Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 29 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 29 Dr. Llocd's Mocbenscbnr?. Seite 471 hat es dieses Organ größerer Verbrecher nur seiner untergeord-Mgegangen, um mit Goralski und Smolen zu konferieren, neteu Stellung zu verdanken, daß man ihn im Kampfe gegenMWir find in der Lage und bereit, für diefe Tatsache Zeugen Smolen und Genossen unbeachtet ließ. M bringen. Nun kommt es zu einer Komödie, wie sie durchsichtiger und abgeschmackter wohl kaum zu finden ist. Am 4. Juli erinnert ihn der Bezirkshauptmann, daß er am 23. Mai beleidigt wurde, er soll die Klage überreichen, allein nicht etwa beim ordentlichen Gerichte, wie ein geradliniger und anständiger Mensch, sondern — beim Bezirkshauptmann, demselben Bezirkshauptmann von Sokal, den wir des Amtsmißbrauches, der Erpressung usw. bezichtigten. Dieser hat nun sich Gelegenheit geschaffen, eine Amtshandlung gegen Dr. Bloch einzuleiten, um ihn auf Grund des nur mit gewaltsamer Hilfe der Gendarmerie in Oesterreich durchzuführenden Prügelpatentes zu verurteilen, nach welchem dem Bezirkshauptmann angeblich in politischen Dingen richterliche Gewalt zusteht. Er hat somit Doktor Bloch im Wege der Wiener Polizei einvernehmen lassen und wird es vielleicht wagen, ein Urteil auszusprechen, gegen das man an den Hort der galizischen Gerechtigkeit, den Statthalter Potocki in Lemberg, rekurrieren kann. Nein, meine hochverehrlichen Herrschaften, in Wien werden sie denn doch noch nicht Schlachzizien spielen, hier werden sie es kaum wagen, einen Menschen als Hörigen des Bezirkshauptmannes zu behandeln. Der letzte Akt der großen Komödie, deren Handlung darin besteht, daß ein mit denkbar schwersten und schwärzesten Vorwürfen belasteter hoher Beamter im Erinnerungsvermögen eines untergeordneten Organs eine Beleidigung findet, um dem Dr. Bloch beizukommen, den er vor die Geschworenen zitieren müßte, wenn er unter seinem Beamtenrocke noch einen Funken von Ehre hätte — dieser Akt wird nicht gespielt werden. Der Polizei-Inspektor also ist beleidigt, der Bezirksyauptmann aber nicht, dem man Erpressung und Mißbrauch der Amtsgewalt vorwarf. Pfui über diese Prostitution der Beamtenehre, pfui über die Schleichwege, mit denen man einen offenen Gegner, der zum Kampfe rief, tückisch überfällt! Aber diese Moral wird hoffentlich nicht ganz Oesterreich anstecken. Wenn der Bezirkshauptmann von Sokal es wagen sollte, mit dem Urteil nach Prügelpatent über die Grenze zu kommen, dann wird er zur Antwort noch einmal die Worte hören, die wir ihm seit Wochen entgegenrufen: Sie Erpresser haben die Amtsgewalt mißbraucht, Sie sind ein Verbrecher gegen das Gesetz, gehen Sie erst zu Gericht und lassen Sie das selbst in Oesterreich unerhörte Unterfangen, als Verbrecher einen Richter spielen zu wollen. Zur Berichtigung der Jt. k. Oberstaatsanumltschaft in Lemberg. Aus dem 30. Reichsratswahlbezirk des Königreiches Galizien erhalten wir folgende Zuschrift: „In Bezug auf die in Nr. 27 der „Qesterr. Wochenschrift" publizierte Berichtigung der k. k. Oberstaatsanwaltschaft in Lemberg, in welcher behauptet wird, daß „in Rawaruska zu wenig Gendarmen zur Verfügung standen, um die Ordnung aufrechtzuerhalten" und daß deswegen die Verhafteten nach Lemberg überstellt werden mußten, — erlaube ich mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß in Rawaruska Militär genug vorhanden ist, um jede Zusammenrottung und Ruhestörung zu verhindern. Die Ueberstellung der Verhafteten nach Lemberg sollte den Effekt haben, die Angeklagten dem ordentlichen gewissenhaften polnischen Richter in Rawaruska zu entziehen. Wie schon die Tatsache, daß man diese Verhafteten in Ketten gelegt hat, zeigt, galt es vor allem, Schrecken bei den friedlichen Bewohnern zu verbreiten. Wir halten auch unsere Mitteilung aufrecht, daß der Lemberger Untersuchungsrichter Seng Konferenzen, mit dem Rat Goralski und dem Kommissär Smolen in Belz abgehalten. Mehr noch: während der Einvernahme der Zeugen ist dieser Untersuchungsrichter öfter aus dem Zimmer j Auch der gegenwärtige Untersuchungsrichter Wierzb o w s k i, welcher Herrn Seng abgelöft hat, droht und beeinflußt die Zeugen, damit sie nicht ungünstig gegen Smolen und Szwedzicki aussagen. Auch er ist am verfloffenen Sonntag öffentlich mit Herrn Smolen spazieren gefahren und er soll gegen ihn die Untersuchung leiten. Hier haben Sie das Bild unserer Justiz. Folgen die Unterschriften. Cm jüdisches Programm. (Vortrag gehalten von Richard Rappaport am f. Juni 1906 tn der Lese- und Redehalle jüdischer tzochschüler. (Auszugsweise wiedergegeben *.) Meine Herren! Gibt eS ein jüdisches Programm? „Wir Juden verlangen nur die Gleichberechtigung. Weiter gibt eS keine jüdischen, sondern nur solche Forderungen, die uns mit allen anderen Staatsbürgern, ohne Unterschied der Nationalität und Konfession, gemeinsam sind.* So haben die offizrellen Leiter des Judentums noch vor jeder Wahl, vor jeder politischen Aktion zu unS gesprochen und auf nicht politischem Gebiete wurde un» Assimilation, das Aufgehen in anderen Völkern, empfohlen. Auf diesen Weg ließ sich unser Volk von den Männern seines Vertrauens leiten und wir kennen auch die Früchte dieser Politik: außen der Antisemitismus, im inneren Volkskörper die traurigste Dekadenz. Die jüdische Politik hat ihre Richtung im Jahre 1848 empfangen. Kein Volk hat heißer die Freiheit, den Messias herdeigesehnt. keines mutiger für sie gekämpft. Ein Jude, Dr. Fischhof, war eS, der die ersten zündenden Worte in der Herrengasse sprach; ein Jude, Spitzer, war e», der unter den ersten Opfern fiel. Die Emanzipation wurde denn auch 1849 gewährt, aber in der folgenden Reaktionsepoche wieder zurückgenommen. Erst die Staatsgrundgesetze vom Jahre 1867 gaben den Juden endgültig die staatsbürgerliche Gleichberechtigung. Mit Begeisterung schlossen sie sich neuerdings der von Schmerling geführten liberalen Partei an. Aber diese selbst war eine andere geworden. Deutschtum und Zentralismus waren in den Vordergrund getreten. Das zog den Juden die Feindschaft der slavischen Nationen zu, die sich besonders in Mähren, manchmal in sehr handgreiflicher Form, äußerte. Der Kulturkampf, in dem die Juden gleichfalls rm Vordertreffen standen, brachte sie in schärfsten Gegensatz zu den mächtigsteii Faktoren des Reiches, zum Hof und zur Geistlichkeit. Und die einseitige Begünstigung der Interessen der Hochfinanz und deS Großhandels, bei der der Mittelstand zugrunde ging, zog ihnen den Haß der weitesten Volkskreise zu. Die besten Männer warnten vor diesem Irrweg; so Fischhof, später Theodor Hertzka und andere. Vergeblich! Mit fanatischer Heftigkeit wurden diese treuesten Berater gerade von den Juden — leider ein häufig wiederkehrende- Ereignis rn unserer Geschichte — zurückgestoßen, ja, man verschrie sie und ihre christlichen Freunde als Antisemiten und erreichte eS wirklich, die besten Männer ihrem Volke zu entfremden und ihre christlichen Verbündeten inS Lager des Antisemitismus zu treiben. So kam, was unter solchen Umständen kommen mußte: Schönerer nahm zuerst den Antisemitismus in das Linzer Programm auf, das „die Beseitigung des überwuchenden jüdischen Einflusses auf allen Gebieten des öffentlichen Lebensforderte. Er fand starken Anhang unter der jüngeren Intelligenz und der Studentenschaft. Etwas später setzte die antisemitische Bewegung des Mittelstandes ein, mit der die katholische Abwehrbewegung gegen den Kulturkampf zusammenfloß. Theoretisch ward sie durch Baron Vogelfang vorbereitet, gepflegt durch die gewerbliche Bewegung, an deren Spitze Schneider, Buschenhagen, Psenner und andere standen. Dr. Pattai wurde 1685 als erster Vertreter des Antisemitismus in Wien gewählt. Dr. Lueger, als Demokrat gewählt, ging noch während der Session zu den Antisemiten über und leistete dann mit Dr. Geßmann die eigentliche Agitations- und Organisationsarbeit. Eine Zeit lang unter dem Namen „Vereinigte Ehrlsten" verbunden, trennten beide Richtungen fich dann wieder als Ehristlich-Soziale und Radikalnationale, später Alldeutsche. Die Erfolge beider Parteien brauche ich Ihnen nicht zu schildern, Sie haben sie selbst miterlebt. Der größte Erfolg beider Richtungen bestand aber darin, daß unter ihrem Einfluß fast alle Parteien vom Antisemitismus durchdrungen wurden, so daß un österreichischen Parlament schon lange eine antisemitische Majorität dominiert. Diese Entwicklung mußte eitle ernüchternde Wirkung auf die Juden ausüben. Sie begannen aus dem Rausch der Assimilation zu erwachen, deren Bankbruch nun vor Aller Augen offen lag. Die nationale Gegenbewegung setzte ein. Ihre Geschichte kennen Sie alle. Sie wißen, daß vor fast 25 Jahren eine studentische Bewegung auf *) Aus dem Jahresbericht der Lese- und Redehalle, Men 1907.