Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seit: 444 'Zw IZloEs WockeNjchrrK Nc. 27 Generalversammlung müssen vom französischen Zentralkonststorium ratifiziert werden. Den Vorsitz führte bei den Verhandlungen der rühmlichst bekannte Großrabbiner von Bordeaux. Isaak Levi. Am selben Tage fand noch eine Begrüßung der Rabbinerversammlung seitens des Zentralkonsistoriums statt, in der ein völliges Zmammengehen mit der Vereinigung der jüdischen Kultusgemeinden in Frankreich feierlich beschlossen wurde Der Präsident der letzteren, Baron Eduard von Rothschild, eröffnete eine Subskription für die Kaste des Rabbinerverbandes mit einer Spende von 1000 Francs und einem herzlichen Glückwunschschreiben. Von besonderer Bedeutung waren die Verhandlungen des zweiten Tages. Dieselben drehten sich hauptsächlich um folgende Punkte: 1. Heiraten in den Trauerwochen. 2. Scheidebrief. 3. Chalizah. 4. die Benützung von elektrischen Straßenbahnen an Sabbath- und Festtagen. Bezüglich des ersten Punktes wurde beschlosten, daß der Brauch, Hochzeiten in der Trauerzeit nicht zu veranstalten, aufrecht erhalten werden soll. Ausnahmen seien nur unter besonderen Umständen, für welche die Gründe dem Rabbiner genügend erscheinen, zu gestatten. Dann aber sollte man die Trauung mit der größten Einfachheit in einem Privathaus oder in einem Betsaal, ohne jeden Pomp und ohne Aufsehen stattfinden lassen. In Punkt 2 über die Ehescheidung wurde folgender Beschluß mit großer Majorität gefaßt. Vom 1. Jänner 1908 ab ist der Get fakultativ. Die Ketuba soll festsetzen, daß, wenn die Zivilscheidung vorangegangen ist, die religiöse Scheidung von der Frau als ihr gutes Recht in Anspruch genommen werden kann, und daß die Zivilscheidung in Geltung bleibt auch für den Fall, daß der Ehemann es ablehnen sollte, einen Get zu geben. Unter diesen Verhältnissen soll die religiöse Trauung einen bedingungsweisen Charakter annehmen, indem der Gatte bei Aufsteckung des Trauringes auf dem Finger der Frau sein Einverständnis damit erklären soll, wenn die Verhältniffe eS erfordern sollten, die Konsequenzen der Zivilscheidung, das heißt die religiöse Scheidung zu akzeptieren. Eine für alle französischen Juden und alle, welche durch einen Rabbiner, der Mitglied der Union des französischen Rabbinerverbandes ist, getraut werden, geltende Formel soll von den Antragstellern vorgelegt und durch gemeinsamen Beschluß angenommen werden. Sollten aber beide Teile den Get wünschen und der Mann der Frau diesen geben, so kann niemand ihn hindern, dies zu tun. Es wird vorausgesetzt, daß diese Maßregel rückwirkend ist, das heißt, daß die Verordnung auch den Frauen zugute kommen soll, die vor Anwendung der neuen Trauungsformel geheiratet, gerichtlich geschieden, aber nicht religiös getrennt worden sind, das will sagen, keinen Get erhalten haben. Punkt 3. Vom I. Jänner 1908 ist die Chalizah fakultativ. Es ist eine Tatsache, daß diese Zeremonie in Frankreich sehr selten praktisch zur Ausführung kam, außer in orthodoxen Kreisen und bei den hier lebenden Einwanderern. — Bezüglich des Fahrens an Sabbathen und Festtagen innerhalb der Stadt auf elektrischen Straßenbahnen bestätigte die Versammlung einstimmig eine ältere Verordnung des Pariser Rabbinats, die solches innerhalb der Grenzen des biblischen Gesetzes gestattet. Ein Vorschlag, das Fahren lesoLsm mitzwah, so zum Beispiel, um eine erkrankte Person zu besuchen, zu gestatten wurde, abgelehnt, da die Idee einer mitzwah sehr verschiedenartig ausgelegt werden könnte. Einige andere Fragen, wie die über die Organisation des Rabbinats, über die Bedingungen der Wahl und der Beförderung von Rabbinern, ferner über das Minjan, Iber den Religionsunterricht, die Konfirmation und den Kultus konnten wegen der vorgerückten Stunde nicht mehr zur Beratung kommen. Es wurde beschlossen, diese Fragen der nächsten Rabbinerversammlung, die im März 1908 stattfinden soll, vorzulegen. 2)ie„ArcMves Isra6lites“ bezichtigen die Rabbinerversammluug des «Verrates an der moralischen und religiösen Zukunft des Hauses Israel". Das Blatt macht darauf aufmerksam, wie, abgesehen von allen religionsgesetzlichen Erwägungen, mit der bedingungsweise geschloffenen Ehe der Akt der Kiduschin, durch welchen der Mann sich die Gattin heiligt, zu einem bloßen Vertrag, der jederzeit durch die bürgerlichen Gerichte aufgehoben werden kann, erniedrigt wird. Es weist ferner auf die ungeheure Kluft hin, die die Rabbiner in der Mitte der Judenheit zu schaffen wagen; zwischen denen, die ihnen Gefolgschaft leisten, und denen, welche die Reinheit ihrer Familien wahren wollen und daher die Kinder der durch ihre eigenen Führer Irregeleiteten von ihrem Kreise fernhalten müssen. Der Jahresbericht der Alliauee Jsraelite Universelle für 1906. Die Alliance Jsraelite Universelle hat seit ihrem Bestehen Wert darauf gelegt, den Mitgliedern und jedem, der sich dafür interessieren mag, über ihr Wirken genaue Auskunft zu geben. Die Jahresberichte dieser ältesten und größten jüdischen Hilfsorganisation bieten nicht bloß ein Bild ihrer über drei Erdteile sich erstreckenden Tätigkeit, sondern im Zusammenhang damit eine fortlaufende Geschichte der Judenheit. Was von der Judenheit für die Judenheit getan wird, das ist hier ausgezeichnet; der Juden Leiden und ber Juden Taten sind hier aufgeführt. Die Jahresberichte der Alliance Jsraelite Universelle find eine Art Kulturgeschichte der Juden, Zeugnisse eines nie aufhörenden Kampfes für Gerechtigkeit Und Menschlichkeit, unermüdlicher Bruderliebe und nie rastenden Kulturfortschrittes. In immer entlegenere Kulturwüsten entsendet die Alliance Jsraelite Universelle ihre Missionäre, die das Licht der Lehre erneuern und verbreiten, die das wirtschaftliche Elend unserer Glaubensgenossen nicht durch Almosen verewigen, sondern durch Erziehung und Unterricht und durch wirtschaftliche Kräftigung der Brüder ausrotten helfen. Die Alliance Jsraelite Universelle verleiht den Glaubensgenossen Stärke zur wirtschaftlichen Selbsthilfe, stählt sie für den Lebenskampf und erweckt in ihnen die Traditionen, die der ganzen Judenheit gehören. Die Alliance Jsraelite Universelle blickt auf ermutigende Erfolge zurück. In mehr als einem Lande, das sonst in geistigem Dämmer liegt, hat sie unseren Brüdern das Licht der Kultur gebracht; in mehr als einem Lande besteht das ganze lebende Geschlecht der Juden aus ihren Schülern, die in verehrender und dankerfüllter Liebe auf sie als auf die große Mutter sehen und Gott preisen, daß er ihnen vergönnt hat, nachdem sie Kinder der Sorge und Fürsorge gewesen, zu selbständigen mitarbeitenden Männern in Israel und für Jftael zu werden. Auch der vorliegende Bericht für das Jahr 1906 spricht von weiteren Fortschritten und von glücklichem Gelingen, überall von der Erfüllung der Pflichten der Bruderliebe. Der letzte Abschnitt der deutschen Ausgabe des Jahresberichtes handelt von der deutschen Konferenz-Gemeinschaft, die die Fahne der Alliance Jsraelite Universelle in Deutschland neu erhoben und neue Mitstreiter zu Tausenden gewonnen hat. Die dkesjährige Generalversammlung findet am 7. Juli um 10 Uhr vormittags, Paris, 2 rue Pasquier, statt. Tagesordnung: Finanzbericht; Debatte über den Jahresbericht; Verschiedene Fragen. Der Traum in der jüdischen Literatur. Gestatten Sie mir höflichst folgende Bemerkungen zu dem in Ihrer w.-Zeitschrift (Nr. 25 S. 107) erschienenen Artikel über den „Traum der jüdischen Literatur" vom Oberrabbiner Dr. Schnitzer in Komorn : Verfasser zitiert eine Stelle in Berachoth, nach welcher «Der Schlaf der sechzigste Teil des Todes und der Prophetie ist" und will diese Stelle durch die unwissenschaftliche Auffassung des Schlafes und des Träumens bei den alten Griechen erklärt wissen. Nach meiner Ansicht hingegen ist diese Stelle höchst wiffenschaftlich und macht unseren Alten alle Ehre. In der Zeitschrift für Psych. und Phys. der Sinnesorgane 1898, 18. Band, 3. Heft, S. 251 f., gibt Stefano w s k a auf Grund der Neuronenlehre eine neue, höchst exakte Erklärung des Schlafes und des Traumlebens. Nachdem man erkannt hat, daß die Nervenmasse aus diskreten Neuronen zusammengesetzt ist (Zur Orientierung diene Ebstein: Handbuch der Praktischen Medizin, Bd. 3, Seite 147), glaubt Tanzi, daß durch Hypertrophie der artikulierenden Dendriten der Abstand zwischen diesen vermindert wird und so die Nervenbahnen ausgeschliffen werden. Mathias Duval und Miedersh e i m schreiben den Neuronen Amoebismus zu. Letzterer hat tatsächlich in den Nervenzellen lebender transparenter Tiere Kontraktionszustände beobachtet. Die Riechzellen, welche nicht epitheliale, sondern bipolare Zellen der Spinalganglien darstellen, und ebenso die bipolaren und Ganglienzellen der Retina zeigen Bewegungen in ihren Fortsätzen. Die Endbäumchen der Neuronen habe nach C a j a l «Dornfortsätze", welche Stefanowska appendices spiniformes nennt und sie als Vermittler des physiologischen Kontaktes ausspricht. Diese Anhänge verschwinden aber an den kortikalen Neuronen bei vergifteten oder betäubten Hunden. Daran knüpft nun Duval eine histologische Theorie des Schlafes. Infolge der Einwirkung von Giften oder von natürlichen Ermüdungsstoffen ziehen sich die Neuronen zu-