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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-06-14 · 24 (14.6.1907) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
24 (14.6.1907)
Date
1907-06-14
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 898 Dr. Llocb's MlocvenscdrLN. Nr. 24 Liese Wahlen aber müssen alle annulliert werden und ihresgleichen dürfen nicht wieder entstehen. (Stürmischer Beifall.) Ein hierauf von Dr. Kronawetter verlesenes Schreiben des Abgeordneten Pernerstorfer verspricht, im Parlament wenigstens einen moralischen Erfolg dieser Sache herbeizuführen. (Beifall.) Genosse Dr. Jarossewytsch der ruthenische sozialdemokratische Gegenkandidat des Vorredners, konstatiert, daß er jedes Wort des Dr. Birnbaum als unleugbare Tats iche bestätigen müsse. Wenn die Oeffentlichkeit diese Tatsachen zur Kenntnis nimmt, wird es vielleicht Oesterreich doch unerträglich finden, daß ein Land allein außerhalb des Gesetzes bleibe. Die Energie der volksfrenndlichen Parteien aller drei Nationen habe es möglich gemacht, daß man in Galizien überhaupt oppofitionell kandidieren kann. Er begrüße das Auftreten der neuen jüdischen Partei, die auch das Judentum aus den Klauen der Schlachta befteien werde und echisch jene Kreise hebt, in die die Sozialdemokratie nicht Eingang fand. Es geschehen Wunder in Galizien: das größte Wunder ist. daß die Wahlkommission nie erschlagen wurde. Stundenlang drängen fich die Wähler vor dem Wahllokal, da ordnet der Wahlkommissär gesetzwidrig eine Pause an und bittet die Wähler — das Lokal zu verlassen. Irrwischen werden die „Verläßlichen" eingelassen. Das geschieht aber nicht einmal, sondern dreimal. (Stürmische Entrüstung.) Ist es nicht ein Wunder, daß diese Massen nicht revolutioniert wurden und daß kein Unglück geschah? Sie haben eine wunderbare politische Reife erwiesen. (Stürmischer Beifall.) Diese Bevölkerung glaubt, daß das Parlament diese Zustände als gefährlich für das ganze Reich erkennen wird. Das Parlament steht vor der Frage: Will es das dulden? Wenn das Parlament nicht versteht, daß es fich um eine Lebensfrage handelt, so wird das politisch reife Volk in Galizien auch seine Wege finden. Das Parlament muß uns die Möglichkeit schaffen, daß rüüich verdiente Stimmen wirklich auch in die Urne kommen. Das allein wäre genug, daß in Galizien die Verhältnisse anders, daß die Wahlen kein Unglück sind. Die Sozialdemokraten im Parlament werden vielleicht auch für Galizien dieses Wunder schaffen. (Stürmischer Beifall.) Abgeordneter Dr. Ofner: Galizien war feit jeher die große Last, die wir tragen mußten, nicht durch sein tüchtiges Volk, sondern durch die Adelsherrschaft. Langsam muß dort die europäische Kultur eindringen; das gleiche Wahlrecht war dazu der erste Schritt, denn es hat eine ganze Reihe von Männern ins Parlament geschickt, die das Treiben der Stanczyken ins rechte Licht stellen werden. Aber das Volk — Polen sowohl wie Ruthenen und Juden — erkennt seine Kraft und wird sich helfen. Gegen die Gerechtigkeit des Parlaments, wenn es die Wahlen prüft, bin ich mißtrauisch. Wir verlangten einen Wahlgerichtshof — vergebens. Im alten Parlament kamen gleichfalls die Wahlbeschwerden kaum in den Ausschuß. Wir werden alle Kräfte aufwenden, das zu ändern. Ob aber dann die Untersuchungen das rechte Resultat ergeben werden — das weiß ich nicht. Denn man kann dem Parlament auch gefälschte Protokolle vorlegen und die Wahrheit versinken lassen. Nachdem noch mehrere Redner gesprochen hatten, wurde unter stürmischen Kundgebungen folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die ruthenisch-jüdische Protestversammlung spricht über die unerhörten Wahlftevel in Galizien ihre tieffte Entrüstung aus. Sie appelliert an das Parlament, es möge jene galizischen Wahlen, die auf verbrecherische Weise zustande kamen, annullieren. Sie fordert die Regierung auf, die Schuldigen zu bestrafen und die erschütterte Regierungsautorität gegenüber den galizischen Behörden wiederherzustellen. Die Versammlung wendet sich an die gesamte Oeffentlichkeit ohne Unterschied der Partei und der Nation um moralische Unterstützung in dem bevorstehenden schweren Kampfe gegen die galizischen Wahlverbrecher." (Stürmischer Beifall.) Auf der Gasse kam es gleichfalls zu lauten Demonstrationen. „Borgeführt." (Ein Bild der galizischen Wahlpraktik.) Von Josef Falk, Beiz. I. „Den Herrn Josef Falk lasse ich mir vorführen; wenn er Widerstand leistet — arretieren Sie ihn." So lautete am 23. Mai der schriftliche Auftrag Seiner „Allmacht" des Regierungskommissärs Vladislaw S m o l e n in Belz. Ich leistete keinen Widerstand ... Ich ging. Vor mir schritten zwei Gendarmen und hinter mir zwei Polizisten, alle mit aufgepflanzten, blanken Bajonetten.' „Wage nicht davonzulaufen!" hieß es. In der Mitte dieser „Ehrenwache" schreitend, fragte ich mich selber: „Wozu sollte er, um dich, den sonst so ruhigen und stillen Menschen, zu holen, just zwei Gendarmen und zwei Polizisten ausschicken? Würdest du denn nicht selbst auch mit einem einzigen Polizisten gehen . . . Tat es der noble Herr Kommissär, um die ohnehin schüchternen, jüdischen Bürger noch mehr einzuschüchtern? Oder . .. oder hält er dich deinen armen, versklavten Brüdern gegenüber, die vor jedem halben „Puritz" ihre Rücken krümmen und ihre Häupter bis zur Erde beugen, für einen Helden, für den man zwei Gendarmen und zwei Polizisten braucht?" Auf dem Wege begegneten mir meine Glaubensbrüder und ihre vorsichtigen mitleidsvollen Blicke fragten: „Warum führen dich diese Henkersknechte, treuer Bruder?" Ich wurde nicht „vor-" sondern eingeführt . . . Kaum hatte ich die Schwelle des Gefängniskämmerchens betreten, als mich mein Freund Josef Tolkes mit einem frohen Gruß empfing. Die Tür schlug zu und wurde abgesperrt. Nun fragte mich mein Freund mit ironischer Stimme: „Bist, auch ein politischer Verbrecher?" „O, ja!", antwortete ich in gleichem Tone. „Wie gefällt Dir unser Käfig? Ein Kämmerlein der Petersburger Schlüsselburg, nicht wahr?", fragte mein Freund weiter. Ohne zu antworten begann ich das Kämmerlein genau zu betrachten. Es war schmal und niedrig. Seine Decke und die Wände waren mit einem zusammenhängenden Stück dicken Spinngewebes überzogen. Von dem Strohsack, der auf der breiten, die Hälfte des Kämmerleins in Anspruch nehmenden Pritsche lag, flog das zerriebene Stroh im ganzen engen Raume umher, bedeckte uns ganz und fiel in unsere Augen, drang in Mund und Nasenlöcher. Hinter dem Ofen roch es besonders fürchterlich. Mein Freund bat den Polizisten durch das Schlüsselloch, er möchte, da der Staub und die Hitze hier unerträglich wären, das Fensterchen öffnen; darauf antwortete dieser, dazu habe er keine Erlaubnis! Und so stand ich die ganze Zeit — 6 Stunden — in Gedanken versunken, denn es ekelte mich, mich auf die Pritsche zu setzen, auf welcher Ungeziefer in Masse wimmelte. „Ach", sagte ich zu meinem Freunde, „wenn man nur in dieses schmutzige Loch einen Physikus schicken würde, der es anschauen und sagen möchte, ob man hier einen Menschen auch nur fünf Minuten einsperren dürfe!" Ich muß hier bemerken, daß ich damit nicht etwa einen galizischen Phyfikus meinte. Nein, ein solcher würde gewiß sagen, daß hier alles gut, ja in der besten Ordnung sei. Ordnung sucht er nur in oppositionellen Versammlungen; er sorgt dafür, daß dort kein „Gedränge" sei, denn das sei für die Gesundheit der Menschen sehr schädlich. Aber, Arreste, was gehen ihn denn diese an? Wen, unter uns gesagt, sperrt man denn in Arreste ein? Nur Mörder, Diebe, Trunkenbolde und — oppositionelle Agitatoren! Um 6 Uhr nach Beendigung des Skrutiniums öffnete der Polizist die Tür unseres Kämmerleins mit den höhnenden

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