Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 450 Dr. Lwcv's TOocbenscbrlTL Nr. 27 Spitzer eilte gleich nach dem Essen zu Frau Katz und beteuerte seine Unschuld; doch vergebens. Frau Katz blieb unversöhnlich. Das blaue Mal am Beine ließ keinen Versöhnungsgedanken aufkommen. Die Geschichte wurde ruchbar, Simchah hatte sich um deren Verbreitung keine geringen Verdienste erworben und so oft Frau Katz mit einer Nachbarin einen kleinen Streit vom Zaune brach, waS nicht selten vorkam, hatte sie die Katze auf der Schüssel. Chajim hatte sich in die Rolle des Korrepetitors hineingelebt. Wohl war es nur ein donoris eauoa-Titel, gleich dem der meisten jüdischen Univerfitatsprofessoren, aber das Amt hatte für Chajim auch manche Annehmlichkeit. Starker rauchte Zigaretten und Chajim bekam auch seinen Teil davon. Aber auch der Tokayer-Ausbruch, der durch Starker in den Keller des Rabbi gelangte, mundete Chajim recht gut. Löb war Kellermeister, der die Weine in Flaschen füllte und diese in Verwahrung hatte. Jeden Samstag mittag wurde außer dem Tischwein auch ein Fläschchen Tokayer-Ausbruch als Dessertwein' zu Tisch gebracht und jeder der Tischgenoffen bekam ein halbes Schnapsgläscheu voll, um den Segensspruch hatauo wehamchiv3) darüber zu verrichten. Chajim lehnte den Tokayer immer mit dem Motive dankend ab, daß er solche starken Wein nicht vertragen könne. Samstag nachmtttag aber, während die Familie des Rabbi das Mittagsschläfchen absolvierte, bekam Chajim von Cäcilie den Kellerschlüffel, um sich ein Glas kaltes Wasser zu holen —: Pas Trinkwasser mußte aus ziemlicher Entfernung herbeigeholt werden, und wurde im Sommer in den Keller gestellt, damit es kalt bleibe — und trank regelmäßig den Rest Tokayer, der im Fläschchen geblieben. Samstag mittag mußte sich Löb alle möglichen Jnvektiveu und Injurien wie Schikerpolz,4), Lump,. Ganev 5) an den Kopf schleudern lassen und dabei war er als Kellermeister chrttch uud gewissenhaft wie selten einer. Wenige Wochen später wurde Simchah Schwarz Bräutigam und heiratete bald darauf die Tochter des Meiereibefitzers Weiß in B. Simchah lebte sich in die neuen Verhältnisse recht gut hinein. Er trug hohe Stiefel und nach kurzer Zeit schon hatte er einen Stallgeruch, der dem tüchtigsten Kavallerieoffizier zur Ehre gereicht hätte. An Simchah Schwarz' Stelle kam Mendel aus N., ein ehemaliger Mitschüler ChajimS; Mendel und sein Bruder, sowie Chajim hatten nach Reb Jekew Flaumfeders Ableben in dessen Enkel einen gemeinsamen Korrepetitor gefunden. I Mendel war aus gutem Hause; doch ging es mit seinen Ellern rapid abwärts. Sie hatten eine zahlreiche Familie zu erhalten und eine Anzahl heiratsfähiger Töchter zu versorgen. Mendel selbst zeigte zum Berufe des Bochur keine Lust und nur, um dem Wunsche seiner außergewöhnlich frommen Mutter zu entsprechen, suchte er die Jeschibah in P. auf. Chajim ging dem Jugendfreunde bei der Beschaffung der Kosttage au die Hand und teilte jeden Bissen redlich mit ihm. Mendel bezog das Quartier des Simchah Schwarz und wohnte bei der Wttwe Oesterreicher im Hause des tauben Schlossers. Mendel war ein sehr geweckter, kluger, selbständiger mrd ftühreifer Junge, und der Umgang mit ihm war für Chajim nicht von Vorteil. Mendel machte auf Cäcilie den besten Eindruck und Cäcilie, der er eifrig den Hof machte, stand vollständig in M«ü>els Bannkreis. Sie steckte ihm alle guten Bissen zu, die sie sich vom eigenen Munde abkargte, gab ihm den Kellerschlüssel so oft er wollte und Mendel trank alles, nur keine Tinte. 2) Der gut ist und Gutes erweiset. 4) Besuff. 6) Dieb. Im Keller fanden sich im Sommer immer kalte Speisen und verschiedene Weine vor und Mendel trieb sein böses Spiel monatelang, ehe der Kellermeister Löb hinter seine Schliche kam. Jeden Morgen, gleich nach dem Frühstücke, nahm Chajim seinen Band Propheten und flog den Berg hinunter zu Mendel. Es war im Sommer und im Garten des Schlosses stand ein mit Frühäpfeln vollgepfropfter Baum. Die sehr bigotte Schlosserin war jeden Tag bei der Frühmesse; der taube Schlosser arbeitete in seiner Werkstätte und merkte nicht, was um ihn her vorging. Mendel holte sich täglich sechs Aepfel und am Freitag, weil er Samstag keine pflückte, zwölf Stück. Chajim kämpfte lange, bis er sich von Mendel zum Aepfeldiebstahl verleiten ließ; endlich unterlag er. Doch auch der vollste Apfelbaum wird leer; die Aepfel wurden immer schütterer und Mendel und Chajim mußten immer höher klettern. Chajim, der sehr ungeschickt und ein. sogenannter Schlemiehl war, rutschte eines Tages ab und im Falle zerbrach er einen Blumentopf, der der Stolz der Schlosserin war. Zum Unglücke war aber die Schlosserin zur selben Zeit aus der Kirche heimgekehrt und hörte den Fall. Mendel konnte und wollte sie nichts anhaben, er wohnte in ihrem Hause und sie wollte die Witwe Oesterreicher nicht um ihren Quartierherrn bringen, doch der kis Boker,3) so wurde Chajim von dem Nichtjuden genannt, sollte es büßen. Während der Rabbi mit seinen Schülern beim Schiur * 7) saß, erschien die Schlosserin und brachte ihre Anklage vor. Chajim mußte für den Schaden aufkommen, bekam eoram xublleo ein paar tüchtiae Ohrfeigen und wagte es nie wieder, das Häuschen der Schlosserin zu betreten. Mendel sorgte für andere Aepfel, denn im gräflichen Garten gab es deren viel mehr und größere als im Garten der Schlosserin. Mendel kletterte auf den Baum und Chajim spielte den Aufpasser. Eines Tages kam aber der Förster des Grafen in den Garten, während Mendel äpfelkauend auf dem Baume saß. Chajim erblickte ihn und schrie laut: „Mendel, man kommt," dabei schlüpfte er durch den Heckenzaun ins Freie, lief so rasch er konnte davon und entkam auch glücklich. Mendel wollte sich rasch vom Baume herunterlassen, blieb aber an einem Baumaste hängen, und bis er sich losgemacht, war der Förster bei ihm und erfaßte den Apfeldieb in dem Momente, als er durch den Heckenzaun entkommen wollte. Mendel wurde geradezu fürchterlich verhauen und war ftoh, daß der Förster keine weiteren Schritte gegen ihn unternahm. Chajim, der mit dem bloßen Schrecken davon gekommen war, ließ sich von Mendel doch noch einmal verleiten. Diesmal ging es auf Kukuruz (Mais). Chajim mußte sich einen alten alten Rock anziehen, eine zerrissene Mütze aufsetzen und die Uhr ablegen, also bekleidet gingen die Beiden auf Raub aus. Der Raubzug war geglückt. Mendel und Chajim bargen die schönsten Kukurutzkolben auf ihren bloßen Leibern. Mendel brachte diesen in sein Quartier. Chajim ging ins Beshamidrasch, ein alles Stehpult diente zur Aufbewahrung seiner Wäsche. Er öffnete das Stehpult und begann den Kukuruz hervorzuholen, er war aber in seiner Arbeit so vertieft, daß er den Rabbi, der vom Schlafe erwacht und ins Lehrzimmer kam, gar nicht bemerkte. Der Rabbi trug Pantoffel und sein Tritt war kaum hörbar. Plötzlich fühlte Chajim eine fremde Hand in seinem Gesichte und die Berührung war nicht gerade zart. „Was ist das?" rief Chajim und wendete sich um, entsetzt taumelte er zurück; der Rabbi stand vor ihm. „Woher hast Du den Kukuruz?" fragte der Rabbi. „Gekauft," antwortete Chajim. °) Der kleine Bochur, ungarisch. 7) Lehrvortrag.