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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-06-21 · 25 (21.6.1907) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
25 (21.6.1907)
Date
1907-06-21
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 26 Dr. JBlocD ö iWlocDeuscDiiu. Seite 419 Als Reb Selig Neuburg seinen Sohn nach T. brachte, sagte ihm Reb Wolf: „Ich übernehme Ihren Sohn in meine Obhut, werde über ihn wachen wie über mein eigenes Kind, aber erst, wenn Ihr Sohn ein feiner Bochur,9 * *) sollen Sie ihn Wiedersehen, eher darf er nicht nach Hause. Fast drei Jahre waren seit dieser Zeit vergangen, heiße Sehnsucht nach dem Elternhause hatte Chajim erfaßt; die Briefe aus dem Elternhausc waren von denselben Gefühlen durchweht. Es war am Rosch Chodesch Elul/") als der Rebbe seinen Schüler Chajim in die gute Stube führte und zu ihm sagte: „Chajim bereite Dich für die Heimreise vor. Verfasse die eine Charifesdroschoh,1 *) denn Hu wirst einen Tag nach Jomkipur zu Deinen Eltern fahren und kannst drei Wochen zu Hause bleiben. Ueberlege Dir in was 12) Du sagen 13 * *) wirst und zeige mir in vierzehn Tagen, was Du mechadesch") gewesen. Ich hoffe, Du machst mir Kowed. ") Chajim war glücklich und warf sich voll Eifer auf das gewählte Thema. Einen Tag nach Jomkipur trat er die Heimreise an. Ein Wagen brachte ihn zur Eisenbahnstation nach T. In T. wurde der Kanal, der den gleichnamigen Fluß mit dem nahen See verband, behufs Reinigung abgeleitet und die schönsten Fogasche wurden für einen Spottpreis verkauft. Chajim kaufte zwei große Fische, einen für seine Eltern und einen für seine Großeltern. Die Fischer spießten die abgeschuppten Fische auf lange Eisenstangen und brieten diese auf kleinen Scheiterhaufen, die sie in der Nähe des Kanales errichtet hatten. Chajim ließ sich die frischgebratenen Fische gut schmecken und tat des Guten ein Bischen zu viel. Um 6 Uhr Abends kam Chajim nach Alba. Tante Blume empfing' den bereits avisierten Gast recht herzlich und ließ ihm ein opulentes Abendessen servieren. .Chajim wurde ins Gastzimmer geführt, legte fich zur Ruhe und war gar bald in tiefen Schlaf gesunken. Gegen Mitternacht erwachte er unter gräßlichen Schmerzen und starkem Uebelsein, es schwindelte ihm vor den Augen. Er sprang aus dem Bette, schlüpfte in die Hose und entzündete mit Hilfe der Zündhölzchen, die er in der Hosentasche trug, die Kerze, die auf dem Tische stand. Er klinkte die Türe auf, diese führte in einen finstern Korridor, er lief mit der Kerze in der Hand hinaus, um in den Anstandsort zu gelangen; er suchte ihn vergebens. Was nun anfangen. Sein Zustand wurde von Sekunde zu Sekunde kritischer, der Brechreiz wurde immer stärker. Er lief ins Zimmer zurück, suchte alle Winkel ab und fand nichts, wohin er den Ueberfluß, der seinen Magen schwer bedrückte, ergießen lassen könnte. Plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke, er riß die Tischlade auf, breitete einen blauen Barchentlappen, den er über die Strümpfe gewickelt als sogenannten Stiefelfetzen in den hohen Stiefeln trug, und in wenigen Minuten war er aus Breslau zurück. Die Tante Blümele fand erst beim großen Reinemachen zu Pessach den Schatz, den Chajim wohlverwahrt zurückließ. Wohin sie den Bochur in dieser Stunde wünschte, soll nicht verraten werden. Oder hatte fie nie erfahren, wer der Verbrecher war? Chajim hatte einen überaus herzlichen Empfang. Die Eltern freuten fich des lieben Gastes, der nach langem Fernsein heimkehrte. „Mit Liebe Ihne Aurach,16 *) so lautete die Glückwunschformel der Freunde und Bekannten für die Eltern, während 9) gewiegter Talmudist. 1U) Elul Neumondstage. ") Vortrag aus dem Talmud. 12) d. h. welches Thema. ,3) er behandeln will. ") Neue Ideen finden. ,5) Ehre. ") Gast. der Bochur mit dem üblichen Scholaum alechem 17) begrüßt wurde. Der Bochur war glücklich, wieder im Elternhause weilen zu dürfen, und freute fich ganz besonders mit der zweijährigen Schwester, die während seines Fernseins geboren wurde und bereits plaudern konnte. Chajim war aber auch stolz auf das Chowerdiplom, welches er in der Tasche trug; der Rebbe hatte ihm vor seiner Abreise einen in sehr schmeichelhaften und anerkennenden Worten abgefaßten Chower lö) überreicht. Als Chajim den Chower vorzeigte, war gerade Tante Rosa anwesend und machte die Bemerkung: „Nicht einmal um zwei Kreuzer Salz kann man darin verpacken," was er ihr lange nicht vergessen konnte. Chajim's Großvater, Reb Mendel, erwartete mit Ungeduld die Ankunft seines Enkelkindes, und nach der ersten kurzen Begrüßung fragte er : nun was macht T . . r Row,'") wie hat er Neiloh gedawent?20) Reb Mendel, ein Verehrer Reb Wolf's, hatte noch immer nicht an Reb Wolf's Wirksamkeit in Neuburg vergessen, konnte davon stundenlang voll Bewunderung erzählen, und wenn die Bewunderung den höchsten Grad erreichte, rief er in höchster Extase: „und sein Neiloh dawenen hatte doch tausend taam." 2') Der Anwesenheit im Elternhause mußte Chaiim auch ein Opfer bringen : die Peaus. 22) Am Erewsukauß 23) wurde der Friseur bestellt und schnitt ihm diese unbarmherzig ab; es schnitt Chajim in's Herz, als er die schöngelockten Peaus zur Erde fallen sah, es kam ihm vor, als sträube fich die Scheere, dieses Opfer zu vollbringen, denn fie klappte gar gewaltig dabei. Der Friseur lächelte verschmitzt und bemerkte zur Frau Neuburg — auf deren Wunsch diese fallen mußten — „a so a hübscher Bua braucht eh kane Laushutschen." Herr Neuburg hätte es lieber gesehen, wenn sein Sohn einen richtigen Bochur ähnlich gesehen hätte, wozu ja die Peaus gehören; aber seine Frau hatte es anders beschlossen. Am ersten Sukaustage wurde Chajim mit dem Chowertitel zur Thora gerufen. Am Nachmittage besuchten ihn die Gelehrten des Ortes in der Sukkoh. Er sagte Charifaus24) und sie disputierten eifrig mit ihm. Beim Weggehen brachten fie Herrn Neuburg ihre Befriedigung zum Ausdrucke: „Ihne Reb 2ä) Chajim hat fleißig gelernt und ist ein feiner Bochur." Bei Tisch mußte Chajim täglich ein Thorawort sprechen. Chajim's Schwester, Jenny, hatte es bald heraus, daß Chajim immer mit den Worten begann : „Der Medresch sagt", 26) und nach dem Essen, vor dem Tischgebete, wenn Chajim beginnen sollte, fing Jenny an: „nun Bocher, der Behamedresch sagt", was ihr Chajim sehr übel nahm. Mehrere Tage später mußte Jenny dafür büßen. Nach einigen Wochen kehrte Chajim nach T. zurück. Der Empfang war ein gemischter. Reb Wolf war sehr erfreut; die Kollegen bemängelten an ihm, daß er keine Stirnlocken habe. Mit Tränen in den Augen beteuerte Chajim, daß seine Peaus dem strengen Befehle seiner Mutter, der er doch nicht widersprechen durfte, zum Opfer gefallen, die heiligsten Schwüre waren vergebens; fie nannten ihn Scheketz,27) Meschumed 28). Nach einigen Monaten hatte Chajim wieder Peaus,29) die herrlicher als die ersten waren und der Friede war wieder hergestellt. i') Friede mit Euch. ") Ehrendiplom. ,9) Rabbiner. 2U) gebetet. *‘) schön. 22) Stirnlocken. *3) Rüsttag des Laubhüttenfestes. 24) Thema aus dem Talmud. ") Ehrentitel. *6) Der Midrasch sagt. 27) Abscheu. 23) Abtrünniger. *9) Stirnlocken.

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