Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 23 Dr. Llocb's Mocdenscbrttt. < Sette 888 aus Riga. Dieser Name dürfte auch den Wiener Juden nicht unbekannt sein, da Herr Jadlowker während seines Gesangsstudiums am Wiener Konservatorium schon damals mit seiner herrlichen Stimme in den Wiener Tempeln allgemeines Aufsehen erregte. Nicht nur in der Badischen Residenz, sondern erst bei den jüngsten Wagner-Festspielen am Hoftheater in Mannheim wurden dem kaum 29 Jahre alten Hofopernsänger als Stolzing in „Die Meistersinger von Nürnberg" rauschende Ovationen zuteil. Was aber als sonderbar zu verzeichnen ist, soll der Künstler mit Ausnahme einiger Opern — das ganze Wagner-Repertoire bereits gesungen haben, was für einen lyrischen Tenor umsomehr unglaublich erscheint. Vor ungefähr 3 Monaten sollte Herr Jadlowker, wie seinerzeit aus der „Neuen Freien Presse" zu entnehmen war, ein Gastspiel an der Wiener Höfoper absolvieren, das jedoch wegen Nichtgenehmigung der Intendanz des Karlsruher Hoftheaters zu keinem Resultate führen konnte. Oberkantor S. Tominberg, Zürich. Hamburg. Bei der kürzlich hier vorgekommenen Feuerbestattung einer jüdischen Leiche, deren Ueberführung toleranterweise der christliche Beerdigungsverein „St. Anschar" vorgenommen hatte, war der Tempelprediger Dr. Rieger im Ornat zur sogenannten Einsegnung erschienen. Ob die Art der Bestattung oder die Mitwirkung des St. Anscharvereins die Veranlassung war, genug, dem Tempelvorstand erschien die Sache denn doch etwas zu bunt und er forderte von seinem Beamten eine Erklärung über dem Vorfall. Dieselbe wurde auch gegeben, scheint jedoch nicht befriedigt zu haben. Eine daher erfolgte zweite oder gar — wie manche sagen — dritte Aufforderung des Tempelvorstandes beantwortete der Prediger mit seinem Entlaffungsgesuch, das auch angenommen wurde. Wir erinnern bei dieser Gelegenheit an einen 2 Jahre zurückliegenden, ebenfalls interessanten Konflikt der Direktion mit dem andern Tempelprediger Herrn Dr. Leimd örfer. Wie wir seinerzeit berichteten, hatte Herr Dr. L., der auf einem weniger konsequenten Standpunkte steht, von der Kanzel herab mit scharfen Worten auf bestimmte, allgemein bekannte Fälle von Taufen in Familien von Tempelvorstehern und insbesondere bei den Nachkommen eines früheren Tempelpredigers hingewiesen. Diese Kühnheit trug ihm von Seitee der Direktion eine Rüge ein. Paris. Ludwig Fulda, der bekannte Dichter, ist auf Antrag des Kultusministers Briand mit dem Orden der Ehrenlegion ausgezeichnet worden. Diese Auszeichnung ist erfolgt, weil Fulda durch seine Uebersetzungskunst viel zur Verbreitung und zum Verständnis der Moliöreschen Dichtungen in Deutschland beigetragen hat. Paris. Salomon R e i n a ch, der hervorragende Gelehrte und Vizepräsident der „Jca" ist zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften undder schönen Künste in Paris gewählt worden. Reinach, der Direktor des Museums von St. Germain ist, übersetzte Schopenhauer und St. Augustin ins Französische und veröffentlichte ein Handbuch der klassischen Philosophie, sowie mehrere Abhandlungen. Jerusalem. Dr. Arthur Ru pp in, der Leiter des Bureaus für jüdische Statistik, das Mitglied der 1. russischen Duma Dr.' Schemarja L e w i n, der Rabbiner Dr. G a st e r- London und der frühere Agronom der „Jca" Treidel befinden sich zur Zeit in Palästina, um die dortigen Verhältnisse eingehend zu studieren. Feuilleton. Chajim ans der Irschidah. Von Dr. F. Rich. Heinschel. (Fortsetzung.) Harschel ließ sich das gesagt sein und wollte als Mann auch einen Akt der Wohltätigkeit üben. Am vorhergehenden Tage hatte der Kleinrichter au getrommelt, daß die Steuern abgeführt werden und alle stände beim Dorfnotar zu erlegen find. Harschel ließ austrommeln: „Alle, die mit der Steuer im Rückstände find, mögen ihre Steuerbüchel zu ihm bringen, er werde diese begleichen." Die Bauern brachten die Steuerbüchet und Harschel nahm eine der Noten und ging damit zum Notar. Dem Notar war der Besitz der großen Geldnote auffallend und er brachte die Sache zur Anzeige. Es wurde eine Untersuchung eingeleitet und trotzdem Harschel seine Unschuld beteuerte, der Bauer bezeugte, daß Harschel keine Kenntnis vom Werte der Noten hatte, mußte er doch seine Dummheit mit einem fünfjährigen Aufenthalte in Waitzer?) bezahlen. Als er aus dem Gefängnisse kam, war seine Familie in solch trauriger Lage, daß er sich glücklich fühlte, als ihm die T... er Gemeinde die eben vakant gewordene Stelle des Schames und Liberers* * 3 4 5 6) verlieh. Reb Akiba Spitzer und Reb Löb Katz waren aber nicht die einzigen bne toraf)3) im Orte, es gab noch eine stattliche Anzahl jüdischer Gelehrter und Halbgelehrter, die im Hause des Rabbi oft und gerne gesehene Gäste waren und zum sogenannten Hofstaate gehörten. Zu den täglichen Gästen gehörte Reb Mordechai Hof, Melamed*) a. D. In seinen jüngeren Jahren hielt Reb Mordechai ein kleines Cheder') und seine holde Gattin, — von der er selbst behauptete, ihre Existenz sei nur eine Folge von Achabs3) Wunsch: „Auf daß es uns nicht an Vieh mangle" — trieb einen kleinen Geflügelhandel. Als er zu altern begann, wurde er von den ehemaligen Schülern subventioniert, aber auch das Mischnahlernen für Verstorbene, das Tehillimsagen für Kranke, warf ihm ein schönes Stück Geld ab, so daß Reb Mordechai im Laufe der Jahre ein kleines Vermögen angesammelt hatte. Reb Mordechai war ein sehr kluger witziger Kopf, der aber auch von menschlichen Fehlern und Schwächen nicht frei war; er war von einer geradezu krankhaften Neugierde geplagt und seine Geldgier kannte keine Grenzen. Wenn zwei mit einander leise" sprachen — und daS geschah immer, wenn die Bachurim Reb Mordechai's ansichtig wurden — dann tänzelte er hin und her und wurde nicht müde, zu fragen, bis ihm irgend einer eine Neuigkeit zählte, in der Regel aber bekam er einen Bären aufgebunden. Reb Mordechai empfand es aber auch schmerzlich, daß er des Deutschlesens unkundig war. Die Rebbezin, die für seine Witze recht empfänglich und eine dankbare Zuhörerin war, las ihm als Gegendienst aus der Zeitung vor oder erzählte ihm die Neuigkeiten aus den Tagesblättern; wenn es der Rebbezin an Zeit mangelte, mußte einer der Bachurim die Stelle des Vorlesers versehen und da bekam er oft Enten zu hören, daß ihm die Haare zu Bergwänden. Es war an einem Donnerstag nachmittag im Winter, die Rebbezin war mit dem Ausmachen und Schinden zweier Stopfgänse beschäftigt und Simcheh Schwas las aus dem „Pester Lloyd", den er verkehrt in der Hand hielt, verschiedene Neuigkeiten vor und unter anderem auch, daß der Finanzminister angeordnet, die alten Fünfer (zu jener Zeit waren die breiten grünen Fünfguldennoten im Verkehr) seien ungiltig und müffen eingelöst werden. Als Reb Mordechai dies gehört, begann er zu zittern und konnte vor Erregung kaum das Abendgebet abwarten, lief, ehe dieses noch beendet war, nach Hause, um nach wenigen Minuten wieder atemlos ins Lehrzimmer zu stürzen, wo das Abendgebet alltäglich verrichtet wurde und den Rebbe, bevor er den Abendvortrag begann, um kurze Unterredung bat. „Was wünschen Sie?" fragte der Rebbe, als sie allein waren. *) Name der Stadt, in welcher das größte ungarische Zuchthaus ist. *) Leichenwächter. *) Thoragelehrte. 4) Lehrer. 5) Schule. 6) Könige I. 18, 5.