Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 27 Dr. Blocb’s Wocbenscbrttt. Seite 441 Was sonst Vorwurf wäre, ist selbstverständlich, und tadelt ein Kritiker den fremden Einschlag im Kunstwerke, dann ist es auch wahrscheinlich, daß ein anderer ihn lobt. Das erledigt die Fragen, die oft an mich herankommen: Was sind wir, wenn wir keine Deutschen sind? Wir sind Juden deutscher Kultur. Anläßlich meines letzten Artikels in diesem Blatte wurden mir noch einige Fragen vorgelegt, die ich hiemit erledigen möchte. Ist es möglich, in dieser Doppelstellung sich zu behaupten, gewissermaßen mit geteilter Seele zu leben? Ich glaube, ja. Denn es gibt einige Analogien. Nehmen wir die Griechen! Die Parallele ist augenfällig. Auch die Griechen leben zerstreut, auch ihre Konfession bedingt die Kenntnis einer eigenen rituellen Sprache und auch sie nehmen stets die Kultur ihrer Umgebung an, ohne ihre Nationalität zu ändern. Man frage einen Griechen aus Odessa, was er ist. „I ch b i n R u s s e griechischer Nation" wird unfehlbar seine Antwort lauten. Seine Kinder verstehen und sprechen griechisch, und er hält fest an seinem nationalen Kult, so ähnlich er auch z. B. dem russischen oder rumänischen ist. Die Juden brauchen nur den modernen Griechen in Wien, Marseille und London nachzuleben, dann lösen sich viele Schwierigkeiten ganz von selbst. Allerdings müssen sie dann auch mehr von jüdischer Kultur wissen, als dies bis jetzt der Fall war. Sie dürfen das Hebräische nicht hassen, das Jüdische nicht verachten. sondern sich mit der Sprache und Geschichte ihres Volkes befreunden. In die Häuser mehrerer meiner Freunde kommen nebst dem Lehrer des Englischen auch Sprachmeister des Hebräischen und die Kinder lernen es so leicht wie andere Sprachen und ebenso gerne, wenn es modern, spielend und sprechend gelehrt wird. In Palästina gibt es schon genügend Schulen, in denen die Kinder in der hebräischen Unterrichtssprache erzogen werden. Diese nie ganz erstorbene Sprache lebt neu wieder auf, wie das selbstbewußte Judentum. Das können wir hier nicht nachahmen, wir haben deutsche Schulen und schätzen sie hoch, wie wir die deutsche Kultur achten. Aber wir wollen nie vergessen daß wir Juden find, Juden deutscher Kultur. Aus diesem Gefühl heraus kann auch ein Jude in Böhmen oder Mähren, z. B. wo es ein geschlossenes Judentum nicht gibt, politisch mit solchen Deutschen gehen, die nicht antisemitisch sind, aber nie als Deutscher, sondern als I u d e, als Jude deutscher Kultur. Seine Stimme zählt doppelt, wenn er nicht als Volksgenosse sie für den Kandidaten abgeben muß. Eine andere Frage: Soll der Jude fremdnationalen Vereinen beitreten? Möglichst nicht. Denn sie haben zumeist die Tendenz, andere Nationalitäten zu bekämpfen, solcher Kampf ist bei den Anderen natürlich — bei den Juden lächerlich. Eine Norm, eine Vorschrift läßt sich jedoch nicht aufstellen. Nehmen wir an, eine jüdische Familie schickt ihr Kind in eine Anstalt des Deutschen Schulvereines. Kann sie diesem Vereine dann einen Beitrag verweigern? Es könnte auch geschehen, daß die Verweigerung der Mitgliedschaft Existenzen zerstören würde. Auch die innere Judenfrage ist komplex; sie läßt sich nie und nirgends vom grünen Tisch aus regeln. Schließlich hängt man mit dem Leben nicht bloß als Jude zusammen, und nicht alle Fragen, nicht alle Beziehungen unserer Existenz münden in den Strom der Nationalität. Nehmen wir an, einer unserer Schriftsteller gehört einem Berufsvereine an. Wir Schriftsteller deutscher Sprache gehören natürlich deutschen Schriftsteller-Vereinen an. Einem solchen Verein hat auch Theodor Herzl angehört. Diese Vereine halten Verbandstage ab, bei denen die Frage der nationalen Kultur nicht unberührt bleibt, sollen wir diese Vereine verlassen, wir Juden deutscher Kultur? Gegen diese Kultur, die uns viel gegeben hat, haben wir auch Verpflichtungen. Wir können uns nicht in allem und jedem absondern. Wir find eben österreichische Staatsbürger, von Nationalität Juden, von Kultur deutsch oder polnisch, je nach unserer Erziehung u. s. w. Gewiß wird ein einheitlicherer Typus des Juden entstehen, der moderne hebräische Jude — aber er kann nur dauern und sich behaupten, wenn er aus dem eigenen Boden herauswachsen, im eigenen Lande leben wird. Aber das ist die Frage des Zionismus. Wenn wir den Neugriechen in allem folgen sollen, dann müssen wir ein Stück eigenen Bodens bekommen, das ist klar. Nicht alle Juden werden auswandern, nicht alle können oder sollen Europa verlassen. Aber ohne ein Stück der alten Heimat wird die Judenfrage mit ihrem endlosen Weh noch in weiteren zweitausend Jahren die Welt erfüllen. H. Aork-Steiner. Maydaums Predigte«. Als eine der wirksamsten Mächte hat sich zu allen Zeiten das Wort erwiesen. Seine Herrschaft ist auch in der Gegenwart trotz manch gegenteiliger Erscheinungen fest begründet. Freilich, die Zeit beschaulichen Daseins und behaglicher Träume scheint dahin zu fein; intensive Arbeit trat an ihre Stelle. Schon das verflossene Jahrhundert war eine Epoche der Arbeit, wissenschaftlicher sowohl wie technischer. Man will nur Taten. Sind aber nicht und wahrlich öfter als man annimmt, Worte auch Taten? Unsere Lehre will nicht durch sinnliche Formen, sondern durch geistige Mittel wirken. Darum wird in unserem Kultus das Ohr weit mehr, als das Auge beschäftigt. Der köstlichste Teil unseres Schrifttums besteht aus Reden. Die biblischen Prediger sind die Klassiker des Judentums. In unseren Tagen, wo die Andachtsstätten den Mittelpunkt des religiösen Lebens bilden, kommt der Predigt naturgemäß eine erhöhte Bedeutung zu. Umso freudiger ist es zu begrüßen, wenn auf diesem Felde Arbeiter sich betätigen, die durch Talent,. Leistungen und Stellung gleich berufen sind. Vorbildliches zu schaffen. Zu diesen Bevorzugten gehört der gefeierte Heros der Kanzelberedtsamkeit, Professor Doktor Stegmund M a y b a u m, Rabbiner der Großgemeinde Berlin. Dieses Frühjahr brachte uns den dritten Band seiner Predigten.*) Jahraus jahrein strömen Jünger aus vielen Ländern nach der deutschen Metropole, um an der dortigen „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" zu den Füßen des Meisters zu sitzen. Durch sein treffliches Lehrbuch der Homiletik ist er auch Jenen, die seinen mündlichen Unterricht nicht genossen, ein bewährter Wegweiser geworden. So ist er denn ein Führer der Führer. Die Würdigung, die man einem solch autoritativen Manne schuldet, besteht vor allem darin, sich in seine Gedankenwelt zu versenken. In diesen Predigten finden sich viele Bausteine zur Religionsphilosophie, Ethik und Exegese. Wie viele haben sich bemüht, zu bestimmen, was Religion sei. Maybaum gibt eine überaus treffende Definition: „Die Religion ist nichts anderes, als eine Art, zu leben, und zwar die rechte Art, die uns zur Gottesebenbildlichkeit anleitet." Die Entwicklungslehre wendet er auch auf die Religion an und findet, daß die Anerkennung dieses Grundsatzes der Erhabenheit und Hoheit unserer Lehre keinen Abbruch tut, sondern sie erhöht. Das „Wesen des Judentums" steht jetzt im Vordergründe der Erörterung. *) Predigten und Schrifterklarungen"von Prof. Dr. S. Maybaum, Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Zweites, drittes und viertes Buch Moses. Berlin 1907. Selbstverlag des Verfassers.