Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 29 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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»r. 29 UPa BlOCfl’S JahrgangXXIV Zentralorgan f ür die gesamten Interessen des Judentums. Wien, 19. Juli 1907. LrscbeLnt jeden Freitag. Brief-Adresie: Mten» IX/3, Lerggasse 39. Telegramm-Adresse: Llocb's MocLenscbriN, Miien. Inhalt: Leitartikel: Budgetdebatte. — Ein Bezirkspascha als Witzling. — Zur Berichtigung der k. k. Oberstaatsanwaltschast in Lemberg. — Ein jüdisches Programm. — „Für unsere theoretischen Antisemiten." — Wir sind keine Nationaljuden. — Ein jüdischer Arzt. — Korrespondenzen: Vorschlag, zur Errichtung eines „Muster-Gewerbeheim" anläßlich des 80jährigen Regierungs- Jubiläums Sr. Majestät unseres Kaisers. Vizepräsident Theodor Ritter v. Goldschmidt. Die Sterblichkeit der Wiener Juden. Jassy. Jerusalem. Menschenfreunde. Aus der territorialistischen Bewegung. — Vermischtes: Kranzablösungsfvenden zugunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien. Israelitischer Humanitätsverein zur Ausstattung heiratsfähiger Mädchen. Karl Thorsch. Sissek. Stanislau. Karlstadt. Breslau. Berlin. Rom. London. — Feuilleton: Chajim auf der Jeschibah. — Literatur. — Nene Bücher. — Notizen. — Inserate. »-e K. k. Pofisparksssen-Ainl Cleartng-Verkebr Nr. 810,976. Lrdsktion und Administration: Wien IX/1» Lerggasse Nr. 39. Telefon Nr. 14.847. »-* f-.-- Brrugsprris für Oesterreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'« Susland: Halbjährig 10 Kronen. San,jährig 20 . Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzetle 24 Heller. % - - .-. A Kndgrtdebalte. Die Christlich-Sozialen kommen an Machtstellung gleich hinter dem Kaiser. Sie haben die Regierung in der Hand, deren parlamentarischer Ausgleich mit Ungarn von ihrem Willen abhängt; sie sind die Herren der Parteien, deren Minister von ihrer Gnade leben, nachdem sie einmal ihre Korruption mit der Korruption der Schlachta verbanden. Ein paar Ministerportefeuilles, ein paar Mandatsbündnisse — dies der ganze schäbige Preis, für den man ihnen den Staat überläßt. Wenn sie einmal die Verwaltung nach ihren Wünschen eingerichtet, ihren politischen Einfluß auf Kosten der ihnen jetzt anhänglichen Parteien vergrößert haben werden, um diese doch schließlich aus allen Positionen unbarnlherzig hinauszuwerfen, dann wird man reuig einsehen, daß man sie hätte aus allen Kräften bekämpfen sollen, als sie noch kleiner waren und man ihnen noch beikommen konnte. Jetzt allerdings geschieht nichts dergleichen. Die Arbeitsfähigkeit ist das Schiboleth gegen jede Opposition. Die wildesten Temperamente tun die Schärfe aus ihren Reden, denn das Haus, in welchem sie sprechen, ist das arbeitswillige Volkshaus und jeder Störenfried läuft die schwersten Gefahren. Gut so. Hoffen wir, daß der Arbeitswille des neuen Parlamentes bessere Erträgnisse bringen wird als der des alten, dessen ganze Glorie neben dem unaufhaltbaren Wahlgesetze der reaktionär-zünftlerische Befähigungsnachweis war, während noch wie vor die räuberische Tobsucht der Kartelle Orgien feierte, der § 14 allen Parlamentarismus verhöhnte, der Kriegsminister die zweijährige Dienstzeit in die Köderbüchse zurücklegte und das Einkommen des kleinen Mannes nicht mehr für den Pferdefleischhauer hinreicht, während die Millionen schwellen. Hoffen wir, daß die kommenden Debatten wenigstens einige gefährliche Drohungen gegen die Regierung bringen werden, welche keine Miene macht, die Lasten des Volkes zu verkleinern. Aber keine Arbeitswilligkeit hindert an der Austragung des großen Kampfes zwischen Fortschritt und Reaktion, am erbitterten Kampf der Prinzipien, an der Empörung gegen eine Staatsleitung durch Christlich-Soziale und Schlachzizen. Gewiß kann man ihnen die Macht des Besitzes im Parlament nicht rauben. Aber es ist eine unentschuldbare Versäumnis, daß man ihnen die Macht des Besitzes, bei der Bevölkerung läßt, daß sich im gegenwärtigen Moment hoher Gefahr die gegnerischen Abgeordneten und ihre Presse nicht vereinigen, um in Wort und Schrift die Zutteiber des Feudalismus und Klerikalismus, die Meister des Volksbetruges und der Volksverdummung, die korrupten Bundesgenossen der korrupten Schlachzizen so zu charakterisieren, daß niemand mehr die Schande auf sich wird nehmen wollen, sie zu wählen oder zu unterstützen. Sommermüdigkeit. Urlaubsstimmung. Regierung und Regierungsparteien bringen ungestört die Ernte ein. Die Budgetdebatte ist Kleinbetrieb der Geister, floß sanft und matt dahin. Volkstribunen hat man erwartet, Vorstadtgrößen sind gekommen. Kein gewaltiges Ringen der Ansprüche zwischen Stadt und Land, kein Bild der zauberischen Arbeit jener Millionen, die Dorf nach Dorf dem Boden unsere Nahrung /abtrotzen und den Rumpf des Staates bilden, kein gigantischer Einblick in den Vulkan der Industrie, dessen Kapitalien dem Fortschritt die Füße geben, keine umfassenden Pläne der Politiker für die Zukunft. Mitteilungen des Herrn Kunschak, des Gegenvertreters der städtischen Arbeiter über die Güte Luegers ... Und der Freisinn tot, gestorben. Nicht einmal die Phrasen werden verzapft, mit denen die Wiener jüdischen und liberalen Wähler in Monat Mai abgefüttert wurden, als alle Herzen der Leopoldstadt ob der Gründung einer neuliberalen Brigade sprangen. Herr Dr. Ofner hielt eine etwas langgeratene Vorlesung im juridisch-politischen Leseverein — pardon, im Parlament, über Härten im Strafgesetz in Bezug auf den Geldwert einer gestohlenen Sache — man sollte denken, daß gerade das nicht die Interessen seiner Wähler irgendwie berührt. Die übrigen Freisinnigen könnte man vielleicht austrommeln lassen. Schwer enttäuscht hat auch Herr Dr. Vittor Adler, dessen Beredsamkeit einst eine Volksversammlung von zehntausend Leuten bis an die Grenze der Revolution zu führen vermochte. Er sprach sehr hübsch, er sprach sehr gut — das Wort von den deutschen Ministern als Geiseln der Regierung trägt ihm einen Souderbeifall ein — aber das war nicht die gewaltige Kundgebung, die einen schneidigen und