Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 442 sr. Lloco s VAocvenscdrtN. Nr. 27 Maybaum bezeichnet Erkenntnis und Sittlichkeit als die obersten Ziele unserer Religion, als den Kern unseres Glaubensbekenntnisses. Den Grundpfeiler desselben' bildet die Vaterliebe Gottes. Ueberhaupt ist die Liebe die „innere Triebkraft der sittlichen Wellordnung". Die Hauptquelle der Gotteserkenntnis ist das Menschenherz. Diese Tatsache gibt auch den Schlüssel zum Verständnis des Verbotes, Gott bildlich darzustellen. Denn durch dieses Verbot gelangen wir zu der Erkenntnis, daß Gott nicht außer uns zu finden ist, daß er sich nur im reinen Menschentum veranschaulichen läßt, daß der Mensch nur in seiner Lebensführung das Göttliche auszuprägen vermag. Erst mit der Verkündigung des bild- und gestaltlosen Gottes begann die Weltreligion, die das Bild des Göttlichen in der edlen, allen Menschen gemeinsamen Tugend finden lehrte. Ein wichtiges Problem, dem jetzt viel Aufmerksamkeit gewidmet wird, ist das Verhältnis zwischen Glaube und Wissen. Religion und Ethik. Maybaum verkündet mit Entschiedenheit die Notwendigkeit und Berechtigung des Kulturlebens. Er ruft aus: „Solange und so oft das Judentum in seinem Entwicklungsgänge mit der Liebe zur Religion die Liebe zur Wissenschaft und zum Kulturleben der Menschheit verknüpfte, stand es auf der Höhe seiner weltgeschichtlichen Bestimmung. So wie sich aber diese Auffassung in ihm trübte und verdunkelte, so wie es den wissenschaftlichen Drang und Trieb nur in der einseitigen Pflege seiner Religionslehre befriedigte und ihr gegenüber jede andere Betätigung des menschlichen Geistes geriugschätzte, sank es herab von seiner Höhe." Als einen besonderen Vorzug unserer Lehre betrachtet er es, daß sie uns vor der Verachtung des Kulturlebens glücklich bewahrt hat, zumal „nur die innige Teilnahme am Kulturleben der Gesamtheit, den Menschen wie von nationaler, so von religiöser Beschränktheit bewahrt." Die Angst vor der höheren Bildung ist umso w'uiger berechtigt, als einerseits von wahrer Erleuchtung des Geistes ohne religiöse Erkenntnis nicht die Rede sein kann und andererseiis je höher die Bildung, desto tiefer die Sehnsucht nach dem Uebersinnlichen ist. Maybaum hört mit dem offenen, geschulten Ohre des seinen Seelenkenners auch aus dem modernen Ringen etwas heraus vou dem großen Sehnen nach dem Gottwiederfindenwollen. Er hat Vertrauen zu unserer Zeit und den Menschen trotz aller Verirrungen. Denn „unser Geschlecht ist weder so töricht, noch so verstockt, um dauernd in der Sünde zu verharren". Ec hält die Verbindung der Sittlichkeit mit der Religion für eine unzertrennliche und findet die Ethik im göttlichen Ideal begründet. Das gesamte Heidentum fiel deshalb der zügellosen Sinnenlust anheim, weil es die Sittlichkeit bloß aus dem Streben nach irdischer Glückseligkeit und nicht aus dem idealen Vorbilde der Heiligkeit ableitete. Den Vorwurf der Heteronomie der jüdischen Ethik entkräftet Maybaum durch den Hinweis, daß die Sittlichkeit dadurch nicht unfrei wird, daß sie als ein Gebot Gottes erscheint, weil auch die Gottesvorstellung im menschlichen Gemüte ihren Ursprung hat. Was die Frage der gegenseitigen Abhängigkeit der sittlichen und natürlichen Weltordnung anbelangt, so sind nach Maybaums geistvollen Ausführungen beide im Grunde eins und dasselbe. Das Sittengesetz ist nämlich auch Naturgesetz, wie auch der Mensch nur ein Teil der Natur ist. Durch wachsende Erkenntnis und religiös-sittliches Verhalten wird das Naturgesetz in seinen schädlichen Einflüssen eingedämmt und durch die menschliche Willensfreiheit in das Weltgesetz der Sittlichkeit verwandelt. Wie weit die äußere Gestaltung des Schicksals mit der Erfüllung der sittlichreligiösen Pflicht verknüpft ist, gehört zu den Mysterien, deren Schleier kaum je eine Menschenhand lüften wird. Deshalb verwahrt sich Maybaum dagegen, daß man, wie dies auf manchen Kanzeln geschieht, elementare Unglücksfälle als Schreck- und Heilmittel gegen menschliche Sittenverderbnis ^enützt und die vom Leid Betroffenen als Sünder brandmarkt. Die Weisheit des Naturgesetzes und die schöpferische Kraft der sittlichen Ideen sind die natürlichen Wunder. Dem wahrhaft Frommen ist das Natürliche das größte Wunder. Selbstverständlich nehmen die Erörterungen über Aufgabe, Schicksale und Charakter unseres Stammes einen breiten Raum in den Predigten von Maybaum ein. Er erblickt die Bestimmung Israels darin, die Völker, in deren Mitte es lebt, für die Anbetung des Einig-Einzigen zu gewinnen und dadurch die Zeit der allgemeinen Menschenverbrüderung herbeizuführen. Mit Fug hebt er hervor, daß jede Gemeinschaft sich selbst ihre Aufgaben und Ziele stellt. Nur ein geistiges Gut haben wir vor der Vernichtung zu schützen. Das Ziel, dem wir jetzt zustreben, gipfelt nicht so sehr in der Freiheit wie in der Gleichheit. Israel ist das Dornröslein, das aus der Erstarrung eines langen Winterschlafes von der Sonne der Freiheit wachgeküßt wurde. Damals meinte es, der Fürst der Zeit, der Königssohn mit der Freiheilskrone, hätte das allein vollbracht und aus reiner Dankbarkeit folgte es ihm nach ins erträumte Königsschloß. Aber es ist nicht allein die Freiheit, die Israel erlöst, sondern auch die Treue. Wir bilden unleugbar ein „auflösendes Element" in der Völkergeschichte. Aber wir lösen nur das Engherzige und Beschränkte, die hochmütige Gesinnung auf. Vermöge dieser unserer Veranlagung tragen und hegen wir ein gut Teil Weltbürgertum, demnach ein völkervereinigendes Element in uns. Der jüdische Stamm vereinigt viele Gegensätze in sich, die sich glücklich ergänzen und ihn vor dem Untergang bewahren. Ein Beweis der unverwüstlichen Lebenskraft des jüdischen Stammes ist seine unverminderte Anzahl. Die Feinde, die unsere Vernichtung erstreben, fördern wider Willen den göttlichen Heilsplan. Die Prüfungen führen uns auf eine höhere Stufe der Entwicklung. Darum kann Hiob als Bild und Gleichnis für Israel gelten. Bei einem so umfassenden Geist, wie Maybaum, ist es natürlich, daß er sich nicht auf sein Fach beschränkt, sondern sein Int-resse allen Fragen, die das moderne Leben bewegen, zuwendet. Er bleibt mit allen Strömungen der Gegenwart in engster, zum tiefsten Verständnis durchdringender Fühlung. So nimmt er auch zur sozialen Frage, die ja jetzt allentbalben die größte Beobachtung beansprucht, Stellung. Mit Recht weist Maybaum mit Rücksicht auf die vielen als Allheilmittel gepriesenen „Lösungsversuche" hin, daß eine vollständige Lösung dieses Problems nicht möglich ist. „Die Verhältnisse der Gesellschaft sind in viel zu schneller Umwandlung begriffen, als daß ihr Heil an ewig feststehende Einrichtungen geknüpft werden könnte, und es muß daher jedem Zeitalter überlassen bleiben, zur Milderung oder Abstellung der vorhandenen Uebelstände das Geeignete vorzukehren." Als die besten Mittel hierzu erscheinen Maybaum die Pflege des Familiensinnes, das Bewußtsein der Gottesknechtschaft und die Verallgemeinerung der Bildung. Wohl kann und soll der Staat den gleichen Schutz gegen Ausbeutung und Uebervorteilung gewährleisten, im Uebrigen aber kann den Enterbten der Gesellschaft nicht von anderen die Hilfe kommen, sondern von ihnen selbst, und zwar von innen heraus. So erkennt Maybaum den Zusammenhang der sozialen Frage mit anderen Erscheinungen und macht die Heilung der Schäden am sozialen Organismus mehr von der geistigen Erleuchtung und sittlich-religiösen Läuterung, als von günstigeren materiellen Bedingungen abhängig. Ein besonderes Verdienst Maybaums ist der fruchtbringende Anbau der S ch r i f t e r k l ä r u n g. An dieser ist noch immer ein fühlbarer Mangel in der sonst so umfangreichen Predigtliteratur. Es gilt vor allem,'der etwas vernachlässigten ästhetischen Betrachtung der Bibel, wie sie schon ein deutscher Klassiker angebahnt, Raum zu gewähren. Der dichterische, künstlerische und geschichtliche Sinn sind allesammt in der ästhetischen Betrachtung miteingeschlossen. Freilich darf über dieses künstlerische Interesse das religiössittliche Moment nicht hintangestellt werden. Gerade für die Darlegung dieser Momente kann die Schrifterklärung vor-