Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 27 Vr. Vlortz's Wochenschrift. Seite 439 in diesem Wahlbezirke, dessen Bevölkerung 63 Perzent jüdisch ist, in keiner einzigen Rede ein freundliches Wort für die traurige Lage der Juden in Galizien hatte. Auf alle diesbezüglichen Interpellationen gab er ausweichende Antworten. Alle stine Zuficherungen gipfelten schließlich in dem einzigen Versprechen, für die Erweiterung der Landesautonomie und die Unabhängigkeit Galiziens von der Zentralregierung in Wien eintreten zu wollen. Daß die Juden Galiziens gerade von diesen Ausfichten besonders entzückt sein mußten, wird kein Kenner der Verhältnisse vermuten. Starzynski's Stellung zu den Juden wird am besten durch ein Wort des Herrn Finanzrates von B i l i n s k i illustriert: „Warum haben eigentlich die Juden einst den Haman gehangen? Er wäre heute der beste Kandidat für den Rabbi und die Juden in Belz." Dieses Wort hat den Urheber zahlreiche Verfolgungen zugezogen und infolge der Aufregungen und Nervenerschütterungen erlag er am Tage vor der Wahl einem Schlaganfall! Trotz alledem wagt Herr von M a l a ch o w s k i öffentlich die Behauptung, daß die jüdischen Wähler ein Vertrauen zu Herrn von Starzynski und daß die ruthenrschen Richter versucht hätten, „die jüdischen Wähler einzuschüchtern, damit fie nicht für Ritter v. Starzynski, sondern für den jüdischen Kandidaten Bloch stimmen". Im Uebrigen wird sich noch anderwärts Gelegenheit finden, über diese Wahlvorgänge zu verhandeln. Inden in dem Polenklnd. i Wir erhalten von geschätzter Seite aus Lemberg folgende Ausführungen, die wir vollinhaltlich wiedergeben, ohne uns von unserem bekannten Standpunkt aus mit ihnen durchaus identifizieren zu können. Es wird darinnen eine sehr interessante Tatsache und ihre Folgen ausgeführt. Wie bekannt, wurde herausgefunden, daß der „Jüdische Klub" von ganz besonderer Bedeutung in der sogenannten Spannung zwischen dem deutschen Block und dem slavischen sei. Wie unser verehrlicher Mitarbeiter beweist, hat die Konstellation der Verhältnisse auch den Juden des Polenklubs eine mittelbare, entscheidende Bedeutung in einem andern Teil der parlamentarischen Politik gebracht. Wir lassen darüber dem Autor selbst das Wort. „Löbliche Redaktion! Gestatten Sie einem bescheidenen geistigen Arbeiter, der in der Wahlzeit aus Verdruß über die vielen und oft unnötigen Streitereien der Juden sich damit begnügt hat, als Gleicher unter Gleichen seine nicht gewogene, sondern bloß gezählte Stimme —auch letzteres kann man in Galizien nicht mit Bestimmtheit behaupten — lediglich in die Urne zu versenken, gestatten Sie einem leidenschaftslosen Beobachter der Tatsachen einige Bemerkungen über die gegenwärtigen Erscheinungen. Vor allem über das Parlament, das nur ein paar Tage gebraucht hat, um der ganzen gebildeten Welt eine große Enttäuschung zu bringen. Man hat gehofft, es werde als großes Volkshaus strahlend vor die Zukunft treten, es ist als großes Geschäftshaus bei der Vergangenheit, geblieben. Man hat geglaubt, es werde seinem Vater ähnlich sehen, dem Fortschritt, und es ist ein charakterloser Bastard. Schellengeläute statt Glockenklang. Keine große politische Parade der Parteien bei der Adreßdebatte, kein Vorstoß der freiheitlichen Elemente, Geschäftigkeit und Geschäftlichkeit auf allen Seiten — für die Parlamentarier, nicht für die Völker. Das in Dunkelheit und Rückständigkeit schlafende Heer der Scholle, das nicht weiß, wo der Gott wohnt, in dessen Namen man es gegen die eigene Freiheit führt, hat mit seiner Masse die Kämpfer für den Fortschritt erdrückt, allerdings mit leichter Mühe. Wo ist Hock, der umjubelte Apostel der neudemokratischen Partei, die nicht mehr zu entdecken ist? Wo sind die Wiener Freisinnigen? Was bedeutet die kühle Vorsicht der Sozialdemokratie? Wie Sturm und Wetter, sollte man denken, würden die Parteien des Fortschritts dazwischenfahren, als die Christlich-Sozialen und Schlachzizen auf Kosten der Freiheit ihr schmutziges Geschäft machten, als sie die parlamentarische Herrschaft an sich rissen. Wie sollten es auch wirkliche Volksvertreter dulden, daß Leute die Macht an sich reißen, welche nur durch Katasterkünste und systematische Volksverdummung ihre Mandate erwerben konnten und die unterstützt werden von Leuten wie die Schlachzizen, deren Wahl in vielen Fällen ein einfacher Stimmendiebstahl war! Gerade die Christlich- Sozialen und die sauberen Schlachzizen als Lenker der österreichischen Gesetzgebung, gerade die Parteien, die aus dem Schmutz hervorgewachsen sind! Das Schicksal des Staates scheint im großen Ganzen sich doch immer gleich bleiben zu wollen: vor der Konstitution die rückständigsten Generale und Diplomaten, nach der Konstitution die rückständigsten Volksvertreter. Keine Hoffnung auf Besserung. Denn die gegenwärtige Macht dient zu ihrer eigenen Befestigung. Schande und Schaden aber werden von den andern ohne Zorn, ohne Aufregung getragen — ein kleines Geschlecht. Wir würden uns durchaus nicht den Kopf Anderer zerbrechen, wenn im Parlamente nicht unser Schicksal eingeschlosien wäre, wenn die Herren des Reichsrates nicht unsere Herren wären. Es handelt sich gar nicht darum, mit was für Anträgen die Christlich-Sozialen ihren populären Antisemitismus für die Augen ihrer Wähler auffrischen. Weit ärger noch als momentane Ausbrüche von kognakbegeisterter Judenfeindschaft ist der Umstand, daß die Antisemiten immer größeren Einfluß auf die Behörden und auf die Oeffentlichkeit erlangen, sie mit Geistlosigkeit von ihrem Geiste durchtränken und uns durch Druck von allen Seiten in unserer staatsbürgerlichen Lage immer tiefer hinunterschieben. Hiebei werden sie gewiß in ihren bisherigen Verbündeten treue Helfershelfer behalten. Sehen Sie, das kann nach meiner bescheidenen Ansicht verhindert werden. Und zwar von den Juden — das ist komisch, nicht wahr? Die Verbündeten der Christlich- Sozialen — par nobile fratrum — sind nämlich die Schlachzizen. Diese aber haben einen Herrn über sich, nämlich die Juden. Das ist kein Witz, das ist politische Rechnung und Ihre Geduld möge mir gestatten, das Beispiel deutlich auszuführen: Man kennt überall die von dem Abgeordneten Glombinski ausgeheckte Reichsrats-Wahlordnung für Galizien. Das heißt, man kennt sie nicht. Man muß wirklich die Denkart eines Schlachzizen haben, um sich in diesem System wirklich auszukennen, das nur den einen Zweck hat, der Schlachta möglichst viele Mandate zu sichern. Sehr große Wahlkreise, daneben sehr kleine Wahlkreise, Minoritätskandidaten, Abgeordnete-Stellvertreter, verschiedene Wahltermine, Proportionalwahlen — das alles ist zusammengeschüttet worden zu einer trüben Flut, in welcher die Schlachzizen nach Mandaten fischen. An dem Tage, an welchem dieses System geändert wird, sind wir von der Schlachta befreit. Denn auf geradem Wege wird es diesen Volksausbeutern gerade so gehen, wie den früheren Vertretern des Großgrundbesitzes in anderen Ländern. Das wußten diese edlen Herren und gegenwärtige Kampfgenossen der Christlich- ' Sozialen sehr gut, und um sich für die Zukunft zu schützen,; nahmen sie in die Wahlordnung die Bestimmung auf, „daß die Wahlordnung für Galizien nur geändert werden könne V durch Zweidrittel-Majoritär des Hauses und in Anwesen- H heit von wenigstens der Hälfte der Abgeordneten des be- 8 treffenden Kronlandes". Geht dir ein Licht auf, lieber Leser? R Wenn der Polenklub also die Hälfte aller galizischen Man- J date hat, so braucht er nur zur Türe hinauszugehen, dann ^kann schon seine Wahlordnung nicht geändert werden. § Zur größten Wut der Herren, namentlich gegen die ^erfolgreichen jüdischen Kandidaten, haben sie aber den Zustand der Sorglosigkeit nicht ganz erreicht. Die Anzahl der galizischen Mandate beträgt nämlich im Ganzen 105.