Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-06-07 · 23 (7.6.1907) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
23 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021710-3021734--16440-3041260
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 33 V>r. Blortz's WorrxensrtzrM» Seite 385 sehen, deren Tendenz darauf gerichtet ist, den Wert oder Unwert der Religionen zu beweisen, die religiösen Probleme, die unser Kulturleben bewegen und beschäftigen, in Romanform zu behandeln. Von solcher Tendenz ist auch „Die Eroberung von Jerusalem" getragen. *) Der Held unseres Romanes ist Elias I a m a i n, Archäolog und Orientalist von Beruf. Eine tiefe Sehnsucht erfaßt ihn, Jerusalem zu erobern. Aber nicht das Jerusalem der Hebräer oder das der Kreuzritter, sondern das Jerusalem seines Herzens, das „Zion seiner Phantasie", das Kanaan seiner Wünsche und Träume. Im Morgenlande, wo er den Morgen seines Lebens zu genießen hofft, findet Elias, den ein erlittener Unfall ins Hospital bringt, in der Diakonissin Cäcilie seine erste Liebe und Gefährtin. Cäcilie, mit allen Reizen einer blonden und blauäugigen Germanin ausgestattet, ist eine tiefreligiös veranlagte Natur. Ihre vornehmliche Aufgabe erblickt sie darin, ihren Gatten, dessen religiöses Gefühl von dem modernen und philosophischen Denken stark beeinflußt ist, der protestantischen Kirche „zu retten". Denn die Kirche allein, sagt sie, hat Daseinsberechtigung, alles Andere in der Natur und im Leben sind bloße Formen und nicht Reales und Dauerndes. Elias hingegen verwirft alle Dogmatik; das Mikroskop, durch das er die Welt und Dinge sieht, heißt: Natur, Liebe. „Um glücklich zu sein," raisonniert er, „braucht man weder Religion, noch Zivilisation. Kehret zurück zu Eurer natürlichen Unwissenheit, zur Sonne. Backet Euer Brot in der Sonne, schöpfet Euer Wasser aus Zisternen und schenket Eueren Gatten Kinder! Darin liegt das wahre Glück." Dieser stark ausgeprägte Gegensatz zu der Weltanschauung der Gatten führt eine Wandlung und Wendung in der Liebe herbei und macht die Tragik unaufhaltsam. Elias sucht seine Welt in der Wiffenschast. Die Ausgrabungen, die eine archäologische Gesellschaft leitet, sollen ihm das verlorene Familienglück ersetzen. Aber auch diese befreien und befriedigen nicht seine nach „Sichausleben" sehnende Seele. Elias erkennt die Krisis, der er entgegengeht, ist aber zu schwach, ihr zu entgehen. Es fehlt ihm der Wille zum Handeln. Er ist Fatalist und glaubt nicht an die Macht des Willens. Auch ist er kein Held, der die Dinge treibt und beherrscht; vielmehr wird er von den Dingen getrieben und beherrscht. Und darum ergreift uns sein Schicksal nicht. Er zog aus, um Jerusalem zu erobern, aber Jerusalem, die Stadt der ewigen Leiden, hat ihn erobert. Er spricht von Kultur mit jener Bitterkeit, die von einem idealistischen Glauben Zeugnis ablegt, der auf schmerzliche Weise verloren gegangen ist. Allein, wenn sein Schicksal uns auch nicht ergreift, unser Mitleid können wir ihm nicht versagen. Mit wahrhafter Teilnahme hören wir ihn das Fazit seines Lebens ziehen, das in folgenden Worten seinen kraftvollen Ausdruck findet: „Wissenschaft, Ruhm, idealer Wonnenrausch, welche Torheit! Und ich Narr habe zwölf Jahre meines Lebens bei diesen wurmstichigen Pergamenten vergeudet. Unter dem Ruß dieser Asche ist mein Haar ergraut, unter der Umarmung dieser toten Schätze mein Mark ausgedörrt. Bon meinem Leben habe ich nicht den geringsten Wert gehabt. Ach, könnte ich es noch einmal beginnen! Meine Kraft nützen!" Ein verhängnißvoller Irrtum des befreundeten Pastors, der Cäcilien statt Chinin Strychnin gibt, löst die ehelichen Bande. Der Tod hält Cäcilie in seinen kalten Armen! Elias aber ist trotz dieses persönlichen Eingreifens „der göttlichen Vorsehung" oder des „blinden Zufalls" von dem schweren Alp, der ihn zu erdrücken droht, nicht befreit. Viel- *) „La Conquete de Jerusalem.“ Von Myriam Harry. Deutsch von Alfred Peuker. Dresden. Verlag Meißner. mehr erkennt er jetzt die ganze Tragik seines Lebens und fühlt, daß er sein Leben nur geträumt, nicht gelebt habe. Der Fatalismus spricht auch hier seine beredte Sprache! Elias kann und will sich nicht von seinem Geschicke lossagen. Auch jetzt nicht, da die Gelegenheit günstig ist. Zwar reift in ihm der Gedanke, sich in das ewige Nichts, in das Nirwana zu flüchten. „Ob man bis zu Ende ausharrt", sagt er, „oder sich schon früher entfernt, ändert nichts an der Harmonie der Welten; warum sollte ich mich noch länger quälen!" Dieser blitzschnelle Gedanke verflüchtigt sich bald, und wie überall, so fehlt ihm auch hier die Kraft, zu handeln. So wandelt Elias Jamain die „via dolorosa" seines Lebens, einsam und verlaffen, bis der Auflösungsprozeß seines Daseins beendet ist. Was die Harry im vorliegenden Roman uns bietet, ist ein Meisterwerk der modernen Literatur. Die Sprache und die Glut der Schilderung find von überwältigendem Eindruck. Allerdings vollzieht. sich das Meiste auf Kosten des Willens. Der Wille wird hier aus den treibenden Kräften und Mächten der handelnden Personen vielfach ausgeschaltet. Mit wunderschönen Farbenlinien schildert sie uns zwei religiöse Weltanschauungen, die nebeneinander leben und sich erhalten wollen und keine der anderen weichen will noch kann. Dieser großzügig geschilderte Gegensatz gibt dem Roman eine stimmungsvolle Harmonie. Die Harry kennt Jerusalem aus eigener Erfahrung und darum find ihre Naturschilderungen und Gestalten treu nach dem Leben gehalten. Bon besonderer Treue und dichterischer Wärme find die sozialen Verhältniffe und Zustände der dortigen Juden geschildert. Nur ein großes dichterisches Gemüt und wahrhaft menschliches Empfinden vermag dem Elend folgende beredte Worte zu verleihen: „Durch welch ein Wunder kam dieses in alle Weltgegenden zerstreute Volk in dem zweitausendjährigen Gewände hieher zurück, um in einer toten Sprache, aber mit einer stets widerstehenden Leidenschaft nnd einer unerschütterlichen Ueberzeugung an dieser verfallenen Mauer zu klagen? Auf's Tiefste rührten ihn (Elias) die Gemeinsamkeit und die Glut des verbiffenen, fruchtlosen Schmerzes, und voller Bangen fragte er sich, worin wohl die Seelenstärke dieses unvergänglichen Israel, worin das Geheimnis seines seltsamen Schicksals bestehen mochte? Und da Elias' Herz zartfühlend und vereinsamt war, packte ihn das Mitleid mit dem Elend und dem erbärmlichen Leben, das die meisten Juden führten. Arm. verachtet, verhöhnt und gezwungen, heute von den Türken die Erlaubnis zu erkaufen, ihre Stirne gegen die Fließen drücken zu dürfenwelche ihre Vorväter einst mit den Füßen abgewetzt hatten, lebten sie fast nur von Almosen, eingepfercht zwischen Schutt-, Haufen, ohne Lust, ohne Licht, ohne Rasenfleck, ohne Waffer. .> Warum sollte dieses armselige Volk sich nicht über Judäas Felder und Gärten ausbreiten, um das Land zu ackern und zu. bebauen, wie es einst seine Ahnen getan? ... Er sprach vonseinen Plänen mit den Juden. A!Z er eines Tages besonders eindringlich sprach, antwortete ihm der alte Rabbi, dessen gerötete Augen unter seiner Pelzkappe wild zu rollen anfingen:, .Wir find nicht hergekommen, um zu leben, wir kommen hieher, um zu sterben." — — Myriam Harry's Werk ist die Schöpfung einer echten Dichterin. Literatur. Ein talirr irdisches Lexikon.*) Der gefeierte und größte Geschichtsschreiber des jüdischen Volkes, H. G r a e tz, hat in einem Vortrage, den er am 16. Juni 1887 in London für die englisch-jüdische, historische' *) “na bnn nnaö Clavis Talmudi sive encyclopedia rerum,, quae in utroque talmude tosifta, Mechilta Sifra, Sifre, talmüdi'u's;,; que, libris ocuerent, alphabetico ordine disposita. Auctore :?Rabbl^ Dr. Michael Gutmann. Csongrad. MCMVI. bzx tk ' ’

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.