Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 24 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 400 Nr. Wwcv's Mlocvenscvrm. Nr. 24 St. Petersburg. Ein Zrveigverein der „Jto" ist hier in Gründung begriffen, zu welchem Zwecke die vorbereitenden Versammlungen bereits abgehalten wurden. Die nötigen Schritte wurden bereits veranlaßt, um die rascheste Legalisierung durchzusetzen. D e r b e n t. Hier konstituierte sich ein Zweigverein der „Jüdisch-Territorialistischen Organisation", der die Absicht hat, seine Tätigkeit auf die ganze Provinz D a g h e st a n zu erstrecken. Krivoy Rog. Dem Beispiel von Elisabetgrad folgend, haben sich die hiesigen Territorialisten als „Jto"-Emigrationsverein legalisieren laffen. Warschau. Wie uns berichtet wird, hat die „Jüdisch-Territorialistische Arbeiterpartei Rußlands" ein Jargon-Blatt, betitelt „Das Wort", geschaffen. Die erste Nummer erscheint am 12. Juni. Herr Alexander Marks hat im Auftrag der Londoner Organisation die Regierung von West-Australien ersucht, ihm ein Territoriuur im südlichen Teile West-Australiens im Umfang von einer Million Acres auf anderthalb Jahre zu geben, zur Gründung einer jüdischen Kolonie. Aus einem letzter Tage publizierten Preßinterview dürften folgende Notizen auch den deutschen Leserkreis intereffieren: Zunächst erwähnt Marks eines Schreibens des Präsidenten der Londoner Organisation, Isaak Zangwill, in dem es heißt: „Wenn wir in Australien etwas tun, so muß die Arbeit in großem Maßstabe und unter günstigen politischen Bedingungen erfolgen. Unsere Aufgabe ist durchaus nicht beschränkt, für eine Anzahl russischer Emigranten zu sorgen, denn diese könnten ebenso gut, wenn nicht besser, im Westgebiet der Vereinigten Staaten angesiedelt werden. Für uns besteht das Hauptproblem vielmehr darin, die Basis für ein zukünftiges jüdisches Territorium zu finden, das dazu, bestimmt ist, sich allmählich zu einer ftiedlichen und gesicherten Heimat für Millionen Angehöriger unserer Raffe zu gestalten." Nach Marks' Versicherung wird man bei der Auswahl der Emigranten mit größter Vorsicht Vorgehen. Er weist auf das Faktum hin, daß seine Organisation im vorigen Jahre nicht weniger als 150.000 Juden nach den südlichen Staaten Amerikas hinausgeschickt habe und daß deren Niederlassung ohne große Schwierigkeiten gelungen wäre. Die Leute hätten sich aus Landbebauern, Viehzüchtern und Handwerkern zusammengesetzt, Berufsklassen, die auch für die Bevölkerung des westaustralischen Territoriums in erster Linie berücksichtigt werden würden. Der Hilfsverein der Deutschen Juden stellt uns die nachstehenden Informationen zur Verfügung: New-Iork und die anderen großen nordatlantischen Hafen- . städte der Vereinigten Staaten, dieses freiheitlichen Landes, das den unglücklichen jüdischen Flüchtlingen aus Ost-Europa eine Zufluchtsstätte bietet, sind mit jüdischen Massen bereits überfüllt. So entstand für die jüdischen Philanthropen aller Länder im Interesse sowohl der in diesen amerikanischen Zentren lebenden Einwohner, wie der Zuwandernden selbst die zwingende Notwendigkeit, darauf hinzuwirken, den Strom der Auswanderung von diesen Zielen abzulenken. Durch die Konzentration großer Massen in wenigen Städten find die Arbeitsbedingungen für die dort Lebenden naturgemäß bereits höchst ungünstig und jeder neue Einwanderer trägt zur Verschlechterung dieser Arbeitsbedingungen noch bei und findet es immer schwerer, unter diesen Verhältnissen festen Fuß zu fassen. Um dieser nicht ungefährlichen Entwicklung Einhalt zu tun und um allmälig eine allgemeine Besserung der Lage der Auswanderer herbeizuführen, wird auf Anregung von Jakob H. Schiff in New-Iork durch die Industrial Reneval Office daselbst jetzt der Versuch gemacht, eine Ablenkung der Auswanderung aus dem östlichen Europa nach den südlichen Häfen der Vereinigten Staaten herbeizuführen. Als Landungshafen, von wo ausder Strom der Einwanderung weiter in das Innere gelenkt werden soll, ist Galveston gewählt worden. Daselbst ist eine Organisation geschaffen, die die Ankommenden .n Empfang nimmt und nach Plätzen im Hinterlande weiterführt, wo für sie bereits im voraus Arbeitsgelegenheit vermittelt wurde. Mit der Durchführung dieses Planes. einer Ablenkung der Auswanderung von den bisherigen Wegen in Europa ist bekanntlich ein Komitee in London betraut worden, an dessen Spitze Herr Israel Zangwill von der „Jto" steht. Dem Komitee gehören unter Anderen an: Leopold de Rothschild, Lucien Wolf und die beiden Vorsitzenden des Hilfsvereines der Deutschen Juden, Herr James Simon und Dr. Paul Nathan. Für die Arbeit in Deutschland ist alsdann noch ein besonderes Komitee eingesetzt worden, dem außer Herrn James Simon und Dr. Nathan Herr Dr. A. Klee angehört. Nachdem die nötigen Vorbereitungen getroffen waren, ist bereits im vorigen Monat ein Dampfer mit einigen wenigen russischen Auswanderern über Bremen nach Galveston abgegangen. Am 6. Juni konnte der erste größere Trupp von 54 Personen über Bremen nach Galveston expediert werden. Für diesen Dampfer war eine größere Zahl Galveston-Passagiere eingeschrieben worden, als tatsächlich abgefahren ist. Einige davon sind nicht zur rechten Zeit eingetroffen, andere sind mit einigen hundert anderen Auswanderern zusammen wegen eines vorher in einer anderen Auswanderungsgrupps vorgekommenen Scharlach- und Diphteritisfalles in Quarantäne zurückgehalten worden. Die Auswanderer-Schutz-Komitees des Hilfsvereines der Deutschen Juden an der Ostgrenze, besonders die Komitees in Ostrowo, Myslowitz, Thorn, ließen sich die Fürsorge für diese Auswanderer besonders angelegen sein und die Ueberführung auf das Schiff ist ohne störenden Zwischenfall erfolgt. Ihrem Berufe nach sind die Emigranten, die ihr Glück in der neuen Heimat suchen wollen, 35 Handwerker, 7 Fabriksarbeiter, 2 Kaufleute, 8 unbestimmt und 2 verheiratete Frauen. Die Emigranten stammen meist aus Shitomir, Odessa, Kiew, Warschau und Berditschew. Damit ist ein Unternehmen in die Wege geleitet, das voraussichtlich für die Gesamtheit der osteuropäischen Juden von großer Bedeutung sein wird und das gleichzeitig dazu führt, der Ueberfüllung einzelner großer Städte in den Vereinigten Staaten entgegenzuarbeiten. Es war nur durch die aufopfernde Tätigkeit der „Jto"- Komitees in Rußland unter Leitung des Herrn Dr. Jochelmann möglich, in verhältnismäßig kurzer Zeit diesen Auswanderertrupp, der aus kräftigen, jungen Leuten und nur zwei verheirateten Frauen besteht, zu organisieren. Herr Jacob H. Schiff hat kürzlich in einer Sitzung der amerikanischen B'nei Brith-Loge das Programm für diese Einwanderung auf neuem Wege in neue Gebiete aufgestellt. Er sagte u. A.: Wir sollten es nicht gestatten, daß unsere Glaubensgenossen nur fast ausschließlich in Städte längs der nordatlantischen Küste gehen. Wir müssen sie empfangen, wenn sie landen und ich glaube, daß wir unserem Lande keinen größeren Dienst erweisen können, als wenn wir den Strom der Einwanderung nach den Golsstädten, nach Atlanta und Galveston, lenken, wo man ihn braucht. Wir müssen nicht vergessen, daß wir dieses jungen Blutes, dieser jungen Leute, der Leute, die neue Aufgaben erfüllen werden, bedürfen, und so wollen wir ihnen die Hände reichen zum Besten unserer Gesamtheit. Wir wollen nicht nur gute Juden, sondern auch gute Amerikaner sein in Erinnerung daran, daß, als die Sonne für uns in der alten Welt unterging, sie glänzender und verheißungsvoller in der neuen für uns aufging. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat sich bereit erklärt, diesen groß angelegten Plan unserer amerikanischen Glaubensgenossen unter Führung des Londoner Komitees der „Jto" seinerseits mit allen Kräften zu unterstützen.