Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 26 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 428 Dr. Lwcb's Mocdenscbrm. Nr. 26 Interessen der Waisen", sagte er ihm, „ein Sklave kann erkranken, sterben, kann davonlaufen, während das Feld immer seinen Wert behält". Da aber ward ihm im Traume kundgegeben, daß sein Vorgehen ein unrichtiges sei. „Wenn Gott will, daß die Waisen ihr Vermögen verlieren sollen, warum willst du es verhindern?" „Träume bedeuten nichts", sagte R. Meir, „Träume können mich in meiner Ueberzeugung nicht beirren". Ferner erzählt der Talmud (Horiot 136): Rabbi Möir und R. Nathan fühlten sich durch den Patriarchen (Nassi) R. Simon, Sohn des Gamliel, zurückgesetzt und lehnten sich 'auf gegen ihn. Es mißsiel nämlich dem Patriarchen, daß das Volk jenen Männern, von denen übrigens der eine — R. Nathan — das Haupt des Gerichtshofes, der andere — R. Möir Chacham — das Haupt der Gelehrten war, der an der Seite des Patriarchen saß, dieselbe Ehrenbezeigung erwies wie ihm. -Bei ihrem Eintritt stand das Volk auf und blieb stehend, bis man es aufforderte, sich zu setzen. R. Simon -sah darin eine Schmälerung der Patriarchenwürde und ordnete die Art der Ehrenbezeigung nach Rangstufen. Die beiden remonstrierten dagegen. Sie forderten den Patriarchen auf, über solch schwierige Themata Vorträge zu halten, von denen sie wußten, daß ihm diese Gebiete fremd seien. Der Patriarch merkte die Absicht und er wies sie aus dem Lehrhause. Da schickten sie von draußen schriftliche Fragen ins Lehrhaus, und wenn man auf manche keine Antwort fand, so schickten sie selbst auch die Antwort hinein. Da sagte R. Johse: „Das geht denn doch nicht an. Die Thoragelehrsamkeit ist draußen, außer dem Lehrhause und wir sind drinnen. Entweder wir gehen zu ihnen hinaus oder — sie kommen zu uns herein!" Da gab der Patriarch nach und ließ sie hereinkommen; aber der -Groll war beiderseits nicht geschwunden. Daraufhin ward ihnen beiden, R. Meir und Rabbi Nathan, in einer und derselben Nacht im Traume der Auftrag erteilt : „Geht und leistet Abbitte dem Oberhaupte!" R. Nathan gehorchte, aber der starkgeistige, freidenkende R. Meir rief: „O nein, Träume gelten mir nichts; von nichtssagenden Träumen, diesen Kindern des Zufalls, lasse ich mich in meinen wohlerwogenen. Entschlüssen nicht beirren". Uebrigens ward dieser Grundsatz auch vom Talmud in einer religiösen Frage angenommen (Sanhedrin 30 a) und auch Maimonides hat diese Entscheidung des Talmud in seiner Gesetzessammlung ausgenommen. Der Fall war folgender: Ein Vater war gestorben und der Sohn hatte wohl Kenntnis davon, daß Geld zurückgeblieben sei, nur wußte er nicht, wo es verborgen sein mag; er suchte es lange vergebens; da ward ihm im Traume der Ort gezeigt, wo in der Tat das Geld sich befand; nur ward ihm zugleich im Traume kundgegeben, daß der Vater diesen Betrag als Zehent abgesondert, der nach dem Gesetze nur in Jerusalem verzehrt werden darf. Er fragte die Gelehrten und diese entschieden: „Träume haben keine Bedeutung; du kannst über das Geld verfügen, wo und wie du willst". Welcher dieser beiden Richtungen wir uns Hinneigen sollen; ob wir in den Träumen eine himmlische Eingebung, eine Kundgebung des göttlichen Willens, eine Vorhersage der Zukunft — oder das wirre Gewebe einer ungezügelten Phantasie sehen sollen — das ist Sache jedes Einzelnen. Ich für meine Person halte es mit Rabbi Meir, aber ich akzeptiere nur einen Teil seines Ausspruchs und sage: Träume schaden wohl nicht, aber daß sie nützen, weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich habe aber einen Traum, der sich im Jahre öfter wiederholt. Es träumt mir, es wäre der Vorabend des Versöhnungstages. Ich betrete das taghell erleuchtete Gotteshaus, dessen Räume allmälig sich füllen. Auf jedem Gesichte prägt sich die innere Andacht und tiefe Ergriffenheit aus. Schon beginnt der Gottesdienst mit jener uralten, herzergreifenden Melodie, in der aller Jammer einer sündigen, zerknirschten Menschenseele sich ausweint und ich soll nun die Kanzel betreten, um in dieser heiligsten Stunde des Jahres die Herzen zu ergreifen, die schlummernden Gewissen aufzurütteln und die Seelen zu Gott zu erheben, da — im letzten Momente werde ich es inne, daß ich vergessen hatte, mich vorzubereiten. Ich kann nicht mehr zurück, — die Kanzel ist für die Predigt hergerichtet, ich muß — hilf, o Gott! Ich besteige die Kanzel, die tausendköpfige Menge blickt gespannt auf mich, — ich beginne etwas, aber die Kehle ist mir wie zugeschnürt, perlender Schweiß tritt mir aus die Stirne, Schwindel ergreift mich, mir wirds schwarz vor den Augen, ich stürze von der Kanzel, falle und falle immer tiefer, tiefer, bis ich erwache und „siehe, es war ein Traum". Aber dieser Traum brachte mir den Nutzen, daß ich des Morgens nur umso eifriger an die Arbeit ging. Wer kennt nicht die dichterisch empfundene Zeichnung Jean Pauls: „Die Neujahrsnacht eines Unglücklichen?" Ein alter Mann steht in der Neujahrs-Mitternacht am Fenster; gebrochen und verfallen am Körper, Verödung und Trostlosigkeit in seiner Seele, blickt er traurig zum sternbesäten Himmel, schaut auf die schneebedeckte Erde; da sieht er ein Grab sich öffnen, in das man ihn nach einem Leben voll Verirrungen, Sünden und selbstverschuldeten körperlichen Gebrechen betten wird. Und es überkommt ihn die Erinnerung an seine unschuldsvollen Jugendjahre, an jenen Tag, wo der Vater ihn zuerst auf den Scheideweg des Lebens gestellt hatte, der rechts auf der Sonnenbahn der Tugend in das stille, ruhige Land der Arbeit und der Ernten, links durch die Maulwurfsgänge des Lasters dahin führt, wo die bunten Giftpflanzen blühen, deren Früchte Siechtum und Elend des Körpers, Reue und Gewissensbisse der Seele sind. Er aber hatte den Weg nach links gewählt. Und mit unaussprechlichem Weh rief er zum Himmel: „O gib mir die Jugend wieder, stelle mich wieder, o Vater, auf den Scheideweg, damit ich anders wähle!", aber seine Jugend und sein Vater waren längst dahin. Er sah Irrlichter auf Sümpfen tanzen und auf dem Friedhof erlöschen und er sagte: Das sind die Tage meiner Verirrung; er sah einen Stern vom Himmel fallen und auf der Erde zerrinnen; „Das bin ich", sagte sein blutendes Herz und die Schlangenzähne der Reue drückten sich tiefer in die Wunden. Er verhüllte sein Antlitz, über das heiße Tränen strömten, und er seufzte nur noch leise: „Komme wieder, Jugend, komme wieder!" — Und sie kam wieder; denn alles war nur ein Traum gewesen. Er war noch ein Jüngling, nur seine Verirrungen waren Wirklichkeit. Und dieserfürchterliche Traum in der Neujahrsnacht mag ihm wohl von Nutzen gewesen sein. Aber diese Dichtung, so schön und lehrreich sie auch ist, vermag den Satz Rabbi Meirs und die Anschauung der — wie ich voraussetze — aller denkenden Menschen, daß Träume keine Bedeutung haben, durchaus nicht zu erschüttern. Und dennoch finden wir, daß selbst die erleuchtetsten Geister und kühnsten Denker im Judentum die Bedeutung der Träume anerkannt haben. Eine solche Anomalie finden wir bei R. Lewi ben Gerson, allgemein unter dem Schriftstellernamen Gersonides oder auch nach den Anfangsbuchstaben des Namens: Ralbag gekannt. Dieser hervorragende Mann (geb. 1288, gest. 1330) war ein gründlicher Denker und vielseitiger Gelehrter. Mathematik, Naturwissenschaften, Arzneikunde, Astronomie, Metaphysik, Bibelexegese und Talmud waren die Gegenstände seiner Forschung, mit deren Ergebnissen er die Literatur dieser Fächer bereicherte. Er schrieb ein Buch über Astronomie und über ein von ihm erfundenes Instrument, vermittelst dessen die Beobachtung der Sterne sicherer gemacht werden konnte, welches Buch der Papst Clemens VI. ins Lateinische übersetzen ließ. Sein vorzüglichstes Werk aber ist das religions-philosophische Buch ‘*i manbü Gotteskämpfe, worin er mit rücksichtslosem Freimut die kühnsten Behauptungen aufstellt. Sein Grundsatz war: „Man müsse die Wahrheit ans Licht ziehen, selbst wenn sie der Thora auf das Stärkste widersprechen sollte, denn diese ist kein tyrannisches Gesetz, welches die Unwahrheit als