Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 25 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021736--16463-3041285- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 406 Dr. JBlocD’s MocbenscdrLN. Nr. 25 aber energisch für den Fortschritt, die Gerechtigkeit, die Entwicklung erhoben werden. Ein Politiker, dessen Ansehen und Erfahrung seine Urteile maßgebend machen, hat behauptet, das jüdisch-nationale Programm sei das beste und schönste im Parlamente überhaupt. Bleibt nur noch die Frage der Taktik zu erörtern, über die etwas Verbindliches von Seiten des Jüdischen Klubs noch nicht verlautbart wurde und in welcher unserer Ansicht nach mannigfache Bedenken und Gefahren eingeschlosseu sind. Ganz gewiß sollte es niemandem im Traume einfallen, die jüdisch-nationalen Abgeordneten etwa als ausschließliche Vertreter des jüdischen Ostens zu betrachten und sie ihrerseits werden gewiß auch ihre Tätigkeit nicht auf diesen Standpunkt stellen. Doch muß eines hier bemerkt werden, das die Herren gewiß auch schon in Betracht gezogen haben. Die politischen Verhältnisse des Westens sind für die Inden äußerst schwierig; weder können sie meistens eine Politik L8W Moschko, der Held. Wo war es nur? Ich möchte den Namen gerne noch einmal an den Pranger stellen, aber mir ist entfallen, in welchem deutschen Badeort der freche Schmock von Kurdirektor den polnischen Juden im Vorjahre den Spaziergang in den Anlagen verbot. Das Kaftantragen mit Verlust der Bürgerrechte bestraft! Mach mores, Jud! Weiche dem deutschen Heldengeschlecht der Köpenicker aus, streife nicht mit einem allzu langen Rocke die Kusine des Herrn Puttkammer, genieße Schatten und Blumenpracht draußen am Zaun! Der freche Ukas des Saisonfeldherrn war übrigens nur die Folge des allgemeinen Urteils, mit welcher die Presse Westeuropas den polnischen Juden abtut. Sogar die Witzblätter gefallen sich darin. Wenn dem Simplizissimus, der Jugend und Genossen der Geist ausgeht, dann stellt zur rechten Zeit der polnische Jude sich ein; nicht wenn er selbst Witze macht — da gibt auf eigene Faust machen, uoch auch untätig, ohnmächtig H sein origineller Geist allen Simplizissimus-Redakteuren etwas bleiben und zur Seite geschoben werden. Da wird es nunöor, sondern indem man über ihn Witze macht und ihn mit viele Zusammenstöße geben auf der Plattform, die durch dielt, feiner Pointe als schmutzigen Gewohnheitsgauner hinstellt. Devise bezeichnet wird: Die Assimilation muß verschwinden! - äBetöj ein hoher Berg, von dem die westliche Ethik und In dieser Forderung find sehr viele Juden des Westens tzAesthetik auf den polnischen Juden herabschaut. Nicht nur bereits einig. Kein schöneres Ziel, kein heißerer Wunsch auch'Adie christliche. In einer jüdischen Zeitung hat es ein Justlzfür uns, als daß jeder Jude vom Wirbel bis zur Zehe vom Trat Meyer vor Monaten vertreten, daß er nichts mit den Stolze seines Judentums erfüllt sei, daß alles sinnlose, zweck-Kostlichen Juden zu tun habe und zu tun haben wolle, dre lose, würdelose Gnadentum irgend einer Partei gegen uns KGrenze Deutschlands gegen Posen, Russisch - Polen und für immer zu Ende wäre. Dafür sind wir stets eingetretenKGalizien sei die Grenze zwischen einer Ober- und einer Unter- und dürfen unbescheiden sagen, daß wir das Interesse anUwelt der Moral. Man hat gegen Meyer, gegen den Kurdirektor, der jüdischen Kolonialbewegung und jeder Art von jüdischenMgegen die Blätter und Witzblätter polemisiert, aber seien Fragen verbreitert haben. Uns erscheint es jedoch zweifelhaft, ob^ Politik und Gesinnung der Juden zusammenstimmen oder zusammeustoßen werden. Ueber diese Klippe hilft nur Ver stäudigung und Aussprache hinüber. Diese Schwierigkeiten^ werden bleiben, solange die nationale Autonomie nicht durch geführt fein wird — ein fernes Zukunftsbild. Schroffheit und bedingungsloser Kampf würden gewiß nur erbitterte! Gruppen erzeugen, ein Verhängnis im Zeitalter der christlich-, sozialen Macht und eine unnötige Provokation der Judenheit, die ihrer inneren Kämpfe herzlich müde ist. Eine Remi niszenz an die Zeit des verworrenen Wahlkampfes soll her vorgeholt werden. Damals haben wir geschlossenes Vor-! gehen aller anti-assimilatorischen Judengruppen verlangt und sicher wäre der Jüdische Klub auf diesem Weg stärker geworden. Die Wahl ist vorbei, aber nicht die Idee. Als Lueger die christlichen Freisinnigen fast aufgerieben hatte,! beschleunigte er das Ende spielend durch Verhandlungen.! Geduldiges Wohlwollen, Belehrung und Arbeit unter dem! einzig maßgebenden Grundsatz, daß jeder Jude ein Bruder von uns ist, wird den jüdischen Abgeordneten, die doch auch politische Führer des bürgerlichen Lebens sind, eine Armee! schaffen, deren Zahl die Zahl der österreichischen Juden ist.x Ganz ihnen überlassen muß es bleiben, ob es möglich ist, was in der heutigen Nummer ein Freund des Blattes,! gewiß im Namen vieler anregt, nämlich eine Verständigung mit jüdischen Abgeordneten anderer Parteien zur stärkeren Wirksamkeit in jüdischen Fragen. Also ein jüdischer Verband^ neben einem jüdischen Klub. Wünschenswert wäre es jeden falls, doch läßt sich per Distanz nichts auf seine Möglich-! feit begutachten. Eine große Macht besitzen unsere nationalen Abgeordneten, nicht nur unter den Juden, sondern auch bei knappen Entscheidungen des Parlaments für den ganzen Staat. Für letztere sind sie sich selbst und ihrem Gewissen überlassen. Für ihre Tätigkeit als Juden ist der fast einstimmige Wunsch, daß es eine Zeit des Kampfes gegen unsere Feinde, eine Zeit des Friedens für die Juden sei. Keine faule Kompromißpolitik soll getrieben werden,! aber bis an die äußerste Grenze der Geduld und Selbstlosigkeit müssen verantwortliche Führer dem Freunde gegenüber gehen. Möge ihnen daraus glänzender Erfolg erstehen, wir ehrlich und stellen wir fest, daß die Verächter der galizischen Juden einen riesigen Anhang hatten. Mit einer Tat, die historische Größe besitzt, haben nun die verachteten galizischen Juden dem christlichen und jüdischen Westen sein freches Vorurteil ins Gesicht geschleudert. -Sie habem gegen die galizischen Machthaber, " haben gegen die Schlachzizen gewählt. Das ist die kurze Konstatierung einer Tatsache, aber hundert unerhörte, unerwartete, ^unglaubliche Tatsachen sind darin eingeschlossen. Die galizisscheu Juden sind Söhne der Feigheit, sagt der Westen: Die galizischen Juden haben in Wahrheit den grausamen, ^rücksichtslosen, rachgierigen Schlachzizen Stand gehalten, sie haben die Drohungen und „Maßnahmen" der Bezirkshauptleute mit der verachtenden Ruhe von Männern entgegengenommeu, sie haben dem Aufgebote von Gendarmen und Soldaten getrotzt, trotzdem in Galizien die Flinten gar leicht losgehen, wenn ein Schlachzizeuführer in Wut gerät. Diese armen Parias, über die sich der letzte Polizist eine Herrschergewalt anmaßt, ließen sich von den Bedienten der Schlachzizen ihre Rechte weder in Güte noch durch Gewalt entreißen. Feig sind diese Juden? Vielleicht ist es unwahr, daß sie so gute Soldaten sind, wie irgendwelche andere; vielleicht ist es unwahr, daß ihre Jungmannschaft auf den Kampfplätzen der ^Kraft jeder anderen gewachsen ist. Sicher aber ist es, daß *mcht derjenige die größere Tapferkeit besitzt, der die geballte Faust auf den Gegner niedersausen ließ, sondern der Mann, der ohne Rücksicht auf die eigene Existenz und die Existenz seiner Familie sein Recht vertritt, mag dann kommen, was has Schicksal und der Bezirkshauptmann will. Nicht bloß schön, nicht bloß recht, es ist herrlich und imposant, daß die galizischen Juden trotz ihrer wirtschaftlichen Ohnmacht und körperlichen Kraftlosigkeit für das Ideal eingetreten sind, daß sie sich für die persönliche Freiheit auflehnten gegen die ^übermächtigen Herren. Man soll historisch Großes mit den Ereignissen unserer Tage nicht vergleichen; aber es darf gesagt werden, daß in diesen galizischen unterernährten Talmudgestalten etwas von dem Geiste ihrer Vorfahren lebt, die Leben und Vermögen gerne Hingaben, nicht aber Glauben und Ueberzeugung. Sie sind auf jeden Vorteil erpicht, sagt der Westen; was sie mögen ihre Hände den Grundstein einer neuen Aera legen. L sind und was sie haben, hat einen Kaufpreis. Diese Lüge wurde Wir begrüßen sie und wünschen ihnen Glück, weil wir es^ jetzt mit Schmach gebrandmarkt. Nicht den Kandidaten hat eine für das Glück der Inden halten. — y. Stimme etwas gekostet, wohl aber den Wähler. Die unter