Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 440 Dr. Mocb's MLocvenscbrtN. Nr. 27 Davon besitzt der Poleuklub allerdings 55, also mehr als die Hälfte. In seiner Mitte jedoch sitzen v i er Inden und die müßten nur im Saale bleiben, wenn die Ruthenen oder Sozialdemokraten das galizische Wahlsystem vom Parlamente ändern lassen wollten. Denn dann wäre schon das normale Erfordernis von der Hälfte der Abgeordneten vorhanden, es wären 54 im Sitzungssaal, 51 draußen. Da es nun sehr leicht sein dürfte, gegen das Schlachzizensystem zwei Drittel des Reichsrates zu mobilisieren, so wäre im Falle einer jüdischenSezession im Polenklub die Schlacht äsehr leicht enthront. Man sieht also, was sür ungeahnte Rolle die Juden desPoleuklubs zugeteilt erhielten. Man muß sie hegen und pflegen, umschmeicheln und umwerben, wie einst in besseren Zeiten die Schlachzizen von ihren ergebenen Hausjuden umschmeichelt und umworben worden sind. Diese jüdischen Abgeordneten haben also keine Ausrede, wenn sie nicht mit einem Füllhorn des Segens nach Galizien zurückkommen, wenn sie nicht den Asemitismus und Antisemitismus in ihrem Lande unterdrücken, dem Treiben der Kolka rolnice ein Ende machen, der polnischen Presse Gerechtigkeit gegen die Juden beibringen, die Behörden für Handel und Gewerbe zum Entgegenkommen sür jüdische Bedürfnisse veranlassen. Soviel im häuslichen Kreise. Im Parlament sind noch andere Agenden zu führen. Jede Liebedienerei der Schlachzizen gegen die Christlich-Sozialen ist unmöglich, wenn die Juden des Polenklubs sie nicht wollen. Eine feine Ironie des Schicksals will es sogar — es liegt unendliche Heiterkeit darin — daß die bezeichneten Abgeordneten auf dem Umweg über ihren Klub maßgebenden Einfluß auf die Christlich-Sozialen haben. Ohne Hilfe der Schlachzizen keine christlichsoziale Herrschaft, ohne Juden keine Schlachzizen! So ergibt sich rechenmäßig ein Knalleffekt der Politik für die Juden, dessen Wirkung von den jüdischen Abgeordneten des Polenklubs abhängt. Allerdings gehört zur Ausnützung der Lage unbeugsamer Wille und Charakter, kein angeblicher Idealismus, der den Namen Klubdisziplin trägt oder eine andere Falschmeldung begeht. Politik ist keine Träumerei für zart besaitete Herzen und Gemüter, Politik ist Krieg, ist ein rauhes Handwerk. So muß sie auch von den j ü d i s ch e n Abgeordneten des Polenklubs betrieben werden. Nicht die Schlachzizen, ihre jüdischen Wähler sind ihre Herren, deren Interessen sie auf das Schärfste zu vertreten haben, wenn sie ihre Versprechungen ehrlich eiuhalten wollen. Wer die Macht besitzt, hat keine Entschuldigung. Vederemo! Diesen Fingerzeig glaubte ich geben zu sollen, verbleibe aber wieder mit bestem Dank für die Gastfreundschaft einer löblichen Redaktion ein Namenloser. ' Wir fink keine Deutschen! Wir Juden find von Nationalität weder Deutsche noch Tschechen, auch keine Franzosen oder Engländer. We' das Gegenteil behauptet, täuscht sich oder andere; er rückt uns Juden in ein falsches Licht und schädigt unseren Charakter sowie den Glauben an unsere Wahrheitsliebe. Denn es ist weltbekannt, daß wir aus dem Orient kamen und selbst in der Verbannung eine geschlossene Volksfamilie bildeten. Es wäre zweckwidrig, an dieser Stelle sagen zu wollen, ob wir wirklich Semiten, sind — denn es sprechen ernste Gründe dafür, daß unter uns Juden Arier waren, die aus den asiatischen Hochebenen in Kleinafien einwanderten und dort die semitische Sprache annahmen. Es scheint auch sicher, daß wir verschiedene Raffenmerkmale tragen und ebenso steht es fest, daß wir auch iu Palästina nicht einheitlich körperlich gebildet waren. Wir wollen uns auch in keinen Streit darüber einlaffen, ob wir heute die Merkmale einer eigenen Nation aufweisen und welche diese find. Fest steht dagegen folgendes: Die Juden in Westeuropa wollten ihre vermeintliche oder wirkliche Nationalität aufgeben, um in den Völkern, unter denen sie wohnen, aufzugehen. Diese starke und durchaus ehrliche Bewegung kam erst zum Stillstände, als einige große Kulturvölker, die deutsche Nation voran, sich gegen diese Auflösung und Einverleibung zur Wehre setzten. Es bleibe wieder ununtersucht, ob es sich um eine gesunde Reaktion des deutschen Volkskörpers handelte, ob der Neid gegen die wirtschaftlich gedeihenden Juden die Haupttriebfeder bildete, oder gar ein latenter, uralter Haß. Genug an dem; die Deutschen erinnerten sich unter anderem auch daran, daß noch im Jahre 1813 Kaiser Franz in einem Edikt von seinen „Untertanen jüdischer Nation" gesprochen hat — daß sich bis zum Jahre 1848 darin nichts geändert hatte und daß unmöglich in etwa 60 Jahren aus den Untertanen jüdischer Nation solche deutschen Volkstums geworden sein konnten. Daß die von den Deutschen gewünschte Absonderung unter den häßlichsten Nebenumständen vor sich ging, daß wir gemieden, verleumdet, verhöhnt und getreten wurden, sei nur nebstbei erwähnt. Wichtiger ist vielleicht der Umstand, daß diese gewaltsame Scheidung noch immer nicht beendet ist. Beendet wird sie erst dann sein, wenn alle Juden die Wahrheit bekennen und laut erklären werden: „Ja, es ist wahr! — Wir sind keine Deutschen, wir sind Juden." Hier beginnt aber eine tiefe Tragödie. Man mag unter uns über jene Juden spotten und lachen, die bisher deutschnational fühlten und sich in dieser Nationalität voll betätigten. Genug an dem, es gab Ihrer und gibt Ihrer noch immer. Was soll aus diesen gebrochenen Menschen werden, die ohne eigenes Verschulden zwischen zwei Nationen zerschlissen werden? Was sind Sie — wem gehören sie zu? Es geht doch nicht an, daß wsr uns in unserer festgefügten Persönlichkeit blähen und jene höhnen, die aus falsch verstandenem Idealismus, aber doch zumeist aus redlichem Empfinden heraus einem fremden Volkstum dienen wollten? Man mag es noch begreifen, daß in Palästina eine starke nationale Strömung die Hellenisten bekämpfte; denn es lebte doch damals die heimatliche Kultur, die uralte Sprache, die griechisches Wesen nicht vertrug. Der moderne Jude aber ist in irgend einer europäischen Kultursprache erzogen worden und nur in dieser — und er hatte auch keine Wahl. Wenn die rein christliche Schule, die unsere Kinder besuchen, die christliche Kultur, in der wir leben, sie vielfach zu antijüdischer Gesinnung erzieht, wenn wir mehr, als wir uns bewußt sind, aus der Gesinnung unserer Umgebung heraus jüdisches Wesen, also unser eigenes, geringschätzen lernten, darf es uns wundern, daß der Jüngling, der nie eine andere Sprache kennen lernte als die deutsche, der die ersten Kindesworte deutsch lallte, der nur deutsche Schulen besuchte, deffen Gemüt sich an deutschen Sagen erquickte, dessen Phantasie an deutschen Dichtungen sich entzündete, darf man sich wundern, wenn dieser junge Mensch als Hllann deutsch empfindet, sich als Deutscher betätigen will und deutsche Politik macht? Aber wir stehen doch selbst auf dem Standpunkt, daß er kein Deutscher sei. Was ist er nun? Ein solcher Jude von nur deutscher Erziehung ist ein Jude deutscher Kultur. Als solcher gehört er der deutschen Kulturgemeinschaft an, aus der ihn niemand verdrängen kann. Wenn er nun weiß und bekennt, daß er seiner Nationalität nach Jude ist, dann erscheint die Integrität seines Charakters hergestellt. Dasselbe gilt von den Juden, die nur französisch oder nur englisch erzogen wurden. Sobald ein Jude weiß und bekennt, daß er von Nation Jude sei, ist seine Charakterlinie fest, seine Richtungslinie sicher, und er kann nie und nirgends anstoßen. Schreibt er Bücher in deutscher Sprache, vorausgesetzt daß sie gut sind, dann beschenkt er, der Fremde von Nation, seine Kulturgenosien; malt er Bilder, die ihrer Schule Ehre machen, dann darf er doppelte Anerkennung erwarten, wenn er sich bekennt.