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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-07-12 · 28 (12.7.1907) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
28 (12.7.1907)
Date
1907-07-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 456 Dr. JBlocb’s Mocvenscvrrn. Nr. 28 außerordentlich geachtet. Sechs Jahre hat man von ihr keine Ahnung gehabt, jetzt kommt der Bezirkshauptmann in alle jüdischen Läden, er kommt zu den Fleischselchern, um ihre Ware zu untersuchen u. s. w. Meine Herren! Der Professor der Hygiene auf der Wiener Universität könnte dort sehr viel lernen. (Heiterkeit.) Die Untersuchungsmethoden, die wir in Galizien haben, die kennt die modernste Hygiene hier nicht. {Heiterkeit und Zustimmung.) Die Hygiene dieser Leute besteht zum Beispiel in folgendem: Der Physikus kommt in ein Geschäft. Kaum winkt ihm der Kaufmann, ich stimme für den Regierungskandidaten, ist alles in bester Ordnung. (Heiterkeit und Zustimmung.) Hat aber der Kaufmann so ein verdächtiges Gesicht — und der Physikus ist Physiognomiker genug, um zu wissen, wer ein verdächtiges und wer ein gutes Gesicht hat (Heiterkeit) — oder macht so eine verdächtige Miene, dann wird alles untersucht. Und — mag alles noch so hygienisch sein — der Laden wird geschlossen, das Haus wird demoliert, die Bäckerei wird gesperrt, es herrscht ein Terror wie in Feindesland. {Zustimmung.) Das ist der zweite Akt der Tragödie. * Nun beginnt der Wahlakt selbst; es sollen die Vertrauensmänner ernannt werden. Sagt doch das Gesetz so ganz deutlich: Jede Partei kann ihre Vertrauensmänner stellen! Unter verschiedenen Vorwänden werden die Vertrauensmänner nicht zugelassen. Derselbe Bezirkshauptmann brachte es zustande, daß er, gss ein Gesuch zur Aufnahme und Zulassung von Vertrauensmännern gemacht wurde, einmal sagte: Ja, das hat die Partei unterschrieben, das hat aber der Kandidat selbst nicht unterschrieben und daß er, als am nächsten Tage der Kandidat unterschrieb, sagte: Ja, das hat der Kandidat unterschrieben, aber die Partei hat es nicht unterschrieben. {Lebhafte Heiterkeit.) Meine Herren! Solche Dinge gehen vor und wenn schon die Vertrauensmänner zugelassen werden, so wirft man sie unter den nichtigsten Vorwänden wieder hinaus. {Hört! Hört!) Das war zum Beispiel der Fall in Stanislau. Da war Dyktor Mosler Vertrauensmann und da man ihn beim Skrutinium nicht haben wollte, machte man ihm den Vorwurf, er habe jemanden beleidigt. Es entstand ein Krawall und das einzige Opfer dieses Krawalles war Dr. Mosler, der hinausgeworfen wurde. (Zwischenrufe.) So sehen, meine Herren, die Wahlen aus! Auf eines mache ich die Herren von Westösterreich aufmerksam. Ihr täuscht Euch, meine Herren, in Westösterreich, wenn Ihr glaubet, Ihr habet das allgemeine Wahlrecht. Wir in Galizien haben das allgemeine Wahlrecht; denn bei Euch wählen nur die Lebenden, bei uns wählen aber auch die Toten. (Heiterkeit.) Bei Euch wählen nur die Anwesenden, bei uns auch die Abwesenden (Zustimmung), bei Euch wählen nur die Unbescholtenen, bei uns auch die Sträflinge. Im Momente der Wahl öffnen sich die Strafhäuser und Friedhöfe und Tausende strömen zur Urne. Wir sehen da wirklich neue Errungenschaften der Technik. Während man heute nur telegraphieren und in die Weite sprechen kann, hat es der Herr Prokopczyc in Stanislau soweit gebracht, daß man auch aus Amsterdam und Hamburg stimmen kanu. (Heiterkeit.) Ein Kaufmann war in Lussinpiccolo, der zweite in Amsterdam. Zwei Elsenbahnbeamte wurden versetzt, der eine nach Czernowitz, der andere nach Halicz und zwei Leute befanden sich sogar damals in Untersuchungshaft und alle diese stimmten und gingen zur Urne. (Zwischenrufe.) Und das Merkwürdige ist, daß alle diese abwesenden Personen für den offiziellen Kandidaten stimmten (Heiterkeit. — Abgeordneter Pastor: Loyale Bürger!) Ja, sehr loyale Bürger! So, meine Herren, geht es zu und es ist wirklich traurig, wenn gesagt wird, daß wir ein allgemeines, gleiches, direktes und geheimes Wahlrecht haben. Welch Ironie, das Wahlrecht bei uns geheim zu nennen. Bezirkshauptleute stellen schon mit dem Namen des offiziellen Kandidaten ausgefüllte Stimmzettel aus. Kein Name kann mehr hereingeschrieben, nichts kann darauf gestrichen werden und in Sokal wurde sogar noch auf die umgekehrte Seite des Zettels eine Stampiglie aufgedruckt. Und offen mit dieser Stampiglie mußten die Wähler zur Urne gehen! Ist das in Ordnung, meine Herren? Sie antworten: Nein! Aber anderer Ansicht war der Herr Samuel Selzer, welcher dafür eingesperrt wurde und dem man dann seine Restauration geschlossen hat, und anderer Ansicht war der Uhrmacher Altmann, dem man dafür das Geschäft geschlossen hat. Wenn sich die Wähler zur Urne begeben, werden ihnen die Zettel entrissen und ein Militärkordon steht da und soll das Lokal beschützen. Aber nicht zum Schutze, nicht zum Schirme steht das Militär da, sondern dazu, um einseitige Politik zu machen. Offene Türen finden die Agitatoren des offiziellen Kandidaten vor; sie kommen alle herein und haben alle auf den Schößen des Rockes die Insignien des offiziellen Kandidaten. Sie dürfen selbst hineinkommen und auch ihre Wähler kommen alle hinein. Die andern Wähler aber müssen sechs bis acht Stunden draußen stehen, sie fallen in Ohnmacht, werden krank und dürfen erst dann hineinkommen, wenn es den andern Leuten gefällt. Das sind schwere Zustände, und wenn wir hier die Anklage erheben, so geschieht es, Gott behüte, nicht etwa deshalb, weil wir vielleicht irgend ein Volk, irgend eine Nation anklagen wollen. (Sehr richtig!) Wir klagen diejenigen an, die heute die Politik führen. Aber wir Juden schätzen und achten alle das polnische Volk mit seiner glorreichen Geschichte und das ruthenische Volk. (Beifall.) Es ist uns eine Freude zu konstatieren, daß wir, wenn sich die Verhältnisse ändern werden, die ersten sein werden, welche gerne und freudig mit dem polnischen und ruthenischen Volke Zusammenarbeiten werden zur Hebung der Kultur dieses armen Landes. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Wir wenden uns gegen drei Kategorien: gegen den Adel, der keine Pflichten kennt, dann gegen die Bureaukratie, welche glaubt, in Galizien wirklich wie in Feindesland wüten zu können. Der Bezirkshauptmann will noch immer blind über die jüdischen Stimmen verfügen und wehe demjenigen, der gegen ihn auftritt. Das wird aber nicht mehr weiter so gehen. Der Jude ist auferstanden und er verlangt nichts Ungesetzliches, er will nicht das Land revolutionieren. Er verlangt die Gleichberechtigung, er verlangt, als Mensch mit Menschenwürde behandelt zu werden, wie es die Verfassung, die vor vier Jahrzehnten gegeben wurde, ihm voll zuerkannt hat. (Beifall.) Und neben dem Adel und neben der Bureaukratie sind es die Hausjuden, die Propinatoren, die jüdischen Bürgermeister und die jüdischen Kultuspräsidenten, die die Todfeinde des jüdischen Volkes sind. (Beifall.) Diese gehen zusammen und unterstützen das alte System. Ein geistreicher Kaufmann, der in Amerika war, hat einmal gesagt: Amerika ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ich behaupte von Galizien, daß es das Land der unbegrenzten Unmöglichkeit ist. (Lebhafte Zustimmung.) Anderswo stimmt jeder frei nach seinem Urteile und seiner Anschauung, anderswo stimmt man geheim, anderswo gibt es keinen Terrorismus und keine Vergewaltigung, keine Korruption und keine Niedertracht. Bei uns wird das allgemeine Wahlrecht verhöhnt, die Verfassung mit Füßen getreten: hier ist das Reich der wirklichen Unmöglichkeiten. Und wenn wir Euch mit einigen Worten sagen sollen, wozu wir hergekommen sind, so sage ich: Nicht um Unfrieden zu säen, nicht um das Land zu beleidigen und zu beschmutzen, sondern wir sind hergekommen, um Galizien in Europa zu verwandeln (Zustimmung) und eine moderne Wirtschaft dorthin zu bringen, um zu ermöglichen, daß das jüdische Volk mit dem polnischen und ruthenischen Volke Zusammengehen kann und mit ihnen zusammen für die materielle und kulturelle Hebung des Landes arbeiten kann. Wir begehen in diesem Jahre eine große Feier: 40 Jahre find es her, seitdem Oesterreich die Verfassung bekommen hat. Ihr in Westösterreich habt die Verfassung gehabt; ihr habt die Früchte davon. Doch wir kennen sie nur dem Namen nach und es wird Sache unseres Klubs, des jüdischen Klubs, sein, Hand in Hand mit der polnischen Demokratie und mit der ruthenischen

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