Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 25 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 25 Dr. JBlocfvs Mocvenscbritt. Sette 407 den Spottnamen „Behörden" fungierenden Kasernen der Schlachzizentruppen wüteten geradezu gegen die armen Teufel, von deren blutigem Steuergeld fie bezahlt werden. Wem man nur halbwegs an die Gurgel konnte, drückte man sie zu; l>em Geschäftsmann wurde der Laden gesperrt, dem Handwerker die Werkstatt, die Hütte der Armen wurde für baufällig erklärt, wo gar nichts mehr half, beschritt man den administrativen Weg wie in Rußland und warf die Leute in schmutzige Kerker, die es gewagt hatten, ihren Meinungen öffentlich Ausdruck zu geben. Nicht das Geld der Kandidaten, Erwerb und Freiheit des Wählers waren der Preis von Wahlstimmen in Galizien und fie wurden gezahlt. Die verachteten Antipoden des Justizrates Meyer litten schweigend, litten schwer — aber sie ergaben, sich nicht, sie ließen sich schlagen, aber nicht besiegen. Ein paar Worte, eine Zeile konnten ihnen Ruhe und wirtschaftliche Sicherheit bringen, aber alle Wildheit der Schlachzizen scheiterte an einem jüdisch-galizischen Fanatismus der Redlichkeit und Moral. Nur der Kaftan bleibt übrig, um die Gesinnungsgenossen des Justizrates Meyer zu beleidigen und zu verletzen. Aber er zeigt, daß er nicht das Kleid ist, das den Helden und Menschen macht. Auch er vermag soviel Größe zu decken, wie das Wams eines schwertumgürteten Kriegsmannes, auch er ist das Gewand eines Tapferen. Die letzten Wahlen in Galizien waren Ehrentage Moschkos, des polnischen Juden, den man für ein minderwertiges Faktotum des polnischen Schlachzizen hielt und der sich als einen moralisch hervorragenden Mann und Bürger zeigte. Daß Diebstahlskunst ihm einen Teil seines Erfolges wieder entriß, was tuts? Die Wahlen der selbständigen jüdischen Kandidaten in Galizien, die Stimmenabgabe für andere, minder erfolgreiche waren Heldentaten, die den polnischen Juden berechtigen, in ganz Westeuropa mit Beifall und Hochachtung empfangen" zu werden. Denn, wenn es eine Oberwelt und eine Unterwelt der Moral gibt, die Unterwelt, Herr Justizrat Meyer, gehört nicht für Moschko. y. Der Traum irr der jüdischen Literatur. Von Dr. Armin Schnitzer, Oberrabiner in Komorn. Was find Träume? Sind fie etwas anderes als die flüchtigen Gebilde einer ungezügelten Phantasie ohne Sinn und Zusammenhang — Nebelbilder, die der erste Lichtstrahl der erwachenden Vernunft in Nichts zerfließen läßt? Oder gibt es auch Träume, die irgend welche Wesenheit oder Vorbedeutung haben.? Der Traum, diese während des Schlafens fortgesetzte Tätigkeit des Denkvermögens, forderte zu allen Zeiten die Menschen zum Nachdenken heraus. Die Physiologen bemächtigten sich dieser sonderbaren Erscheinung, und meinten wiffenschaftlich, d. h. auf natürlichem Wege erklären zu können, wieso in einem unbeweglich liegenden, gegen alle Eindrücke der Außenwelt unempfindlichen Körper die psychische Tätigkeit oft so lebhaft fortgesetzt wird, daß sich die Wirklichkeit vom Traume kaum unterscheiden läßt, ja, daß sogar wissenschaftliche Fragen, ja mathematische Aufgaben im Traume gelöst werden. Die Menschen aber, denen wissenschaftliche Forschung ein unbekanntes Gebiet ist, legten sich dieses Problem in ihrer Weise zurecht. Sie sahen in dem Traume eine von außen kommende Eingebung, einen transzendentalen Verkehr mtt höheren Mächten, mit guten und bösen Geistern, in letzter Linie eine göttliche Offenbarung, wodurch den Menschen der Wille Gottes kundgegeben wird. Und darum schliefen die Griechen in den Tempeln ihrer Gottheiten, um Traumerscheinungen zu erhalten, und zwar nicht nur prophetische Visionen, sondern insbesondere im Tempel des Asklepios, des Gottes der Heilkunde, damtt fie für ihre Kranken im Traume Heilmittel erfahren könnten. Auch in der Talmudliteratnr begegnen wir dieser Anschauung. „Der Schlaf," heißt es an einer Stelle (Midrasch rabbe zum I. Buche M., Kap. 17) „ist eine Art des Todes und der Traum eine Art der Prophetie", oder präziser in Zahlen ausgedrückt: „Der Schlaf ist der sechzigste Teil des Todes und der Traum der sechzigste Teil der Prophetie (Traktat Berachot 576). Die letztere These ist wohl eine Konsequenz der ersteren; denn wenn der Schlaf eine Art des Todes ist, so kann der Traum, das ist die wunderbare Seelentätigkeit in einem zum sechzigsten Teil toten Körper, nichts anderes als eine prophetische Eingebung sein. Erklärlich ist dann der dunkle Satz im Talmud (idlä), der da lautet: „Wer sieben Nächte hindurch nicht träumt, ist ein böser Mensch"; denn derjenige, der eine ganze Woche hindurch eines himmlischen Verkehres nicht gewürdigt wird, kann nach der Ansicht des Talmud nur ein schlechter Mensch sein?) Ein großer Teil der Bölkerpsychologen spricht die Ansicht aus, daß eine der Grundlehren der Religion, nämlich der Glaube an die Fortdauer der Seele nach dem Tode, aus dem Traumleben sich entwickelt habe; denn wenn die Seele in dem leblos scheinenden Körper ihre Tätigkeit fortsetzt, denkt, urteilt, Schlüffe zieht, so muß die Seele als eine vom Körper unabhängige Substanz, auch ganz losgelöst vom Körper, den fie nach deffen Ableben gänzlich verläßt, ihre Tätigkeit fortsetzeu. Wir begegnen im Altertume Völkern, welche der Ansicht waren, daß, wenn der Traum fie nach mehreren Orten versetzt, die Seele dorthin, an diesen Ort, sich begibt. Schöner und poetischer drückt ein Talmudgelehrter diesen Gedanken aus, indem er sagt: „In der Zeit, wenn der Mensch schläft, schwingt sich die . Seele zum Himmel und schöpft dort Kraft und Leben." (Midrasch v. I. B. M.» Kap. 16.) Also auch dieser Satz beruht auf der Annahme, daß die Seele, als eine selbständige Kraft, während des Schlafens den Körper verläßt. Nach dem Vorausgeschickten ist es sehr natürlich, daß man den Träumen eine besondere Bedeutung und Wichtigkeit beilegte und daß den Traumdeutern ein weites unbegrenztes Gebiet der Tätigkeit sich eröffnete. Es war die Traumdeuterei zur Kunst, eigentlich zum Gewerbe geworden. In den Unsinn wurde ein System gebracht, das später niedergeschrieben wurde, und so entstanden die Traumbücher, die in alphabetischer Reihenfolge für jeden Traum eine Deutung erhiellen. Diese Bücher stehen heute noch in gewiffen Kreisen hoch in Ehren und bilden außer dem Gebetbuche das einzige literarische Jnventarium des Hauses. Das erste dieser Traumbücher datiert aus dem zweiten Jahrhundert und hat den griechischen Schriftsteller Artemiodoros zum Verfasser; aber auch der Talmud enthält in einem seiner Abschnitte eine Anzahl von Traumdeutungen, welcher derselbe alle aus der Heiligen Schrift mehr oder minder treffend — vielmehr minder eher als mehr — zu begründen sucht. Daß die Juden auf Träume besonderes Gewicht legten und ihnen eminente Bedeutung in Bezug auf das Geschick des Menschen zuerkannten, hat seinen Grund darin, daß die Heilige Schrift mehrere Träume uns vorführt, welche alle zur Wirklichkeit geworden und von entscheidendem Einfluß ans das Leben der Träumenden gewesen find. Der erste Traum, von dem wir in der Heiligen Schrift lesen, ist der Traum Jakobs. Dieser war, vom Haß des Bruders verfolgt, gezwungen, das Vaterhaus zu verlaffen und in die ftemde, lieblose Welt zu ziehen. Es überfiel ihn die Nacht auf dem Felde; nirgends eine Hütte, eine Herberge, wo er das müde Haupt hinlegen sollte; er legt sich nieder, ein Stein ist sein Kopfkissen und er schläft ein. Er träumt. Und was sieht er im Traume? Er sieht eine Letter, die von der Erde bis zum Himmel reicht und *) Der Talmud begründet den Satz durch folgenden Schrift- Vers . Es heißt: jn ipa1 fr m »Ein Frommer weilt im Ueberfluß, wird nicht heimgesucht vom Uebel" (Spr. 19), lies nicht §2vi sondern d. h. p*?’ Jüan wer siebenmal nachtet, TpS» bs, ohne daß er (von Gott) bedacht wttd, ist schlecht.