Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 28 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 28 Dr. Llocv's Mocdenscvrltr. Seite 461 Sie heran zu gemeinschaftlicher Arbeit und dann werden wir Arm in Arm, Schulter an Schulter und nicht Brust gegen Brust kämpfen müssen. (Beifall.)*a lind wenn wir uns aus dieses Feld begeben, meine Herren, wenn wir zusammenstehen zur wirklichen Erfechtung der Legalität, zur Durchführung des gleichen Rechtes für alle Staatsbürger, auch für die jüdischen Staatsbürger, zur vollen, tatsächlichen Gleichberechtigung, dann glaube ich nicht ohne Zuversicht und nicht ohne Grund annehmen zu können, daß Sie Hilfe finden werden in dem Klub, dem ich anzugehören die Ehre habe {Beifall) und dessen Tradition ihm gebietet, immer ein Schutz und Hort des Rechtes zu sein, welches die Grundlage seiner Existenz und der Quell all seiner Hoffnungen ist. {Lebhafter Beifall and Händeklatschen.) Und nun, meine Herren, möchte ich zum Schluffe noch auf eines zurückkommen. Sie haben einen Antrag eingebracht mit der Forderung nach freien und nach reinen Wahlen. Der Antrag nach freien Wahlen ist vollkommen berechtigt und ich stimme Ihnen aus voller Seele zu. Sie sollen frei sein; frei öom Drucke von oben und frei von jedem Terror von unten, vollkommen frei nach jeder Richtung hin. Und die Wahlen, meine Herren, sollen auch rein sein. Aber nicht rein find nicht bloß die Wahlen, wo die Korruption mit Geld funktioniert. Zu reinen Wahlen ist es notwendig, daß das ganze öffentliche Leben gesunde, daß es durchtränkt und durchgeistigt werde von ethischen Grundsätzen. {Ruf: Das wollen wir!) Das wollen Sie und das soll die Intention, der Zweck, das Ziel aller Parteien dieses hohen Hauses sein. Mögen sich alle zusammentun, um dem Grundsätze dieses hohen Losungswortes der Ethik in der Politik Rechnung zu tragen. Mögen sich alle zusammentun, um die politische Lüge auszurotten, um nicht zuzulaffen, daß man die persönliche Ehre angreift, mögen sie die Verleumdung verdammen aus dem Arsenal politischer Waffen. Und, meine Herren, noch ein letzter Appell an dieses hohe Haus. Mögen die Parteien dieses hohen Hauses ein leuchtendes Beispiel der Duldung geben für Ansicht und Gegenansicht und möge dann das Beispiel von diesem hohen Hause hinausziehen in die Kreise der Wählerschaft und auf sie erziehlich wirken. Vielleicht wird dann die Morgenröte einer besseren politischen Zukunft anbrechen, in der man sich bekämpfen wird, ohne sich gegenseitig zu beschimpfen und zu beschmutzen, einer Zukunft, wo man sich gegenseitig achten wird, der Zukunft, wo dieses Haus das sein wird, was es sein soll, die Wahlstätte des Kampfes der freien Geister. {Lebhafter, anhaltender Beifall. — Redner wird vielseitig beglückwünscht.') Korrespondenzen. Aus der öffentlichen Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 1. Juli 1907 unter dem Borsitze des Präsidenten Herrn Dr. Alsred Stern. Beginn 3 Uhr nachmittags. Im Präsidialberichte teilt der Präsident mit, daß, wie aus Zeitungsberichten bereits bekannt ist, der Verwaltungsgerichtshof die Beschwerde der Kommune Wien gegen die Entscheidung des Ministeriums des Innern, mit welcher die Aufhebung der seinerzeit vom Wiener Gemeinderate beschlossenen, einem Schächtverbote gleichkommenden Verfügung bestätigt wurde, als unbegründet abgewiesen hat. Herrn Vize-Präsidenten Dr. Kohn, welcher in dieser Angelegenheit so erfolgreich intervenierte, wird für seine außerordentliche Mühewaltung der wärmste Dank ansgesprochen. (Lebhafte Zustimmung.) Bei diesem Anlaffe teilt der Präsident mit, daß das Vertreterkollegium beschlossen habe, Herrn Dr. Gustav Kohn für die Vertretung dieser Angelegenheit durch deren Studium er längere Zeit seinen Berufsgeschäften entzogen war, ein Ehrenhonorar zu votieren, daß jedoch Dr. Kohn getreu seinem stets geübten Prinzipe, auch für advokatorische Vertretung der Kultusgemeinde niemals eine Entlohnung zu beziehen, dieses Ehrenhonorar abgelehnt, dagegen aber den Wunsch ausgesprochen habe, es möge der für Unterstützungen in besonders berückfichtigungswerten Fällen bestimmte, in der Gemeindekaffa erliegende Präfidialfond mit Rücksicht auf deffen Unzugänglichkeit in diesem Jahre um K 1000.— erhöht werden. Dieser humanen Intention Rechnung zu tragen wurde im Vertreterkollegium beschloffen und wird sohin vom Plenum unter erneuertem Ausdruck des Dankes an Dr. Kohn genehmigt. Im Einlaufe befinden sich: Eine Zuschrift des Herrn Oberrabbiners Dr. Güdemann, in welcher derselbe die Gemeinde anläßlich der jüngsten Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes in der Schächtangelegenheit beglückwünscht. Schreiben ähnlichen Inhaltes find vom Vereine „Adaß Jisroel" und dem „Vereine zur Wahrung der Jntereffen des orthodoxen Judentums in Wien und Niederösterreich" eingelangt. Im Einlaufe befinden sich weiters: Ein Dankschreiben der Israelitischen Allianz für den Beitrag der Kultusgemeinde zur Hilfsaktion für die rumänischen Juden. Eine Zuschrift des Herrn Max Zirner, betreffend Annahme des Mandates als Mitglied der Bezirkskommiffion XII bis XV. Ein Dankschreiben des Herrn kais. Rates Ignaz Wilhelm für die Gratulation des Kultusvorstandes anläßlich der ihm zuteil gewordenen Allerhöchsten Auszeichnung. Regierungsjubiläum Sr. Majestät des Kaisers. Das Vertreterkollegium beantragt, daß die Kultusgemeinde das 60jährige Regierungsjubiläum Sr. Majestät des Kaisers durch einen gemeinnützigen Akt feiere. Zur Beratung dieser Angelegenheit wird eine Kommission, bestehend aus dem Präsidenten Dr. Alfred Stern, dem Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn und Theodor Ritter v. Goldschmidt, den Vorstandsmitgliedern Dr. Josef Breuer, David Ritter v. Gutmann, Moriz Edlen v. Kuffner, Wilhelm Pollack Edlen v. Parnegg, kaiferl. Rat Leopold Sachs, Dr. Markus Spitzer, Dr. Maximilian Steiner, Baurat Wilhelm Stiaßny und kaiferl. Rat Jonas Weil, eingesetzt. Erzeugung uud Verschleiß von Koscher-Selchwareu. Angesichts der unhaltbaren Zustände, welche bisher trotz wiederholter diesfälliger Bemühungen des Rabbinates bei der Erzeugung und dem Verkaufe von angeblich koscheren Selchwaren in Wien bestanden haben, fanden im Schoße des Kultusvorstandes unter Intervention des Rabbinates und unter Zuziehung von Selchwarenfabrikanten wiederholte Besprechungen behufs Abstellung dieser Uebelstände statt. Diese Besprechungen führten zu dem Ergebniffe, daß von jüdischen Selchwarenfabrikanten eine unter Aufsicht des Rabbinates der israel. Kultusgemeinde Wien zu stellende Selchwarenfabrik errichtet werde, welche allen Anforderungen in Bezug auf das Kaschrus der dortselbst erzeugten, zum Verkaufe oder Export gelangenden Selchwaren entsprechen wird. Durch diese Maßnahmen werden das Publikum, welches auf den Bezug wirklich koscherer Selchwaren Wert legt, und insbesondere auch die außerhalb Wiens wohnhaften Konsumenten in die Lage versetzt, vor Täuschungen geschützt zu werden. Die Vorstandsmitglieder Dr. Jakob König und Emanuel Grünwald werden in die Bezirkskommiffion XXI delegiert. Weiters wird Herr Dr. Jakob König in die Kommission II (für Unterrichts-Angelegenheiten) berufen. Nach Erledigung von Personalien und Stiftungs-Angelegenheiten wird die Sitzung um 7 Uhr abends geschloffen.