Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 26 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Wr. Liocv s Mocvenscvrrn, Seile 435 und erschraken auch. Bei näherer Betrachtung merkten sie, daß es kein Gespenst, sondern Löb sei und brachen in ein fürchterliches Geheul aus, wodurch der Rabbi, aber auch Löb erwachte. Löb rieb sich die Augen; der Rabbi blickte ganz verdutzt drein. Löb griff sich auf den Kopf, es kam ihm vor, als trüge er einen Fremdkörper darauf und zog den federngeschmückten Hut vom Kopfe. „Löb," fragte der Rabbi, „was soll das bedeuten?" „Weiß' ich," antwortete Löb. „Das hat gewiß Chajim gemacht," sagte Perez. „Chajim," rief der Rabbi laut. Chajim erhob sich im Bette und öffnete die Augen halb und halb. „Was soll ich?" fragte Chajim. „Ich will Dich nicht schelten (— fluchen), sonst würde ich Dir gleich sagen, was Du sollst," antwortete der Rabbi. „Hast Du ihn so schön maskiert?", dabei zeigte er auf Löb. „Sag' einmal Löb," so sprach Chajim, „hast Du nicht noch gelernt, als ich zu Bette ging? Die Lampe brannte lichterloh, als ich ins Bett ging." „Ich habe noch lange gelernt, als Chajim bereits schlief," antwortete Löb, „und habe auch selbst die Lampe eingedreht, damit ich einige Minuten schlafen und mich restaurieren könne." Nachdem alle leugneten, konnte der Täter auch nicht eruiert werden. Einige Wochen später war in Budapest eine Rabbinerversammlung, welche auch der Rabbi besuchte; als er zurückkehrte, brachte er einen reichen Bochur aus dem Alföld (genannt Unterland) mit, dessen Vater ein reicher Weingartenbesitzer in H. Mad war. Starker war bereits ein bärtiger Bochur, der im Talmud nur sehr wenig Bescheid wußte, und Chajim war dazu ausersehen, sein Chafirbochur *) zu sein. Chajim erhielt wohl kein Entgelt für den Unterricht, die Ehre, Chafirbochur zu sein, war ihm mehr wert als Geld, und schließlich war der echte Tokayer, den er bei Starker trank, auch nicht ohne. Zur selben Zeit verließ Schlaumech Katz die T... er Jeschibah, um die Jeschibah in P. zu beziehen. Schlaumech, ein Freund Simchah Schwarz', hatte diesen bei seiner Schwester Guta begünstigt. Schlaumech ging in Gesellschaft seiner Schwester oft spazieren und immer trafen sie Simchah, der Guta eifrig den den Hof machte. Guta Katz war ein sehr hübsches, junges Mädchen, welches für Simchahs Komplimente nicht unempfänglich war, während ihre ältere Schwester Rochel dem Simchah ins Gesicht lachte, als er es einmal wagte, sich ihr zu nähern. Das konnte ihr Simchah nie vergessen. Simchahs Herrlichkeit bei Guta war aber nur von kurzer Dauer. Reb Mordechai verriet Schlaumechs Vater die Zusammenkünfte und Schlaumech wurde auf die Jeschibah zu P. geschickt. Guta aber mußte unfreiwilligerweise ihre verheiratete Schwester besuchen. Simchah Schwarz sann auf Rache, diese sollte besonders die hochmütige Frau Katz treffen. Frau Katz sah auf die armen Talmudisten mit Stolz herab; sie war die Schwester, Tochter und Enkelin großer Rabbinen, und was galten in ihren Augen arme Bachurim. Begüterte Talmudschüler sah sie gerne in ihrem Hause, denn sie hatte eine Anzahl unversorgter Töchter, die gleich ihrer Mutter vom Hochmutsteufel besessen waren und sich gerne gut versorgt hätten. Die Gelegenheit, Frau Katz der Lächerlichkeit preiszugeben — denn mit anderen Rachegedanken trug sich Simchah nicht — bot sich allzu bald. Reb Löb Katz verreiste für längere Zeit und während dieser waren Chajim und Jochanan Spitzer die Beschützer der furchtsamen Frau Katz und deren Töchter. Spitzer hatte nie die Sympathien der Frau Katz sich zn erwerben vermocht, trotzdem er er ein Nachbarskind war und Rabbi Akiba Spitzer und Rabbi Löb Katz Jugendfreunde waren. Die Familie Spitzer war für Frau Katz zu wenig Jichus ') und zu wenig vornehm, damit und mit dem murmeltierartigen Schlaf Spitzers rechnete Simchah. Chajim wurde in das Geheimnis eingeweiht und bot zur Vollführung des Streiches willig seine Hand, zumal ihm Simchah für die Unterstützung einige Zigaretten zusagte. Chajim und Spitzer schliefen in der fogenannten Paradestube, während Frau Katz mit ihren Töchtern im Wohnzimmer schlief, welches mit Ziegelsteinen gepflastert war; zwischen Wohnzimmer und Paradestube lag die Küche. Abends um 10 Uhr ging Frau Katz zu Bette und auch die Beschützer mußten ihre Lagerstätten aufsuchen; Spitzer lag bald in Morpheus Armen. Um */a 11 Uhr klopfte Simchah leise am Fenster der Paradestube; Chajim öffnete und Simchah stieg in die ebenerdige Stube. Unter dem Arm trug er einen Sack mit einer Katze. Die Katze hatte an den Füßen Wallnußschalen befestigt. Simchah durchschritt die Küche und öffnete leise die Tür des Wohnzimmers; es war niemand erwacht. Simchah drängte die Katze durch die Türspalte ins Wohnzimmer und drückte die Klinke wieder zu, dann schlich er leise ins Paradezimmer zurück und kroch unter Chajims Bett. Ein Viertelstunde mochte vergangen sein, da hörte man im Wohnzimmer laut sprechen und jammern. Die Katze versuchte die Wallnußschalen von den Füßen zu reißen und das verursachte auf den Steinpflaster ein starkes Geräusch, so daß Frau Katz und ihre Töchter aus dem Schlafe erwachten. Einige Minuten mochten seit dem Erwachen vergangen sein — während dieser Zeit stritt Frau Katz mit ihren Töchtern. wer die Beschützer wecken soll, denn alle hatten schreckliche Angst und keine wollte das Bett verlaffen. Die Situation wurde immer unangenehner, der Lärm immer größer. Endlich entschloß sich Rachel, den Gang ins Paradezimmer anzutreten; ihre Mutter begleitete sie. „Herr Neuburg," schrieen Frau Katz und Rachel aus Leibeskräften. Chajim gab keine Antwort. Frau Katz mußte sich entschließen, an Chajims Bett zu treten und diesen am Arme zu rütteln. Chajim fuhr erschreckt in die Höhe; „was ist denn los?" „Herr Neuburg, erbarmen Sie sich unser, es find Einbrecher im Zimmer, kommen Sie, bitte, mit uns." „Wenn Einbrecher im Zimmer," erwiderte Chajim, „so so springe ich heraus," dabei näherte sich Chajim dem Fenster und wollte sich durch dieses auf die Straße begeben. Frau Katz und Rachel begannen aber so heftig zu schluchzen, daß Chajim sich entschloß, die Damen zu begleiten. Er kroch aus dem Bette und bekleidete sich notdürftig, denn die Ungeduld der im Nebenzimmer zurückgebliebenen Damen wuchs mit jeder Sekunde und sie heulten wie die Indianer. Chajim ging voran; als Frau Katz sich anschickte, das Paradezimmer zu verlaffen, kniff sie Simchah ins Bein. „Sch'mah Jisrol!" schrie Frau Katz laut auf und rannte wie besessen durch die Küche ins Wohnzimmer. Chajim suchte das Wohnzimmer ab und fand nichts. Der Lärm war auch bereits geringer, denn die Katze hatte bereits die Wallnußschalen von drei Füßen gelöst. Endlich hörte das Geklapper auf, die Katze war von ihrer Qual erlöst. Nun nahm Chajim die Kerze und leuchtete unter die Betten, unter dem Bette der Frau Katz saß die ftemde Katze zusammengekauert und blies und fauchte, als sie Chajims ansichtig wurde. Chajim begann laut aufzulachen. ') Korrepetitor. 2) gute Familie: adeliger Herkunft.