlich und die abgefalleneu Familien sterben aus. Die ein neues Volkstum suchen wollten, finden den Untergang. Das Naturgesetz rächt sich an seinen Uebertretern. Verbrechen, Selbstmord, Wahnsinn, das sind die Früchte der konsequenten Affimilation. Auch der Antisemitismus. Wie die Wurzellosen selbst national erkrankte Elemente sind, drohen sie auch die gesunden Völker, denen sie sich aufzudrängen suchen, anzustecken und zu zersetzen. Die lehrt der Instinkt der Selbsterhaltung, sie heftig zurückzustoßen. Und dabei machen sie vorläufig noch keinen Unterschied zwischen den Abgefallenen und dem Volke, dem sie entstammen. Hier liegt vielleicht der tiefste Grund für den Antisemitismus, dessen gefühlsmäßige Heftigkeit sich auf mechanischem Wege allein nicht erklären läßt. Aber mit Unrecht machen antisemitische Blätter unter Berufung auf den Rassenstandpunkt, machen selbst wohlmeinende Männer das jüdische Volk für das Treiben der Wurzellosen verantwortlich; kein Volk kann für die Abgefallenen — Abfall in jedem Sinne des Wortes — einstehen. Nicht jüdisch ist ihre Art, es ist die Art aller, die ihr Volkstum verlassen haben. Was wir an unseren Wasserjuden sehen, sah man im sinkenden Griechenland, im sinkenden Rom, sah man noch überall, wo massenhafte Entnationalisierung stattfand. Noch wissen die Völker, in deren Mitte wir leben, das nicht zu unterscheiden, aber sie werden den Unterschied lernen und wir müssen ihn lehren. Auch von unserer Seite sind hier Fehler gemacht worden; wir hätten jede Solidarität mit diesen Elementen energisch ablehnen müssen. Der Weg der konsequenten Assimilation ist ein Irrweg. Vestigia terrent. Mögen sie sich durch das Schicksal der Marianen warnen lassen! Auf nationaler Grundlage muß jedes jüdische Programm beruhen und national ist auch das Jänner-Programm vom Jahre 1902. Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, in einem akademischen Verein die einzelnen Punkte, die sich auf Politik und Kultur, auf Gewerbefragen, Industrialisierung Galiziens und vieles andere beziehen, zu erörtern. Aber eine Forderung ist es, um die alle anderen sich gruppieren, in die das ganze Gegenwartsprogramm mündet, eine Forderung. die, zuerst aus den Kreisen der „Jüdischen Volkspartei" aufgestellt, seither nicht nur weite jüdische, sondern noch viel mehr christliche Kreise . sich erobert hat: ich spreche von der nationalen Autonomie. Was ist die nationale Autonomie? Die nationale Autonomie ist die in Oesterreich einzig mögliche Form der demokratischen Selbstverwaltung; sie ist der einzig richtige Ausgleich zwischen den Interessen des Staates und den Interessen der Völker; sie bedeutet, daß die Nationen, um die sich heute aller Kampf dreht und die doch staatsrechtlich gar nicht existieren, gesetzlich organisiert und ihnen die Leitung ihrer eigenen Angelegenheiten überwiesen werde; sie bedeutet, daß nicht mehr dem toten Boden, sondern lebenden Völkern Rechte verliehen werden. Uns bedeutet sie mehr. Uns bedeutet sie, daß zum erstenmale nicht nur den einzelnen Juden staatsbürgerliche Rechte verliehen werden, sondern auch die Gleichwertigkeit des jüdischen Volkes mit anderen Völkern anerkannt werde. Uns bedeutet sie das Ende der Ahasver-Rolle wenigstens in einem Staate, so daß wir Oesterreich mit demselben Rechte und aus dem gleichen Rechtstitel unsere Heimat nennen können, wie alle anderen Nationen innerhalb seiner Grenzen. Der Kampf um Oesterreich wurde bisher von zwei Gruppen geführt: der deutsch-zetttralistischen und der slavisch-föderalistischen. Die Juden haben an beiden Teilen kein eigenes Interesse. Der Zentralismus brachte ihnen deutsche Assimilation, der Föderalismus Assimilation mit verschiedenen Nationen^ Eine staatsrechtlich anerkannte Stellung für ihr Volkstum fanden sie in beiden Fällen nicht. Und in ähnlicher Lage befindet sich der Staat selbst. Der Zentralismus muß äußerste Unzufriedenheit der slavischen Nationen und die latente Revolution erregen. Der Föderalismus aber schlägt Oesterreich in Stücke und macht auf die Dauer seinen Bestand unmöglich. Oesterreich und das jüdische Volk befinden sich in der gleichen Lage. Und das ist ein Kennzeichen richtiger jüdischer Politik. Ja, wir haben eigene jüdische Forderungen, aber wir müssen sie so formulieren, daß sie mit dem Wähle des Staates und mit den Interessen der anderen Nationen zusammenfallen. Die Grundlage der nationalen Autonomie bildet die nationale Katastrierung. Ein jüdischer Kataster besteht bereits, da bei uns die nationale mit der konfessionellen Zählung zusammenfällt. Die Organisation der Nationalitäten muß bei der Gemeinde beginnen. Suwohnen z. B. in Pilsen und Budweis Deutsche, Tschechen und Juden, in Lemberg Polen, Ruthenen und Juden. Nun ist ein großer Teil der nationalen Agenden der Gemeindeverwaltung überlassen und diese Agenden werden natürlich in Budweis im deutschen, in Pilsen im tschechischen und in Lemberg im polnischen Sinne geführt. Jede Gemeindeverwaltung, welchem Volkeimmer sie angehört, nimmt die

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