Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 26 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 26 Dr Llocb's MocbenscbrM. Seite 429 Wahrheit aufzwingen will, sondern sie will gerade zur wahren Erkenntnis anleiten. Es war daher kein Wunder, daß er von den glaubenstreuen Juden verketzert wurde. Sein Buch ^Gotteskämpfe" nannten sie Kämpfe gegen Gott. Und dieser erleuchtete Kopf, dieser freie Denker, der selbst vor der Heiligkeit der Bibel nicht Halt machte, verkündet in dem erwähnten Werke die Bedeutung und Wichtigkeit der Träume und erzählt von solchen Träumen, die eingetroffen find. So erzählt er von einem Kranken, dem im Traume ein Heilmittel anempfohlen wurde, das er früher gar nicht gekannt hatte; er berichtete hierüber den Aerzten, welche das Mittel für unschädlich erklärten, er nahm es und wurde gesund, was allerdings sehr wenig beweist; höchstens daß das Mittel unschädlich war; denn der Kranke wäre auch ohne dasselbe genesen; auch mag die Suggestion, das Vertrauen in das Heilmittel dazu beigetragen haben. Er erzählt auch von seinen eigenen Träumen von denen einige zur Wirklichkeit geworden. Diese seltsame Erscheinung aber, daß ein Mann der voraussetzungslosen Forschung, der Traumgläubigkeit huldigt, läßt sich noch einigermaßen erklären; es beweist das nur, daß seldst der freieste Denker sich den Einflüssen seiner Zeit nicht entziehen kann. Hat doch Ralbag selbst die Sterndeuterei, die Kunst, aus den Sternen das Schicksal der Menschen und Völker herauszulesen, für wahr gehalten. Er war eben ein Kind seiner Zeit; seine Wiege stand im 13. Jahrhundert, wo man an Zauberer und Hexen glaubte, wo man den Stein der Weisen suchte und die Kunst des Goldmachens betrieb — was doch am Ende ein und dasselbe ist; aber daß ein Mann des neunzehnten Jahrhunderts, ein frei denkender Kopf, wie Samuel David Luzzatto, weiland Direktor am Rabbinerkollegium in Padua, des ersten systemisierten Rabbinerseminars der Welt, ein Mann von umfassendem Wissen, der selbst vor der Bibelkritik nicht zurückschreckte, der Kabbala den Krieg erklärte, also ein Feind aller Mystik war, dennoch für die Bedeutung der Träume eintritt und fie als Offenbarung des göttlichen Willens erklärt, ist ein Rätsel, das sich vielleicht nur durch die individuelle Veranlagung und Neigung erklären läßt. , Im ersten Jahrgange der von Blumenfeld unter dem Titel: „Oriar nechmod“ („köstlicher Schatz") herausgegebenen Jahrbücher, einer Sammlung von Briefen und Abhandlungen literarischen Inhaltes der größten Gelehrten der damaligen Zeit, finden wir zwei Briefe Luzzattos an einen seiner . Freunde, der an ihn die Frage gerichtet hatte, was er von Träumen halte. Luzzatto bekanntesich mit aller Entschiedenheit zu dem Glauben, daß Träume oft als Verkehrsmittel benützt werden, um auf diesem Wege den Menschen die Zukunft zu offenbaren. Er weist auf die Träume der Bibel hin, die eingetroffen sind, läßt die mehr oder minder authentischen Träume, welche die Geschichte des Altertums erzählt, Revue passieren, z. B. den angeblichen Traum des Astyages, Königs von Medien, der vermittelst desselben vor dem noch nicht geborenen Sohne seiner Tochter Mandane gewarnt wurde. Infolge dessen übergab er das neugeborene Kind, Cyros, einem Hirten mit dem Aufträge, es zu töten; doch dieser, von Mitleid ergriffen, ließ es am Leben, und — Cyros stürzte den Großvater vom Throne, eine Geschichte, welche — wie Luzzatto es wiffen mußte — die Wissenschaft längst als unwahre Sage erklärte. Er weist ferner darauf hin, daß die Gattin des Julius Cäsar, Calpurnia, in der Nacht vor dem verhängnisvollen Tage, dem Jdus des März, durch Träume beunruhigt, ihren Gatten gewarnt hatte, an diesem Tage das Haus zu verlaffen, welcher Traum übrigens durchaus keine übernatürliche Erscheinung war, da die gewitterschwangere Wolke der Verschwörung, die über dem Haupte Cäsars sich zusammengezogen, nicht unbeachtet blieb und er auch von anderer Seite auf seinem Gange nach dem Kapitol eine schriftliche Warnung vor den Verschwörern erhielt, die er aber ungelesen einsteckte. Luzzatto beruft sich auch auf den Philosophen Rabbi Lewi ben Gerson als einen untrüglichen Gewährsmann, und erzählt endlich einige Träume unserer Zeitgenossen, die alle eingetroffen, darunter folgender interessanter Fall, den ihm sein Vater mitgeteilt hatte: Einem Manne. Namens Salomon Luzzatto, der infolge einer lange andauernden Krankheit verarmt war, wurden im Traume fünf Zahlen mitgeteilt, mit dem Bedeuten, daß er dieselben in die Lotterie setzen möge und daß er den Einsatz, einen Dukaten, an dem Tore des Ortes finden werde. Am Morgen ging er zur bezeichneten Stelle, fand den Dukaten und wollte ihn mittelst Post in die Lottokollektur nach Udine schicken, da im Orte eine solche nicht war; doch die Post war schon abgegangen, und da am nächsten Tage schon die Ziehung war, schickt er die Zahlen und den Dukaten mit einem direkten Boten nach Udine. Voller Zuversicht sah er dem Ziehungstage entgegen; doch welch bittere Enttäuschung! — nicht eine einzige von seinen fünf Zahlen war gezogen worden. Größer war aber noch die Bestürzung des Unglücklichen, als in der nächsten Ziehung alle fünf Zahlen gezogen wurden. Luzzatto meint, er hätte eben die Sache nicht überstürzen und bis zur nächsten Ziehung warten' sollen. Allerdings bleibt die Frage ungelöst: Wenn — wie Luzzatto behauptet — dieser Traum eine Botschaft Gottes an diesen armen Menschen hätte sein sollen, um ihn der Not zu entreißen, warum ist diese Traumbotschaft nicht zur rechten, geeigneten Zeit gekommen, damit der Wille Gottes auch zur Ausführung gelange? Scheint es nicht vielmehr, als hätte dieser Traumgott ein neckisches Spiel mit dem Armen getrieben, ihm den Himmel zu zeigen, um ihn dann um so tiefer in den Abgrund des Elends zu schleudern? Nein von Gott, dem gütigen Vater der Menschen, kann solch ein Traum nicht gekommen sein. Es ist daher dieser Traum keineswegs ein Beweis dafür, daß Träume von Gott kommen. „Träume find Schäume." Dieser Traum, wenn er in allen Einzelheiten wahr ist, woran zu zweifeln wir das Recht haben, da der Mann .und vielleicht auch der Vater Luzzatto's manches hinzugesetzt hat, ist ein allerdings Unbegreifliches; aber kann man ein Rätsel damit lösen, daß man ein anderes Rätsel an dessen Stelle setzt? „Und dennoch", könnte man mir entgegnen, „läßt sich nicht leugnen, daß es Träume gegeben und wohl noch immer gibt, welche in Erfüllung gegangen find". Jawohl! aber es geht uns mit diesen so wie mit den Vorahnungen, welche mit den Träumen in gegenseitiger Wechselwirkung stehen. Vorahnungen find Ausflüsse einer gewissen Stimmung, an welche sich dunkle, vage, größtenteils unangenehme, peinliche Vorstellungen von irgend etwas, das sich vorbereitet, knüpfen. Woher entstehen diese düsteren Vorstellungen, welche den Menschen plötzlich überkommen, ohne daß er dafür einen Grund anzugeben wüßte? In der Regel find fie die Folgen eines Traumes, welcher in dem Schläfer ein schmerzliches Gefühl auslöst, der aber nach dem Erwachen in Vergessenheit gerät; aber von dem Traumgebilde bleibt auch im wachen Zustande gleichsam als Niederschlag eine gewisse Verstimmung zurück, ein peinliches Gefühl, welches er sich nicht erklären kann, denn in den Verhältnissen der Gegenwart findet er dafür keine Begründung und so wird dieser Seelenzustand mit etwas Zukünftigem, das kommen soll, in Verbindung gebracht. So entsteht aus der Niedergeschlagenheit das Vorgefühl eines drohenden Unglücks. Daß dieses Vorgefühl, welches die Seele Tag und Nacht beschäftigt, im nächtlichen Traume eine bestimmte Form annimmt, ist natürlich. Wenn dann unter den tausenden und tausenden von Vorahnungen und Träumen, welche nicht in Erfüllung gehen und dann vergessen werden, als wären fie nie gewesen, zufällig einmal das gefürchtete Ereignis eintrifft oder ein Traum zur Wirklichkeit wird, kann das als Beweis dienen, daß Träume von Gott kommen, der den Träumer göttlicher Eingebungen würdigt und ihn zum Depositär seines Willens macht?