Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-06-21 · 25 (21.6.1907) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
25 (21.6.1907)
Date
1907-06-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021710-3021736--16462-3041284
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Ur. 25 Dr■ Jahrgang XXIT Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. Wien, 21. Juni 1907. Lrscbeint jeden Freitag. Brief-Adresse: Halfen, IX/S, Lerggasse 39. Telegramm-Adresse: Vloüd's MocbenscbrM» Hdten. Inhalt: Leitartikel: Die jüdische Fraktion. — Moschko, der Held. - Der Traum in der jüdischen Literatur. — Jahrmarkt des Lebens: Ein jüdischer Klub. Die politische Gleichstellung der Juden in Galizien. Von russischen Grenzsoldaten ermordet. Aus der territorialistischen Bewegung. Juden in der Wüste Sahara. Ein ungedruckter Brief Pestalozzis. Ueber die älteste Palästinakarte. — Korrespondenzen: Die Generalversammlung der „Israelitischen Allianz zu Wien". Spenden für die Kultusgemeinde. Tempelspenden. Prag. Die Predigerfrage der Preßburrer orthodoxen Judengememde. Berlin. Generalversammlung des Verbandes für Statistik der Juden. Breslauer Ferienkurse in Religionswissenschaften für jüdische Lehrer. Professor Ludwig Traube. Die Juden in Amerika. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zc. Kaiserlicher Rat Ignaz Wilhelm. Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Goldene Hochzeit. Wien. Marienbad. Karlstadt. Frankfurt a. M. Die Stellung der Juden in Italien. — Feuilleton: Chajim auf der Jeschibah. — Neue Biicher — Briefkasten. — Inserate. W---» SrMgsprris für Vrflrrrrirh: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ansland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Pelitzetle 24 Heller. »- -. » »-« B. ft. Postsparftassrn-Arnt C l e a r t n g - ID e r ft e b r Nr. 810.976. Nrdsklion und Administration: Wien IX/1, Werggasse Nr. 39. Telefon Nr. 14.847. Ä-* Die jüdische Fraktion Premiere im Parlament. Die Vorhänge schlagen rauschend auseinander, die Haupt- und Staatsaktion beginnt. Feierliche Stimmung,, feierliche Minister, feierliche Erklärungen. Selbst diejenigen, welche in den großen Ereignissen der Menschheit noch eine große Komik finden, haben Mühe, einen ergreifenden Eindruck abzuwehren. Das Volk hat seine Löwenpranke auf das Steuer des Staates gelegt. Nicht mit ganzer Kraft. Die Pranke hat Muskeln, die gegeneinander spielen. Nichtsdestoweniger ist die Hoffnung stark; und die Parlamentseröffnung war nicht wie sonst ein interessantes, gesellschaftliches Fest für die Wiener, sondern ein politisches Ereignis, dem freudig alle Oesterreicher im Geiste als Gäste beiwohnten. Zum ersteumale auch die Juden, die bis jetzt nicht gerade glaubten, daß ihre Erlösung den Franzensring herunter kommen werde. Stumpf durch Gewöhnung, erwarteten sie bisher nichts anderes, als dieBeschlüsse antisemitischer Volksretter, deren Weisheit beim Heurigen anfängt und bei den Juden endet ohne daß sie auf diesem Wege auf sonderliche Hindernisse stößt. Denn die Juden hatten im Reichsrat meist nur Subvertreter, Leute, die zum Kampf für irgend ein Programm auszogen und einen kleinen Abschnitt, ihrer Wahl- und Parlamentsreden auch den Juden widmeten, ihrem eigenen verleugneten Ich. Das ist nun anders, das ist besser geworden. Die Juden haben getan, was in diesen Blättern so oft verlangt wurde, sie haben nun Vertreter der Judenheit ohne Nebenrücksichten, ohne Nebengedanken, ohne Nebenziel. Sie sind stolz auf diese ihre Vertretung und können es sein. Die zionistischen Abgeordneten werden in der Wiener Presse auffallend oft genannt, und das ist natürlich. Man war ganz einfach durch ihr Auftreten und ihr Benehmen verblüfft. Nach all den Witzeleien und Argumenten der Freisinnigen, welche durch eine wenig wohlriechende Blume zu verstehen gaben, man müsse sich gegen die Zionisten mit allen Mitteln wehren, weil man sonst Gefahr laufe, halbasiatische Kaftanjuden ins Parlament zu bekommen, war man besonders überrascht, zu sehen, daß eigentlich, viele freisinnige Juden den zionistischen Abgeordneten gegenüber nussehen wie Ghettomenschen. So will es die Ironie des Schicksals. Der aus Wahrheit. Gerechtigkeit und Vernunft entsprungene Wille des jüdischen Volkes, der sich durch Barrikaden und schwerer noch durch schmutzige Schlammfluten seinen Weg bahnte, hat nicht nur einen Sieg zur Folge gehabt, sondern einen Triumph, der die ganze Oeffentlichkeit mitreißt. Publizistische Flachmeier, die gestern mit dem abgestandenen Witz von vorgestern die jüdische Nationalbeweguug abtun zu können glaubten, machen jetzt vor dem Erfolg sehr viele und ernste Verbeugungen, und Blätter, die ehedem das Maß ihrer Kritik vom Kikeriki bezogen, welche durchaus den Zionisten mit Gewalt die Märke dwinnersten Leopoldstadt, des innersten Galizien aufdrücken wollten — kein schlechter Stempel in unseren Augen — satteln um auf Achtung und Anerkennung. Sie müssen auch jedem gefallen, die Mitglieder des jüdischen Klubs, der sich unter des bewährten Straucher Führung in engem Anschluß an die zionistische Partei konstituiert hat. Er selbst, Benno Strauch-r, der alte Kämpe mit der schmetternden Stimme, der io oft, unbewegt durch antisemitische und pseudo-freisinnige Bemerkungen, das große Streben und Ringen des lebendigen jüdischen Volkes dem Parlamente und den Delegationen schilderte; Gustav Mahler, der vornehme und gelehrte Redner, der als Lehrer an einer deutschen Schule seine leidenden Brüder nicht verlassen hat; dann der kluge und liebenswürdige Dr. Gabel und Adolf Stand, dessen fulminantes Rednertalent bestimmt im Parlamente Aufsehen machen wird. In ihnen haben sich Elitevertreter der Judenheit zusammengefunden, die den ganzen Mut und Edelmut des Volkes, das sie gewählt hat, verkörpern. Aeußerlich und innerlich. Wir veröffentlichen an anderer Stelle das Programm des jüdischen Klubs, das ebensolche Verblüffung erregt hat wie seine Mitglieder. Da ist kein Gesäusel von Staatsgruudgesetzen, keine Bitte, keine ergebenst gefertigte Erwartung darin. Und vor allem kein Wort von jenem jüdischen Klerikalismus, den die Freisinnigen den westlichen Juden als ärgsten zionistischen Teufel an die Wände aller Versammlungslokale malten. Sondern diese Freisinnigen mit ihrer humoristischen deutschnational-antislavischen Beschränktheit können sich verstecken vor dem jüdisch-nationalen Programm mit seinem modernen Weltbürgertum und Staatsbürgertum, mit seinen Forderungen, die gegen niemanden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.