Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-06-07 · 23 (7.6.1907) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
23 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021710-3021734--16439-3041259
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 384 De. Llocv's Mocdenscdrltt. Nr. 83 «Hier sind vierzig Fünfer", begann Rcb Mordechai, «der Rebbe soll eiet xeomim msnehet"^) sein und mir diese Umtauschen lassen; «die Zehner und Fünfziger", dabei zog er noch ein Paket dieser Geldnoten unter dem Hemd hervor, «sind hoch noch giltig." Der Rabbi verstand gleich, daß Reb Mordechai einem seiner Schüler aufgeseffen, und er beruhigte Reb Mordechai mit den Worten: «es ist wohl in den Zeitungen die Rede davon, aber es ist noch nicht sicher." Simchch Schwarz, der bei allen Verteilungen an Arme, die der Rebbe vornahm, chu darauf aufmerksam machte, daß Reb Mordechai vermögend, hatte nun seinen Zweck erreicht. Wenige Wochen später kam an den Rebbe ein Telegramm, er möge für Gitel bas Riwkoh^) aus dem zu seinem Rabbinatsbezirke gehörenden K. Tehillim sagen lassen. Reb Mordechai heulte und schluchzte, daß einen Stein hätte erbarmen können, er ging von dem Standpunkte aus, daß das zur Schau getragene Herzleid mit barer Münze bezahlt wird und er ließ seinem Tränenstrom freien Lauf. Nach dem Tehillimsagen hielt Reb Mordechai die Hand auf, und der Rebbe legte einen Betrag hinein, dieser schien aber Reb Mordechai's Erwartungen nicht Zu befriedigen und er sagte zum Rabbi: «Rebbeleben ein anderesmal werde ich mi jitten7 * 9 *) vor dem Tehillimsagen beten. Reb Mordechai hatte aber von der Zeit ab einen Haß auf Mmcheh Schwarz und sann auf Rache. Zu den sogenannten Chassidim des Rabbi — dieser Name wurde allen denen beigelegt, die im Lehrzimmer des Rabbi zum Morgen- und Abendgebet und zu Maariw bismanan19) erschienen — gehörte auch Jonah Stuffer,11) ein Hausierer, der oft monatelang vom Hause weg blieb und den seine Geschästswege bis ins Steiermärkische führten. Jonah hatte eine große zahlreiche Familie zu ernähren und sein Weib Fradl, auf den Namen Fradl Näscheriu hörend, verstand sich nicht auf die Hauswirtschaft und lebte, so lange sie Mittel hatte, in Saus und Braus; wenn ihr das Geld ausging, mußten ihre Kinder darben. Jonah schickte ihn von der Reise aus monatlich einen Betrag, doch sie verstand es nicht, damit zu wirtschaften und sie wurde, nachdem sie während der Abwesenheit ihres Mannes gar oft die Hausmiete nicht zahlte, delogiert. Jonah hatte deshalb die Gewohnheit angenommen, bei seiner Rückkehr aus der Fremde mit Pferd und Wagen auf dem Marktplatze anzuhalten. «Lcholsnm siechem“,12 *) tönte es ihm im Chorus entgegen, «siechem scholsnm,19) wü weuhe ich“,14 *) lautete die bereits stereotyp gewordene Antwort. Chajim erfteute sich Jonah's Gunst; der Junge war nach seinem Geschmacke, und wenn Jonah nicht auf Reisen war, verbrachte Chajim seine fteie Zeit bei ihm. Zwischen Jonah und Dringlich herrschte ein alter, erbitterter Haß; böse Zungen behaupteten, Dringlich hätte Gitel, Jonahs Gattin, als sie noch ledig war, eifrig den Hof gemacht, und weil ihm, nämlich Jonah und nicht Dringlich, das Glück zuteil wurde, die Braut heimzuführen, deshalb verfolgte er Dringlich mit seinem Haffe und begoß ihn mit seinem beißenden Spotte. Jonah verstand es auch, seinem jungen Freunde Chajim diesen Haß gegen Dringlich einzuprägen, wozu Dringlichs unfteundliches Wesen, der in jedem, der mit Jonah sprach, einen Feind erblickte, nicht wenig beitrug. Dringlich, ein kinderloser Mann, der einen Findling, einen bösen, wilden Rangen, an Kindesstatt angenommen, hing an diesem Knaben mit Leib und Seele, und wehe dem, der sich an Abraham, so hieß der Junge, herangewagt hätte. 7) tausendmal entschuldigen. 2).Gitel die Tochter der Rebekka. 9) Wenn die vorgefchriebene Anzahl der Kapitel aus dem Psalmbuche gebetet, werden noch 3 Verse und zwar V. 7 K. 14 und V. 39, 40 aus Kap. 37. gebetet. V. 7 K. 14 beginnt mit den Worten: «M jitten" (wörtlich übersetzt: „D gib doch") ,0) Das Abendgebet zur Zeit, wenn es bereits. Nacht ist. 11) Spaßmacher, korrupt, aus dem hebräischen schtufe. ") Friede mit Euch. 1?) Mit Euch Friede. ") wo wohne ich. Chajim war schwächlich und Abraham Dringlich, wenn auch ein Jahr jünger als Chajim, war größer und auch kräftiger. An einem Freitag Nachmittage stand Chajim im Tempelhofe und kaute mit Behagen an einem großen Apfel, den er sich bei Rochel Schnitzen ")kocherin gekauft; die Freunde und Kollegen waren noch mit der Vorbereitung für den Schabbos beschäftigt und außer Chajim war niemand im Tempelhofe anwesend. Da trat Abraham Dringlich auf ihn zu, entriß ihm den Apfel, gab ihm einen Schlag in's Gesicht, daß er von der Nase zu bluten anfing und lief davon. Dringlich senior, der Zeuge dieses Vorganges war, lachte über die Kraftprobe, die sein Ziehsohn abgelegt und wies Chajim unwirsch ab, als er die Bestrafung Abrahams von ihm verlangte. Das sollten Dringlich Vater und Sohn bitter bereuen. Chajims Kollegen hatten von dem Ueberfalle gehört und die Vergeltung an Abraham sollte nicht lange auf sich warten lassen. Am Samstag Nachmittag stolzierte Abraham Dringlich in der Regel in seinem Schabbosanzuge in den Straßen umher und er mußte, um in die Hauptgasse zu gelangen, durch den Tempelhof gehen. Chajim, Jochanan Spitz, Schlaume Katz hatten sich gleich nach dem Mittagessen auf die Lauer gelegt und als Abraham Dringlich, nichts Böses ahnend, den Tempelhof durchschritt, stürzten sie über ihn, prügelten ihn weidlich durch, zerrten ihn dann in eine Kotpfütze und schmutzbedeckt lief Abraham nach Hause; Abraham wagte es nie wieder, Chajim zu berühren. Schlimmer noch erging es Dringlich senior. Dringlich hatte fast allwöchentlich eine Jahrzeit; er verrichtete nämlich für Eltern, Großeltern, für Vettern und Muhmen von seiner und seiner Frau Verwandtschaft das Kadischgebet. Chajim war dieser Vorgang sehr auffallend, während den T... er Balebattim19) Dringlichs Gewohnheit nur zu bekannt war. Dringlich nannte eine Schindmähre sein eigen, diese führte ihn in die umliegenden Ortschaften. Eines Tages verendete diese, und was der Zufall wollte, Dringlich hielt am selben Tage eine Jahrzeit ab. Nun ging Chajim ein Licht auf. Dringlich hielt die zahlreichen Jahrzeitstage für seine liebgewordene Freunde ab, für die Schindmähren, die ihm im Laufe der Jahre umgestanden. Chajim teilte seinen Einfall seinem Freunde Jonah mit und so oft Dringlich eine Jahrzeit abhielt, hieß es: «für den Rappen, für den Braunen, für die Stute, für den Schimmel, für den Scheck" u. s. w. Jonah trug dafür Sorge, daß dieser Witz Dringlichs Ohr erreiche. Dringlich war wütend; Chajim aber hatte die Lacher auf seiner Seite und selbst der ftomme Rabbi ging mit Chajim ob der ausgesprochenen Blasphemie nicht nllzustrenge in's Gericht. Die Stundeneinteilung auf der T... er Jeschibah war strenge geregelt, der Rabbi wachte mit eiserner Strenge über die genaue Einhaltung derselben, und sowohl Rabbi als Jünger trieben das Talmudstudium mit unermüdlichem Fleiße. Trotz des ewigen Einerlei war auch für Abwechslung gesorgt, so daß die Bachurim nicht kopfhängerisch und sauertöpfisch werden konnten. Zunächst waren es im Winter die Freitagabende und im Sommer die Sabbatnachmittage, an welchen die Geselligkeit gepflegt wurde. Man kam beim Rabbi oder in einem anderen Hause zusammen, oder machte gemeinsame Spaziergänge und verbrachte in munterem Geplauder vergnügte Stunden. _ (Fortsetzung folgt.) Me Eroberung oon Jerusalem.*) Von Dr. Heiß-Slfsek. «Kraft und Güte der Religionen," sagt Anatole France, „bestehen darin, den Menschen über seine Daseinsberechtigung wie über seine letzten Zwecke aufzuklären." Unsere Zeit, in der die positiven Religionen ihre Macht über die Gemüter der Gebildeten verlieren, hat eine Reihe von Werken entstehen 15) Schnitzen-Schnitte, getrocknete Aepfel^ oder Birnenschnittc. 16) Gemeindemitglieder. *) „Pester Lloyd", Sonntag. 19. Mai 1907.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.