Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 29 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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4?&te 4?0 Nc. 29 Dr. Morris WochemchrLsk> geistreichen Leitartikel der „Arbeiter-Zeitung" übersteigt., Man hätte diesem Redner etwas von dem prächtigen Groll; Daszynskis gewünscht, man hat ihm zugetraut, daß er den von Wiener und Lemberger Schlachzizen aufgebauten Turm der Lüge mit Donnerworten in Trümmer legen wird. Statt dessen blieb er staatsmänuisch kühl, vernünftig und trug nebst dem Beifall der Parteigenossen auch bei allen anderen einen Hochachtungserfolg davon. Sonst nichts. Sein Mangel au Angriffen machte es, daß der eitle Bielohlawek sich nicht mit der Verteidigung begnügen mußte, sondern frischweg herüberschießen konnte. Man kennt diesen rasch avanzierten Herrn. Im Zirkus gibt es zwei Arten Clowns. Die einen wirken durch schwarze Tupfen am weißen Gesicht, durch Purzelbäume und Ohrfeigen. Sie sind die Possenreißer. Die anderen sind schon feiner, erzählen Witze, bringen Humor. Herr Bielohlawek ist vom Volksredner zum Wortführer der Partei geworden und man muß sagen, daß er für seine Leute sehr geschickt gesprochen hat, weil man ihm seine Verdrehungen und Unwahrheiten ruhig hat hiugehen lassen. Er brüstete sich mit der Schönheit des antisemitischen Wien und niemand rief ihm die Verschuldung des antisemitischen Wien ins Gedächtnis. Er verflieg sich trotz des himmelschreienden Nepotismus und der ProtckrionswirtschaftderChristlich-Sozialeu zu der Behauptung, daß sie auch ihre Gegner anstelle». Er stellte das durch Naubrittertum erworbene Vermögen der Adeligen über das in gesetzlichen Schranken erworbene Vermögen der wenigen reichen Juden. Was macht sich denn der Mann so patzig und breit? Warum hat sich niemand gefunden, der ihm einfach sagte, daß er trotz des plötzlichen Auftauchens der Franziskaner in seinem Wahlbezirk nur eine zweifelhafte Majorität von einigen Dutzend Stimmen erhielt? Mau hat den geistreichen Greißler ebenso ruhig gewähren lassen, wie den sattsam bekannten Terroristen K. H. Wolf, dessen Parteigenossen wie er selbst bei Juden um Geld und Stimmen betteln gingen, dem aber doch jetzt nichts übrig bleibt, als die Juden zu beschimpfen, nachdem er seinen schäbigen Pelz an seine Feinde verkauft hat, auch au diejenigen, die ihn kurz vorher angespuckt haben. Diese ausgezeichnete Charaktergröße hat es gewagt, das Wort polnischer Jude als Schimpfwort zu gebrauchen — mit .vollstem Recht. So ein polnischer Jude verführt die Töchter seiner Gastfreunde, auch wenn er verheiratet ist, läßt sich als Zeitungsmann vom Zuckerkartell bestechen, von seiner Frau scheiden, heute von seinen Gegnern mit Kot bewerfen, um morgen ihr dickster Freund zu werden. Heil Wolf, Heil dem Ehrenmann und Judenfresser! Auf alle diese antisemitischen Frechheiten fand der Sozialist Reger einige verspätete, wenn auch geschickte und gerechte Worte der Abwehr. Das ist zu wenig und das gibt eine dringende Lehre aus dieser ersten Debatte, in welcher sich der Antisemitismus zum Worte meldete. Keine falsche Bescheidenheit und Zurückhaltung 8er jüdischen Vertreter! Es ist nicht nötig, daß sie sich vom gnädigen Herrn Präsidenten ausdrücklich die Unparteilichkeit versprechen lassen, wie der Abgeordnete Dr. Gold. Man braucht einem Antisemiten diese Ehre nicht anzutun und kann ihn ruhig einen Lügner und einen Meineidigen heißen, wenn er parteiisch Vorgehen sollte. Was aber unbedingt notwendig ist, das ist die unverzagte Gegnerschaft gegen die Antisemiten, durch Zwischenrufe, Reden und Proteste. Die Abgeordneten, denen das Judentum am Herzen liegt, und wir haben solche, werden diese Antwort leicht und nachdrücklich geben. Wir haben keinen Nichtjuden, der unsere Interessen vertritt, aber wir brauchen auch keinen, denn wir haben mutige und tüchtige Leute genug, die wohl nur die leider eingerissene Gewohnheit überwinden müssen, daß man die Antisemiten nicht beachtet, um diesen Hohlköpfea mit Wucht zu zeigen, daß die Zeiten der jüdischen Geduld vorüber sind. , .. I. Upkimny. Gi» Krzirkspascha als Witzling. Vorladung an Herrn Dr. Josef Bloch, Zeitungsheransgeber in Wien, zur Einvernahme als Beschuldigter über Verlangen der Beznkshauptmanuschaft in Sokal im Bureau Nr.... der Wiener Polizeidirektion. „Bravo Herr Doktor! Also geh'n m'rs an. Das wird ein fetter Spaß für die Wiener, wenn sie die galizischen Wahlschweinereien hier beim Landesgericht ausgekramt kriegen. Hätt' mir doch nicht gedacht, daß wir diese eisernen Stirnen von den Leuten da oben doch noch durchbohren werden. Aber natürlich, das Verbrechen des Mißbrauchs der Amtsgewalt, der Erpressung und andere Kleinigkeiten haben sich schließlich nicht einmal mehr diese Dickhäuter der Moral vorwerfen lassen können. Ich schreib' dem Bienerth gleich einen Gratulationsbrief, daß er die feinen Herrschaften los wird." Der das sprach, dachte natürlich in seiner Naivität, daß der Bezirkshauptmann von Sokal jetzt kurzen, respektive langen Prozeß mit diesem Dr. Bloch machen und ihm denn doch zeigen werde, was es heißt, einen k. k. Bezirkshauptmann Erpresser und dergleichen zu nennen. Also große Spannung auf die Rückkehr des Verbrechers, dem man jetzt auf der Polizei ein Dutzend schwerer Paragraphe an den Hals hängen werde. Das Gelächter hält heute noch an. Denn empört kann man ja über die Zustände in Schlachziziens Augiasstall nicht mehr sein. Man höre aber das Melodrama an, das sich betitelt: „Der Bezirkshauptmann von Sokal als Rächer seiner beleidigten Ehre" oder „Die Klugheit eines Schlachzizendieners". Etwas lang hatte zwar die Rache zur Reise nach Wien gebraucht. Es war der 8. Juli und am 1. Juni hatten wir schon die erste Charakterschilderung des ersten Ehrenmannes von Sokal gebracht. Aber sicher hatte er erst geklagt, nachdem ihn eines der Ministerien oder die Statthalterei in Lemberg, denen wir die Artikelserie über ihn mit der größten Gewissenhaftigkeit einschickten, dazu gezwungen hatten. An die Dummheit eines Ehrenbeleidigungsprozesses vor Wiener Geschworenen aber hatte da oben niemand gedacht. Ja, wenn der Seng Vorsitzender hätte sein können und der Kogut Obmann der Geschworenen! Aber nichtsdestoweniger sollte den Schuldigen die bittere Rache ereilen und wenn sie ihre Umwege über den Himalaya nehmen müßte. Ist es nicht eine Roheit, daß man einem Menschen, der sich darnach sehnt, vor Gericht angeklagt zu werden und der sich wochenlang für die Erreichung seines Zieles redlich Plagt, die kleine Freude verweigert? Als Dr. Bloch ins Polizeigebäude trat, widerfuhr ihm eine furchtbare Enttäuschung. Er war zwar angeklagt, aber nicht deswegen und nicht dieserart, wie er es so sehnsüchtig wünschte. Der Herr Bezirkshauptmann hatte zwar seinen Zorn auf ihn ausgeleert, aber nur ein kleines Schälchen, dessen Untertasse folgender Tatbestand war: Als Dr. Bloch zur Wahlzeit in Sokal eine Versammlung abhielt, kam plötzlich ein Polizeikommissär herein und fragte mit barscher Stimme, warum die Versammlung nicht angemeldet sei? Dr. Bloch gab dem Beamten die diesem unfaßbare Erklärung, daß Wählerversammlungen nicht angemeldet zu werden brauchten. Trotzdem sagte der pflichteifrige Herr, der ganz gewiß gekommen war, um für Starzynski reine Wahlen zu machen, er löse die Versammlung auf. Dr. Bloch beeilte sich, dem Hüter des Gesetzes zu antworten, daß er ihm zu seiner großen Tat gratuliere. Natürlich hätte Dr. Bloch dem Manne von der Polizei eine weit schärfere Antwort geben können. Aber er wollte den Starzynski-Knechten nicht die erwünschte Gelegenheit zum letzten Handstreich geben und sich in einer Wildnis der Gerechtigkeit verhaften lassen. Doch steht es fest, daß dem unberufenen Eindringling in die Versammlung harte Strafe gebührt. Denn entweder hat er die schwere Gesetzesübertretung aus Dummheit oder Unkenntnis begangen — dann ist er nicht fähig und nicht würdig, sein Amt weiter zu bekleiden, oder er hat mit vollem Bewußtsein die strengsten Bestimmungen des Wahlgesetzes verhöhnt, dann gehört er ganz einfach in den Kerker. Tatsächlich