Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 25 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021736--16466-3041288- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 25 Dr. mocm MocbenscbrtN. Seite 409 Daniel, sagte er, schaute mit scharfem, psychologischem Blick in den Gemütszustand des beunruhigten Königs, der auf der Höhe seiner Macht sich nicht sicher fühlte und von nächtlichen Traum- und Schreckgestalten beängstigt wurde. Er entwarf daher dem Könige .ein hohes, glänzendes, aber schreckliches Bild, das den Zerfall des babylonischen Reiches ihm vor die Augen führte, ein Bild, das — in seiner beunruhigten Seele lebte. Und die Deutung des Traumes war folgende: Das furchtbar glänzende Bild ist die weltliche Macht, errungen durch Waffengewalt. Der durch unsichtbare Hand losgelöste Stein hingegen, der das Bild zermalmt, selbst jedoch zum Berge wird, bedeckend den ganzen Erdkreis — es ist die Macht des Geistes, die als göttliche Allgewalt alles Irdische bewältigt und den ganzen Erdkreis umfaßt. Als hervorragende Mächte, welche den größten Teil der damals bewohnten Erde unter ihre Herrschaft gebracht, find bekannt: das babylonische Reich — das goldene Haupt — das minder edle medo-perfische Reich — die Brust aus Silber — das mazedonisch-griechische — Kupfer — und endlich die römische Weltherrschaft, die als oft- und weströmisches Reich im Traume versinnbildlicht wird, ist Eisen, aber auch zerbrechlichen Ton in sich bergend. Und diese Reiche alle werden zerstieben vor dem mächtigen Stein — dem Reiche des Geistes, der Weltherrschaft des Messias. Dieser Stein aber, er ist nicht urplötzlich abgelöst durch Menschenhand, sondern ist durch die Hand Gottes, die unsichtbar durch Jahrtausende waltet, von dem Fels der Zeiten abgelöst und bestimmt, eine feste Grundlage zu werden für die Gesamtmenschheit, welche in jener großen messianischen Zeit — wie der Prophet Jesaias sie verkündet — umschmieden wird das Schwert zur Sichel und die Lanze zum Rebenmeffer. Mit dieser herrlichen, die Traumdeutung Daniels detaillierenden Erklärung ist aber Fürst mit sich selber in Widerspruch geraten; denn wie konnte Daniel, ohne von Gott inspiriert zu sein, in Babylon Roms Weltherrschaft Vorhersagen, das erst viele Jahrhunderte später seine siegreichen Legionen nach allen Weltgegenden sendete? Es wäre denn, daß Fürst die Abfassung des Buches Daniel in eine Zeit verlegt, wo bereits die Umrisse der römischen Weltherrschaft am Gesichtskreis der Geschichte sichtbar wurde. Damit wäre freilich jeder Widerspruch gelöst, aber auch diesem Buche jede historische Grundlage entzogen. Der Vollständigkeit wegen will ich noch eines Traumes desselben Königs erwähnen, den Daniel deutete und der auch zur Wirklichkeit wurde. * ° * * In der nachbiblischen Zeit begegnen wir einem Traume, dem das damalige Judentum seine Rettung verdankt haben soll. Im jerusalemischen Talmud wird Folgendes erzählt:*) Alexander der Große, dem Mazedonien zu klein war und der sich ein Weltreich suchte, streckte seine Fangarme auch nach Palästina aus. Er zog mit seinem gewaltigen Heere gegen dasselbe. Als die Schreckenskunde nach Jerusalem drang, da ergriff Zittern das jüdische Volk, denn es konnte nicht daran denken, daß es diesem siegreichen Helden, der die mächtigsten Reiche sich unterjochte, Widerstand leisten konnte. In ihrer Bedrängnis riefen sie Gott an, ordneten Fasten- und Bußgebete an, aber all das hielt den Mazedonierkönig in seinem Siegesläufe nicht auf, und Alexander erschien vor den den Mauern Jerusalems. Da trat der Hohepriester Simon der Gerechte (nach Josephus Altertümer XI, 8, 3, 6, Jaddua) in Begleitung der Aeltesten Israels vor den König hin, und als dieser die hohe, imposante Greisengestalt in vollem Hohepriesterornate erblickte, stieg - er vom Wagen und beugte sich ehrfurchtsvoll vor Sinwn. *) Joma 69 a. Verwundert blickten die Heerführer und die Großen' des Reiches auf diese seltsame Szene. Der mächtige Welteroberer bückt sich vor dem Juden! „Staunet nicht!" antwortete der König den stummen, fragenden Blicken, — die Gestalt dieses greisen Priesters ist es, welche ich im Traume erblicke, so oft ich in die Schlacht ziehe und diese Gestalt verheißt mir den Sieg". Alexander schloß ein Bündnis mit den Juden, welche ihn in den Tempel führten, wo er den Gott Israels pries. Als er aber an den Hohepriester das Ansuchen richtete, daß zur Erinnerung an dieses Bündnis seine Bildsäule im Tempel aufgestellt werden möge, verweigerte ihm das der Hohepriester mit dem Hinweis auf das biblische Verbot, hingegen gab er ihm das Versprechen, daß alle männlichen Kinder der Priester, welche in diesem Jahre geboren würden, den Namen Alexander erhalten sollen, was dem König gefiel. Und so wahrt noch immer bis auf den heutigen Tag das dankbare jüdische Volk die. Pietät gegen diesen wohlwollenden König, indem es deffen Namen in die Reihe jener hebräischen Namen ausgenommen hat, unter denen der Jude zur Thora gerufen wird. Einen solch wunderbaren Einfluß hatte ein Traum auf das Schicksal der Juden. Welche Wichtigkeit den Träumen im Kreise der Juden beigelegt wurde, zeigt der Umstand, daß ein ganzer Absch".itt des babylonischen Talmud von den Träumen und deren Auslegung handelt. Es ist bezeichnend für den mächtigen Einfluß, den die Umgebung auf die Gedanken- und Gefühlswelt der Menschen übt, daß-der Glaube an die Bedeutung der Träume nur bei den Juden Babylons Wurzel fassen konnte, in einem Lande, in welchem die Magie, die Wahrsagerei die Traumdeuterei. der Glaube an Dämone, kurz der unsinnigste Aberglaube in höchster Blüte stand. Impala st inensischenTalmud fehlt dieser ganze Abschnitt von den Träumen. Auf dem klassischen Boden des reinen Glaubens an den Einen Gott gediehen diese Schlingpflanzen des Aberglaubens nicht. Nachdem aber der babylonische Talmud ausschließlich das religiöse Leben und die Geistesrichtung des Judentums beherrscht, so ist es nicht zu verwundern, daß die Bedeutung der Träume sogar in den Religionskodex und in die Liturgie ausgenommen wurde. Um die schädliche Wirkung eines bösen Traumes zu paralysieren, wird ein F a st t a g empfohlen, der aber gleich am darauffolgenden Tage gehalten werden soll. Der Talmud sagt'): „Gegen einen bösen Traum ist das Fasten so gut wie das Feuer für das Werg", d. h. sowie das Werg durch das Feuer, so wird auch die Wirkung des bösen Traumes durch Fasten verzehrt. Diesem Fasttag wird eine solche Ausnahmestellung unter allen selbst biblisch vorgeschriebenen Fasttagen eingeräumt, daß er fast dem Versöhnungstage gleichgestellt wird; denn wie dieser soll auch er am Samstag gehalten werden, während bei allen anderen Fasttagen das nicht der Fall ist und dieselben, wenn sie auf einen Samstag fallen, auf einen vorhergehenden oder folgenden Wochentag verlegt werden; nur daß derjenige, der wegen eines schlechten Traumes am Samstag fastete, zur Sühne dafür, daß er denselben.verletzte, noch an einem Wochentage fasten mußte. (Fortsetzung folgt.) ’) Traktat Colbat 12 a itrb Tr. STitini l?b.