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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-06-21 · 25 (21.6.1907) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
25 (21.6.1907)
Date
1907-06-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 410 L>r. Llocv's MiocoenscvrlN. Nr. 35 Vom Aabrmarkt des Lebens. Ei« jüdischer Klub. Sonntag konstituierte sich ein neuer Klub, der „Jüdische Klub des Abgeordnetenhauses". Demselben gehören an die Abgeordneten Dr. Straucher, Dr. Mahler, Dr. Gabel und Stand. Zum Obmanne wurde Dr. Straucher gewählt. Der Klub beschloß, eine Reihe von Interpellationen einzubringen, darunter eine, betreffend die Aufhebung der kaiserlichen Verordnung vom Jahre 1854 („Prügelpatent"), sowie wegen der Judenverfolgungen in Rumänien. Der jüdische Klub verlautbart folgende Erklärung: „Der jüdische Klub wird stets für die Rechte, Jntereffen und für Wohlfahrt des jüdischen Volkes eintreten, wird die Anerkennung der jüdischen Nationalität und die faktische Durchführung der Gleichberechtigung der Juden energisch verlangen und unabläsfig zu verwirklichen trachten, sowie alle von welcher Seite immer kommenden Angriffe auf das Judentum entschieden abwehren. Im Sinne des jüdisch-nailonalen Programmes wird der jüdische Klub nur eine freiheitliche, wahrhaft volkstümliche Politik vertreten, geleitet von den Grundsätzen politischen und wirtschaftlichen Fortschrittes, sozialer Gerechtigkeit, individueller und nationaler Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit. Der jüdische Klub wird für die Lösung der nationalen Frage auf dem Wege der nationalen Autonomie, für den Ausbau der Verfaffuug auf weitester demokratischer Grundlage unter Schutz der Minorität, für die Demokratisierung der Verwaltung, für die kräftigste Förderung der industriellen und kommerziellen Entwicklung Oesterreichs unter scharfer Bekämpfung der reaktionären Gewerbepolitik, für den Ausbau der sozialpolitischen Gesetzgebung, namentlich für weitestgehenden Arbeiterschutz, Koalitions-, Preß- und Vereinsfreiheit wirken." Die politische Gleichstellung der Jude« in Galizien. Die eben in Galizien beendeten Reichsratswahlen find zwar für das Judentum nicht besonders günstig ausgefallen, jedoch könne es die gesamte Judenschaft als Genugtuung und mit wahrhafter Freude begrüßen, daß schon jetzt gewisse Merkmale eines Erwachens des jüdischen Volkes und seiner Erhebung aus verstumpfter Tatenlosigkeit zur Selbstachtung und zum Bewußtsein seiner Würde sich zeigen; die jüdische Wählerschaft ließ sich durch die Drohungen und Anfeindungen von verschiedener, gegnerischer Seite nicht einschüchtern und ging furchtlos mit selbstloser Aufopferung seiner Abficht nach, Vertreter, welche wahrhafte Vertreter der jüdischen Jntereffen find, zu wählen. Dem großen Eifer und Mut ist es gelungen, einige Abgeordnete auf das jüdisch-nationale Programm aus den Wahlen hervorzubringen. Es ist sozusagen.eine Umwandlung in der galizischen Judenschaft geschehen, gleichsam eine Auferstehung. Das nationale Gefühl ist in allen Kreisen erwacht und fordert zum Handeln auf; die Judenschaft begriff schon längst den Mangel an eigenen, nationalen Vertretern und hatte das Bedürfnis, in unserem Reichsrate echte jüdische Vertreter zu besitzen, welche ihre Jntereffen beschützen sollen. Diesen Mangel fühlte man brmnend und immer. Allein man kann fich von den paar gewählten Abgeordneten nicht zu viel versprechen, so ein kleines Häuflein kann nicht alles leisten, und was vermöchten auch vier Abgeordnete unter der großen Zahl der österreichischen Volksvertreter. Wir können nicht daran denken, daß diese paar Abgeordneten beim besten Willen zur Linderung der Notlage und Bedrückung ihrer Brüder alles Nötige durchsetzen werden. Es ist daher der Wunsch der gesamten jüdischen Bevölkerung Galiziens, daß sämtliche Parteischattierungen, daß der Parteienhaß unter den jüdischen Abgeordneten aufhöre und daß jeder einzelne Abgeordnete es sich als heilige, ernste Pflicht auferlege, sein Möglichstes zu tun und bestrebt zu sein, daß fich alle jüdischen Abgeordneten zu einem außerhalb aller Parteien stehenden Klub vereinigen sollen, welcher nur rein jüdische Jntereffen zum Wohle aller Brüder verficht. Damit wird auch der Parteihaß zwischen der Judenschast sein Ende finden. Selbstverständlich mag jeder jüdische Abgeordnete in dem Klubverbande, dem er jetzt angehöre, auch fernerhin verbleiben und in Angelegenheiten, welche jüdische Interessen und Fragen nicht berühren, mit seinem Klubverbande Zusammengehen. Die jüdische Masse blickt jetzt sehnsuchts- und erwartungsvoll zu allen jüdischen Abgeordneten und erhofft von ihnen aufopferndes Eintreten zur Abhilfe der Notlage und Bedrängnis ihrer armen Brüder in Galizien. Durch Einigkeit werden sie die Liebe und das Vertrauen des jüdischen Volkes am besten gewinnen. Stanislau den 3. Juni 1907. Ch. L. Lamm junior. Bon russischen Grenzsoldaten ermordet. An eine Anzahl galizischer Abgeordneter ist gestern aus Podwoloczyska eine Depesche folgenden Inhaltes eingelangt: „Gestern Nachts wurde mein Mann, österreichischer Untertan, Israelit, von russischen Grenzsoldaten ermordet, worauf dann dessen Leiche, um die Sache zu verschleiern, zerschossen wurde. Ich habe bereits an das Ministerium telegraphiert, fürchte aber ein nicht energisches Vorgehen der hiesigen Behörde. Ich bitte untertänigst, sich unser anzunehmen. Ich bin eine arme Witwe und Mutter von acht Kindern. Gittel Birnbaum aus Podwoloczyska." Wie es heißt, wird die Angelegenheit schon in einer der nächsten Sitzungen in einer Interpellation im Abgeordnetenhause zur Sprache gebracht werden. Aus der territorialistischen Bewegung. B i a l y st o k. Am 30. Mai fand die konstituierende Versammlung der hiesigen Territorialisten statt, die sehr zahlreich besucht und äußerst interessant gewesen ist. Nach der Berichterstattung hielt Gg. Löwenherz eine Rede, in der er ausführlich die jüdische Emigration besprach, um dann' den Zweck des „Ito"-EMigrations-Departements, sowie die Ziele der territorialistischen Bewegung im Allgemeinen zu erläutern. Die Versammlung sandte an Zangwill folgendes Telegramm: „Die konstituierende Versammlung der Bialystoker Territorialisten spricht ihrem Führer ihr Vertrauen aus und wünscht seinen Unternehmungen besten Erfolg. Chwoles, Vorsitzender." P e r t h (Westaustralien). Der hiesige Zweigverein der „Jto", um welchen sich Mr. O. S. B e r n a r d, Bürgermeister von Northam, besondere Verdienste erwarb, erstattet nun seinen Jahresbericht. Zufolge der entschiedenen Stellungnahme der Zionisten zur „Jto" sagte fich dieser Verein, der ursprünglich ein zionistischer gewesen, von letzterer Organisation los und wurde unabhängig. Anläßlich der konstituierenden Versammlung meldeten fich 53 Mitglieder an, welche Zahl bis heute auf 141 gestiegen ist. Im Berichtsjahre wurden 10 Massenmeetings und 12 interne Versammlungen in Princeß Hall abgehalten. In seinem Jahresberichte sagt der Präsident Rev. D. I. Freedm a n n u. a.: „Wir beklagen uns nicht über die Verschwiegenheit, die seitens der Zentralleitung beobachtet wird. Wir sehen die Notwendigkeit der peinlichsten Vorsicht ein, denn ein einziger Fehltritt im Anfang würde verderbliche Folgen haben." Eine im Dezember abgehaltene Volksversammlung beschloß einmütig die Bestätigung des „Jto"-Emigrations-Departements. Kowno. Am 1. Juni sprach hier im „Harmonie-Saal" in einer Territorialisten - Versammlung Herr Dr. Iochelm a n n. der über eine besondere Einladung der hiesigen Jtoisten eigens zu diesem Zwecke nach Kowno kam. Der Redner besprach zunächst eingehend die zwei scharf getrennten Perioden in der jüdischen Geschichte und zwar die der Passivität, in der die Juden auch nicht einmal den Versuch unternahmen, ihre Lage zu verbessern, dagegen fich nur von kosmopolitischen Träumen, vom Glauben an internationale Gleichheit und Brüderlichkeit einlullen ließen, wie z. B. in Frankreich und Deutschland im 18. und 19. Jahrhundert. Dann

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