Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 24 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 84 Dr. Blortz's Wochenfttzrist. Sette 395 Es fanden sich zwar hervorragende Mitglieder der Oktobristenpartei, welche auf dem Kongresse für die Gleichberechtigung der Juden eintraten. Arkadij Stolypin, Vobrischtschew- Puschkin, Solowjew, Grigorjew und Schmidt hielten überzeugende Reden für die Gleichberechtigung der Juden. Stolypin schilderte in herzzerreißenden Farben die schreckliche Lage der Juden im Niederlassungsgebiete, ihre Hungersnot und ihre verzweifelte Stimmung und erklärte die Gleichberechtigung der Juden als eine unaufschiebbare Notwendigkeit. Bobrischtschew-Puschkin erklärte in einer sehr wirksamen Rede, daß die Partei verschwinden müßte, wollte sie nicht für die Gleichberechtigung der Juden eintreten. Eine großartige Rede zu Gunsten der Juden hielt Professor Grigorjew. Er sagte: „Zwischen den Juden und ihren Mitmenschen gibt es nur einen Unterschied: die Religion. Wäre es möglich, daß eine Gruppe von Bürgern ihrer Religion wegen der bürgerlichen Freiheit beraubt werde?" Delegierter Schmidt fordert ebenfalls die sofortige Aufhebung der Gesetze, welche mit Hilfe der Polizei sechs Millionen Juden in Sklaven verwandeln. Doch alle diese ehrlichen Reden bestimmten den Kongreß nicht, offen Farbe zu bekennen und für die Gleichberechtigung der Juden zu votieren. Es wurde eine Resolution angenommen, welche der Unaufrichtigkeit und dem Zaudern der bisherigen Versuche der Regierung auf dem Gebiete der Lösung der Judenfrage vollkommen entspricht. Gutschkows Standpunkt, daß die „Sklaverei der Juden nur allmälig beseitigt werden müsse, in einer Arbeit von vielen Jahren, nicht mit einem Schlage", wurde vom Kongresse akzeptiert, denn die von ihm gefaßte Resolution lautet: „Für alle russischen Bürger ohne Unterschied der Nationalität und der Konfession die Gleichberechtigung vor dem Gesetze anerkennend, hält es der Kongreß des Verbandes vom 17. Oktober infolge der wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen unseres Vaterlandes nicht für möglich, die Judenfrage sofort und unbedingt zu entscheiden. Gleichzeitig anerkennend, daß die herrschende, russische Judengesetzgebung der Sonderstellung der Juden Vorschub leistet, die Verschmelzung und den Ausgleich derselben mit dem russischen Volkstum verhindert, was auf die Interessen des russischen Staates schädlich zurückwirkt, hält es der Kongreß für notwendig, die Durchsicht dieser Gesetzgebung in ihrem ganzen Umfange auf die Tagesordnung zu setzen." Die Oktobristenpartei, in deren Programm die Gleichberechtigung aller Nationen steht, hat, wie man sieht, in der Judenfrage einen perfiden Ausgang gefunden. Die Emanzipation der Juden verwerfen konnte sie nicht, weil das programmwidrig wäre, dafür aber hat sie diese Gleichberechtigung in eine Form gekleidet, welche der bisherigen Praxis der russischen Regierung in dieser Frage völlig entspricht: die Verschleppung der Lösung der Judenfrage auf Jahrzehnte hinaus. Wird auch die Regierung Stolypin's dem Beispiele des Oktobristenkongreffes folgen, dann kann man sich leicht vorstellen, welcher Art die jüdische Gleichberechtigung sein wird. . . . Korrespondenzen. Aus der öffentlichen Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 9. Juni 1907 unter dem Borsitze des Präsidenten Herrn Dr. Alsred Stern. Beginn 10 Uhr vormittags. Vor Eingang in die Tagesordnung bringt der Vorsitzende unter lebhafter Zustimmung der Versammlung dem Vertreter, Herrn Dr. Rappaport, anläßlich der vor kurzem erfolgten Ernennung zum k. k. Hofrat wiederholt seine persönlichen Glückwünsche und die Glückwünsche des Vorstandes zum Ausdrucke. Hofrat Rappaport dankt hiefür und erklärt, nach wie vor seine Kräfte den Interessen der Gemeinde widmen zu wollen. Der Präsident bringt den Finauzrapport für die Zeit vom 1. Jänner bis 31. Mai 1907 zur Kenntnis. Aus demselben geht hervor, daß die Einnahmen aus Kultussteuern und Jmmatrikulationsgebühren, Beerdigungen, lleberführungs- und Friedhofstaxen, sowie Betfitzen gegenüber der gleichen Periode des Vorjahres ein Plus aufweisen, während die Einnahmen an Trauungstaxen (K 19.016) um zirka K 10.000.— d. i. um mehr als ein Drittel gegenüber der gleichen Periode des Vorjahres zurückgeblieben find. Es sei dies nicht etwa zurückzuführen auf eine geringere Anzahl von Trauungen, sondern auf eine diesbezügliche erhöhte Tätigkeit der Bethausvereine. Im Einlaufe befinden sich: Ein Dankschreiben der Kultusgemeinde Czernowitz für die Teilnahme des Kultusvorstandes anläßlich des Ablebens des ehemaligen Bürgermeisters, Regierungsrates Eduard Reiß. Eine Zuschrift des Vorstandsmitgliedes kais. Rat Weil, mit einer Anregung, das bevorstehende 60jährige Regierungs- Jubiläum Sr. Majestät des Kaisers durch einen solennen Wohltätigkeitsakt zu begehen. Der Präsident bemerkt, daß eine derartige Anregung, welche den Intentionen des Gesamtvorstandes zweifellos entsprechen dürfte, betreffs der Art der Durchführung dem Vertreter-Kollegium zur Vorberatung und möglichst baldigen Berichterstattung zugewiesen werden müsse. Im Sinne der von der Statthalterei genehmigten prinzipiellen Grundsätze für die Einverleibung der ehemaligen Kultusgemeinde Floridsdorf zur Kultusgemeinde Wien wird der Bezirkskommiffion für den XXI. Bezirk bis auf weiteres auch die Verwaltung des dortselbst befindlichen Bethauses übertragen. Gleichzeitig wird beschlossen, in die Verwaltung des Bethauses auch das Vorstandsmitglied Herrn Emanuel Grünwald und Herrn Adolf Wodak zu delegieren. In die zur Beratung prinzipieller und einzelner laufender Angelegenheiten des Wohltätigkeitswesens der Kultusgemeinde eingesetzte Kommission werden die Herren Dr. Alfted Berger, Prof. Dr. S. Ehrmann, Max Frank, Baurat Th. Ritter von Goldschmidt, kais. Rat Sigmund Kauders, Bernh. von Pollack, Adolf Schrämet, kais. Rat Leopold Sachs und Dr. Maximilian Steiner gewählt. Bei der nach Schluß der Plenarsitzung stattgehabten Konstituierung wurde Herr Dr. Maximilian Steiner zum Obmann, Herr Bernh. Pollack Edler von Parnau zum Obmann- Stellvertreter dieser Kommission gewählt. Als Beitrag zu den Sammlungen der Israel. Allianz zur Unterstützung der rumänischen Juden wird ein Betrag von K 2000 votiert. Zum Vertrauensmanne der Kultusgemeinde bezw. zum Mitgliede der Bezirkskommiffion XII—XV wird Herr Max Zirner berufen. Rabbiner-Angelegenheit Brigittenau. Auf Grund der zwischen dem Präsidium der Kultusgemeinde und den Tempelvereinen, III., Untere Viaduktgaffe 13 und XX., Kluckygaffe gepflogenen Besprechungen wurde hinsichtlich der Versetzung der rabbinischen Funktionen im Vereinstempel, XX., Kluckygaffe, eine Vereinbarung nach der Richtung getroffen, daß Gemeinderabbiner Dr. Armin Abeles unter Verbleib in seiner Stellung als Rabbiner des Bethausvereines im III. Bezirk vorläufig für die Dauer eines Jahres auch die rabbinischen Funktionen im Vereinstempel, XX., Kluckygaffe, übernimmt. Rabbiner Dr. Abeles wird abwechselnd beim Freitag-Abend- und Samstag- Gottesdienst je eine Woche im Bethause III in der anderen Woche im Bethause XX anwesend sein, desgleichen wird seine Anwesenheit an den Feiertagen und bei besonderen gottesdienstlichen Funktionen durch einen Turnus geregelt werden. Trauungen werden in beiden Vereinsbethäusern stattfinden, ebenso Aufgebote und zwar in jenem Bethaus, in welchem die Trauung vorgenommen werden soll. Für jene Tage, an welchen Dr. Abeles in einem der beiden Bethäuser nicht fungiert, sollen zu rabbinischen Funktionen nicht staatlich-amtlichen Charakters honoris causa Rabbinats-Kandidaten, welche Hörer der Jsrael.- theolog. Lehranstalt in Wien find oder waren, herangezogen werden. Es werden sohin sämtliche diesbezüglichen Anträge des Vertreter-Kollegiums unverändert angenommen.