Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 25 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 418 Dr. Llocb's Mocbenscvrin. Nr. 28 E Frankfurt a. M. Die zweite Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden findet am 13. Oktober im hiesigen Saalbau statt. Es sind bereits folgende Vorträge angekündigt worden: 1. Geheimrat Prof. Dr. Cohen, Marburg, über religiöse Postulate; 2. Professor Dr. Martin Philippson, Berlin, über die Organisation der Judengemeinden; 3. Doktor Paul Nathan, Berlin, über Staatsinteresse und Judenpolitik; 4. Rechtsanwalt Dr. Loeb, Mainz, über die politische Stellung der JrÄen in den süddeutschen Staaten. Paris. Fabrikant Nathan Gompel wurde zum Offizier de l'Jnstruktion Publique ernannt. Der Deputierte L. L. Klotz wurde zum Vizepräsidenten der Budgetkommission der Abgeordnetenkammer gewählt. London. Die Universität Oxford wird am 18. Juni dem Direktor des Instituts für experimentelle Therapie in Frankfurt a. M. Professor Paul Ehrlich den Grad eines Ehrendoktors verlechen. London. Mittwoch den 26. Juni d. I. um 2 Uhr nachmittags findet in der hiesigen Bayswater - Synagogue die Trauung des Herrn Rabbiners Dr. Karl Duschinsky aus Koste! mit Fräulein Blanche Barnett statt. Die Stellung der Juden in Italien. Italien hat 52.115 jüdische Einwohner. Davon 10.000 in Rom, wo die große neue Synagoge Zeugnis von ihrem Wohlstand und Einfluß ablegt. 5100 in Turin, 4200 in Livorno, 4850 in Venedig und 3600 in Mailand. Was ihren politischen Einfluß betrifft, so haben die Juden 8 Senatoren, unter ihnen Senator Malvano, den ständigen Chef des Auswärtigen Amtes und eigentlichen Leiter der Auswärtigen Politik. In der Kammer fitzen 13 jüdische Deputierte. Unter ihnen Luzatti, der frühere Finanzminister, der noch immer in italienischen Finanzfragen eine ausschlaggebende Stimme hat. Feuilleton. Chajim a«f der Ieschibah. Von Dr. F. Rich. H-inschel. (Fortsetzung.) Die Gemeinde war in zwei Lager geteilt, hie Rebbe, hie Plaschkes hieß es. Reich und sein Anhang ließen nach wie vor von Plaschkes schlachten. Der größte Teil der Gemeinde genoß nichts von seiner Schechitah. ') Die Renitenz des Schächters empörte den Rabbi noch mehr, nach dem Schulchan-Aruch 2) war seine Schlachtung trefah.3) Wer aber Glaubensbrüder zur Sünde verleitet, der ist auch unwürdig, als Scheliach Zibbur4) zu wirken. Der Rabbi verbot ihm auch das Vorbeten und Vorlesen aus der Thora. Mein der Gemeindegewaltige Reich und sein Anhang ließen Plaschkes auch die Funktionen im Gotteshause vollziehen. Der Rabbi mied das Gotteshaus und hielt auch den Sabbat- und Festtags-Gottesdienst in seinem Lehrzimmer ab, wobei seine Getreuen fich um ihn scharten. Der wirklich tolerante Rabbi wurde in allen Tagesblättern als bildungsfeindlicher Finsterling verschrieen. Die Zeitnugspolemiken wollten kein Ende nehmen und die Wogen des Haffes und der Feindschaft türmten sich immer höher. Die Jünger des Rabbi, die fich für ihn gerne in Stücke hauen gelaffen hätten, sahen, wie der fromme Meister sich grämte, und empfanden mit ihm. *) Schlachtung. a) Gesetzkodex. *) verboten. *) Abgesandter der Gemeinde; Vorbeter. Sie achteten genau auf Jeden, der den Tempel besuchte, von Plaschkes schlachten ließ, und beichteten es getreulich dem Rabbi. Wo einige Männer beisammen standen, lauschte gewiß einer der Bachurim und hinterbrachte dem Rabbi jedes noch so leise geflüsterte Wort. Dadurch wurde der Kummer des Rabbi noch größer. Die Jünger meinten es ja so ehrlich mit ihrem Meister, doch in diesem Falle wäre weniger mehr gewesen. Wie viele Tränen, wie viele bittere Stunden hätten die Bachurim ihrem Rabbi ersparen können, wenn fie ihm nicht jedes Wort so getreulich hinterbracht hätten! Auch Chajim's Vater mußte durch diesen Streit in der T ... er Gemeinde einige böse Tage verleben. Die Katze des Rabbi warf Junge. Chajim, der den' wohlbeleibten Vorsteher Reich gerne in einem Löffel Wasser ertränkt hätte, wartete, bis Reich in die Synagoge ging, grüßte ihn höflich und bat ihn um eine kurze Unterredung, „Was willst Du von mir?" fragte der Roschhakohol?) „Ich weiß, Sie üben gerne Mizwaus6) aus," antwortete Chajim. „Gewiß," erwiderte Jener, „um was handelt es fich denn?" „Um eine Gevatterschaft," antwortete Chajim. „In unserer Gemeinde gibt es doch keine Wöchnerin," meinte Reich, dabei schüttelte er verwundert das Haupt. „O doch," sagte Chajim, „die Katze des Rebbe hat Junge geworfen, Sie könnten zu Gevatter stehen und Plaschkes könnte Mohel7) sein, dazu wird er auch dem Rebbe koscher genug sein. Der ergrimmte Vorsteher wollte Chajim ein paar Ohrfeigen herunterhauen, doch Chajim, der die Gefühle! des Herrn Reich geahnt haben mochte, hatte fich rasch aus dem Staube gemacht. Chajim's Vater bekam drei Tage später ein andnymes Schreiben, in welchem sein Sohn aller möglichen Schandtaten bezichtigt wurde. Chajim, so schrieb man seinem Vater, sei ein Lump und Taugenichts, der den ganzen Tag auf der Straße herumlungere, der Rebbe aber hätte keine Zeit für seine Schüler, denn er müsse sich mit seiner Gemeinde herumschlagen und allen Tratsch zuhören. Neuburg könnte sein Geld besser verwenden, als den Sohn in T. die Zeit vergeuden lassen. Chajim's Vater war außer sich. Wohl kannte er den Rabbi, aber wenn nur etwas Wahres an diesem Schreiben, so wäre es auch schon genug. Er sandte den Brief an den Rebbe und die Woche, die verging, ehe Herr Neuburg die beruhigende Antwort des Rabbi empfing, die alle Anklagen als Lügen bezeichnet, war recht bitter. Ein Jahr lang währte der Kampf, da entsank das Kampfesschwert der Hand, die es mit so viel Haß geschwungen; der Gemeindegewaltige Reich starb eines plötzlichen Todes. Die Gemeindemitglieder betrachteten dieses Sterben als eine Strafe Gottes und auch die entfernter Stehenden näherten sich wieder ihrem Führer. Der Rabbi hielt an der Bahre des Frühvollendeten eine herrliche Trauerrede. Es waren Worte der Versöhnung, der Liebe und des Friedens, die der zu Tränen gerührte Rabbi sprach, so daß kein Auge tränenleer blieb. Plaschkes wurde seiner Stelle für verlustig erklärt und der Störenfried verließ T., um in einer anderen Gemeinde die böse Saat des Hasses und des Zwiespaltes auszustreuen. Die Reformgemeinde zu B. stellte ihn als Schächter an- Dort zeigte er fich in seinem wahren Lichte, als vollständig unzuverlässig und irreligiös; nach drei Monaten schon wurde er einfach kassiert, mit Schimpf und Schande entlassen. 5) Vorsteher. 6) Gute Werke. 7) Beschneider. 8) religiös.