Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-06-28 · 26 (28.6.1907) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
26 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021710-3021737--16481-3041304
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 26 Dr. Llocd's Mocdenscvrm. Seite 423 Mit welcher List und Tücke die Wähler um ihr Wahlrecht gebracht worden sind, zeigt auch folgende Tatsache : Die Gemeinde in Sokal verweigerte den Wählern, welche ihr Wahlrecht reklamieren wollten, die Herausgabe der nötigen Dokumente, wie z. B. Heimatschein usw. und man vertröstete die Wähler damit, daß diese Dokumente zur Reklamation nicht nötig wären, weil die Gemeinde zu jeder Reklamation die nötigen Daten von amtswegen bestätigen werde. Schließlich wurden aber die Reklamationen ausnahmslos abgewiesen mit der Begründung, daß die Dokumente der Bezirkshauptmannschast nicht vorgelegt wurden. Dagegen wurden Parteigänger von Starzynski, die ohne ein Wahlrecht zu besitzen und in der Wählerliste keine Aufnahme gefunden hatten, direkt aufgefordert, ihr angebliches Wahlrecht zu reklamieren und solcher Reklamation wurde auch sofort Folge geleistet. Jeder, der nur im Verdacht stand, Anhänger eines jüdischen Kandidaten zu sein, wurde mit Verfolgungen, Vermögensnachteilen und Verhaftung bedroht (Zeuge S. Landes in Krystynopol). Jeder Wühler, welcher die Wählerliste sehen wollte, um sich zu überzeugen, ob er in der Liste stehe, wurde vom Gemeindesrkretär in Sokal schriftlich notiert, um die Wähler abzuschrecken, in die Liste Einsicht zu nehmen. In der Stadt Sokal wurde die Nachricht verbreitet, daß jederman, der für Dr. Starzynski stimmen wird, einen Aufschub der Steuerexekution vom Bezirkshauptmann erwirken wird. Tatsächlich kam eine ganze Menge von Leuten, die um Aufschub ersuchten, jedoch wurden jene Wähler, von denen der Bezirkshauptmann die Nachricht hatte, daß sie eine Wählerversammlung des Oppositionskandidaten besuchen» mit den Worten „Gehen Sie zu Ihrem Kandidaten" abgeschafft. Der Bezirkshauptmann in Sokal hat sogar der Witwe Kowler den bereits erteilten Aufschub zurückgenommen, als er erfahren hatte, daß diese arme Witwe dem oppositionellen Kandidaten Dr. Bloch Quartier gewährt hat. Der Trafikant Majer Schatzker in Krystynopol wurde wegen eines angeblichen Vergehens mit K 200.— „bestraft", es wurde ihm jedoch die Strafe ohne Rekurs vom Bezirkshauptmann sofort erlassen, als er versicherte, er werde für Starzynski stimmen. Dieser selbe Herr Bezirkshauptmann hat wiederholt Wähler, welche für den oppositionellen Kandidaten eiutraten, grundlos verhaftet uud nach einigen Stunden ohne Verhör freigelassen — nur um den ruhigen Bürgern zu zeigen, welche Gefahren ihnen bevorstehen, wenn sie eventuell gegen Starzynski stimmen wollten. Der Führer der Opposition, Dr. Eduard E b e r s o h n, wurde ohne irgend welchen Grund verhaftet und in Untersuchungshaft solnige gehalten, bis er die Zusage erteilt hat, er werde seine oppositionelle Haltung aufgeben. Als er aber nach der Enthaftung wiederum einmal in eine oppositionelle Wählerversammlung ging, wurde er vier Tage vor dem Wahltag ohne Anklage, ohne Verhör zu fünf Tagen Arrest verurteilt und sofort ins Gefängnis gebracht. Wie der Bezirkshauptmann in Sokal, so verfuhr der Regierungskommissär Smolen in Belz. Bei Tag und bei Nacht, manchmal um 12 Uhr Mitternacht, überfiel er die Wähler und nahm Hausdurchsuchungen vor, um nach Wahlaufrufen, welche oppositionelle Kandidaten empfehlen, zu fahnden; solche Hausdurchsuchungen wurden vorgenommen bei den Wählern Dr. Frostig, Eimerle, Edelmann, Lichohray. AlleStaatsbürgerrechte galten während der Wahlzeit in den Augen dieses Regierung skommissärs für suspendiert. Der Notar in Belz, Herr Sawczynski, und der Großgrundpächter, Herr Bernhard Hüttner, mußten sich in einem öffentlichen Lokal von Seiten dieses Regierungskommissärs eine Taschevrevision gefallen lassen. Beide wurden auch ohne Grund für verhaftet erklärt. Der Kommissär Smolen in Belz hat dem Wähler Sender Edelmann in Belz Geld offeriert, um ihn für den Kandidaten Prof. Dr. Starzynski zu gewinnen. Als Edelmann aber darauf nicht einging, drohte er ihm, daß er ihn durch Steuererhöhungen „Vernich t e n" wer d e. Den Restaurateuren und Hoteliers wurde verboten, dem Kandidaten Dr. Bloch Kost und Quartier zu geben. Der Frau Sara Krochmal in Belz wurde das Schankrecht entzogen, weil ihr Sohn einer oppositionellen Wählerversammlung beigewohnt hat. Dasselbe passierte den Wählern Schulim Stanger und Fischel Weniger in Belz, denen man die gemieteten Gemeindegewölbe gekündigt hat. Daran nicht genug, ließ der Herr Regierungskommissär Smolen sechs jüdische Einwohner, welche russische Staatsangehörige sind, verhaften, um sie über die russische Grenze bringen zu lassen. Die Ausgewiesenen, ruhige Leute, welche im Hause ihrer Schwiegereltern ihrem Berufe nachgingen, ohne sich um Politik und um Wahlen zu kümmern, sind in der periodischen Druckschrift: „Oesterreichische Wochenschrift" Nr. 24 S. 301 mit Namen genannt:Zwei Bürger Jankiel Taube und Schulim Lasser, gingen zu Smolen, um die Freilassung der verhafteten sechs Russen zu erwirken. Da antwortete Smolen, er werde die Verhafteten freigeben, wenn man erwirke, daß der jüdische Reichsrats kandidat Dr. Bloch die Stadt Belz sofort verläßt. Diese unerhörte Gewalttat hat die gesamte jüdische Bevölkerung in Schrecken versetzt, und da man sah, wie die Führer der Opposition ohne Grund verhaftet und eingekerkert, die ruhigsten Bürger mit den schwersten Strafen bedroht wurden und daß alle telegraphischen und schriftlichen Beschwerden bei der Statthalterei und beim Ministerium ohne jede Wirkung blieben, der Bezirkshauptmann und der Regierungskommissär die absoluten Herren geworden, die sich um gesetzlich« Bestimmungen nicht zu kümmern brauchen, so ergab sich die Bevölkerung in das unabwendbare Geschick und jeder Einzelne suchte sich mit dem Willen des Tyrannen abzufinden. Die Bürgermeister standen den Bezirkshauptleuten als Helfershelfer zur Seite. Der Bürgermeister in Sokal H. Wysoczanski hat öffentlich gedroht, daß er „jedermann das Genick brechen wird", der für Starzynski nicht stimmen wird. Wer in der Bezirkshauptmannschast und beim Bürgermeisteramt etwas erledigt haben wollte, mußte vor allem die bestimmte Zusicherung erteilen, daß er für Starzynski stimmen werde. Als der jüdische Kandidat Dr. Bloch in Belz eine Wählerversammlung abhalten wollte, weigerten sich alle Lokalbesitzer aus Angst vor dem Regierungskommissär den Saal zu diesem Behufe herzugeben. Er mußte die Versammlung in der Einfahrt eines Einkehrhauses abhalten. Dichtgedrängt standen Ruthenen und Juden, die Tore waren geöffnet, draußen postierte sich der Herr Regierungskommissär Smolen mit seinen Gendarmen und notierte jeden, der MEerf sammlung kam. Es waren trotzdem noch zahlreiche Wählet, die ohne Furcht vor leineu Verfolgungen den Kandidaten anhören wollten. Da ließ er plötzlich die Feuerglocke beim Rathaus Sturm läuten. Man denke sich die Wirkung eines solchen Alarmsignales in einer / kleinen Stadt mit Holzwohnungen und Strohdächern und man wird eine Vorstellung haben von der Panik, die zu entstehen drohte. Wir bitten um Einvernahme der Zeugen: David Flamm und H. Hirschhorn in Belz, welche -e-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.