Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 23 Dr. JBiocb’s MocbenscbrM. Seite 377 Die beiden herrschenden Parteien, die konservative und liberale, die sich in ihren Prinzipien wenig unterscheiden, repräsentieren kleine Koterien, die auf Kosten der Gesamtheit des Volkes rücksichtslos und selbstsüchtig ihre Interessen, die Interessen einer kleinen Kaste, vertreten. Sie wechseln in der Regierung ab, da sie zu zahlreich sind, um zu gleicher Zeit an der Staatskrippe zu sitzen, und sie bekämpfen sich auf das Erbittertste, um die für die Parteigänger sehr realen Vorteile der Regierung zu genießen. Beide Parteien find in gleichem Maße antisemitisch, mit dem Unterschiede, daß die jeweilige Opposition die Judensrage mit Vorliebe als Mittel zum Zwecke benutzt, der Gegenpartei, die am Staatsruder sitzt und der daran gelegen ist, daß Ruhe im Lande herrscht, durch Erregung von Unruhen im Innern Schwierigkeiten zu bereiten und ihre Stellung dem Auslande gegenüber zu kompromittieren. Auch der Beginn der jüngsten Beamtenunruhen ist auf parteitaktische Manöver zurückzuführen. Man inszenierte durch Aufreizung der Bauern Judenhetzen, aber die parteipolitischen Agents provocateurs behielten die Parteien diesesmal nicht in der Hand. Die verelendeten, unterdrückten Bauern, die sich zuerst programmgemäß gegen die Juden in der Moldau gewandt haben, wandten sich, zum Bewußtsein ihrer Lage und der Ursachen derselben gekommen, gegen die Großgrundbesitzer. Die Aufstandsbewegung griff in der gefährlichsten Weise nach der Walachei über, die Regierung sah sich unvermutet vor einer Agrarrevolte ernstesten Charakters. In dem Augenblicke, wo die Bewegung aus einer Emeute gegen die Juden zu einer Emeute gegen die Großgrundbesitzer wurde, schritt die Regierung auf das Schärfste unter Entfaltung von Militärgewalt ein. Hunderte, vielleicht Tausende von Bauern wurden niedergeschoffen, ganze Dörfer wurden niederkartätscht. Die konservative Regierung war klugerweise rechtzeitig abgetreten und überließ den liberalen Nachfolgern das Odium der barbarischen Repressionspolitik. Redner ging darauf des Näheren auf das Hilfswerk für die Opfer der rumänischen Exzesse ein. Auf Veranlassung des Hilfsvereines fand in Wien eine Zusammenkunft aller großen jüdischen Organisationen statt, in der der Plan für die Hilfeleistung beraten und genehmigt wurde. Die Zentralinstanz für die Ausführung der Beschlüsse ist Wien, das den rumänischen Verhältnissen am nächsten steht, und in Rumänien selbst wurde ein Zentralkomitee eingesetzt, das seine Vorschläge an das Wiener Komitee zu übermitteln hat. Als Vorbild für diesen Modus diente die Organisation, die seinerzeit zur Hilfeleistung für Rußland geschaffen wurde und die sich in jenen Unglückstagen so außerordentlich bewährt hatte. Redner gibt alsdann nähere Daten über die Emigrationsbewegung der rumänischen Juden, die ihre Heimat wegen der Verfolgungen verlassen mußten. In den Jahren 1899 bis 1905 sind allein nach den Vereinigten Staaten zirka 40.000 rumänische Juden ausgewandert. Wenn die Signatarmächte des Berliner Vertrages sich auch nicht für die Erfüllung der von Rumänen übernommenen Verpflichtung, den Juden Gleichberechtigung zu gewähren, aus Gründen egoistischer Staatsraison einsetzen, so sei doch die Annahme begründet, daß sie und insbesonders die zunächst betroffene österreichisch-ungarische Regierung, um einer Ueberflutung ihrer Gebiete mit den mittellosen rumänischen Juden zu verhindern, der rumänischen Regierung Vorstellungen machen werden, damit diese Maßnahmen trifft, um eine Maffenauswanderung von Juden zu verhindern. Eine solche Massenauswanderung könne aber nur verhindert werden, wenn die rumänische Regierung im Lande Zustände schafft, die es auch den Juden ermöglichen, in Frieden zu leben und ihrem Erwerb nachzugehen. Um solche Zustände herbeizuführen, dazu könne auch die öffentliche Meinung der zivilisierten Welt außerordentlich viel beitragen. Die Presse aller Länder müffe immer erneut auf die Zustände in Rumänien Hinweisen, sie kritisieren, und zwar mit größter Schärfe, bis eine Besserung eintritt und bis erträgliche Zustände geschaffen seien. Der Rede des Herrn Dr. Nathan folgte lebhaftester Beifall. Herr Landtagsabgeordneter Justizrat Cassel wies in einer höchst eindrucksvollen Ansprache darauf hin, daß mitzuhelfen an der Abwehr des tausendfachen Unrechtes, das die unglücklichen, gehetzten und verfolgten Juden des Ostens zu ertragen hätten, eine Pflicht der Humanität sei. Die Unterstützung, die die zivilisierte Welt den Juden in ihrem Kampf um Menschenrechte und staatsbürgerliche Rechte angedeihen läßt, sei zugleich von hoher idealer Bedeutung, um die Juden des Ostens vor Trostlosigkeit und Verzweiflung zu bewahren, indem ihnen dadurch das Bewußtsein gegeben würde, einen festen Rückhalt an ihren Brüdern in der gesamten Kulturwelt zu finden. Redner führt darauf des Weiteren aus, daß der Hilfsverein sich nicht auf die Abwehr der traurigen Folgeerscheinungen von Katastrophen beschränke, sondern durch Gründung und Unterstützung von Bildungsinstituten aller Art und Schaffung von Erwerbsgelegenheiten, Einführung von Industrien rc. das Bildungsniveau und damit die Erwerbsfähigkeit der Juden in den Ländern des Ostens, in dem europäischen wie asiatischen Orient nach Maßgabe seiner Mittel zu beheben trachte. Er appellierte an die Anwesenden, auch in weiteren Kreisen für die Zwecke des Hilfsvereines der deutschen Juden zu wirken. Die Ausführungen des Herrn Juftizrat Caffel fanden lebhaftesten Beifall. Eine große Reihe von Anwesenden trat dem Hilfsverein als Mitglieder bei. Auf eine Anregung aus der Versammlung wurde überdies sogleich ein besonderes Damenkomitee für den Hilfsverein der deutschen Juden gebildet. Korrespondenzen. Wien. Löbliche Schriftleitung! Die Herren Dr. G r o ß, Dr. C h i a r i, Dr. E b e n h o ch und Konsorten haben den Vorhang von ihrer wahren Denkungsart zurückgeschlagen und man erblickte das wahre Bild von Sais, nämlich die Judenfeindlichkeit. Die trefflichen und treffenden Worte Sr. Ehrwürden Dr. Güdemann und des Herrn Maximilian Paul- Schiff in der „Neuen Freien Presse" vom 5. Juni haben die richtige Charakterisierung der Judengegner gegeben, jedoch offenbar, um den Standpunkt einer reinen Erwiderung nicht zu verschieben, die politischen Konsequenzen hieraus nicht gezogen. Als vollständig Parteiloser, der eine parlamentarische Betätigung seinerzeit ablehnte, gestatte ich mir, für das Ziehen dieser Konsequenzen folgendes vorzuschlagen. Zunächst möge ein parlamentarischer Klub der Juden gegründet werden, in welchem sich alle Juden vereinigen sollten, ohne Rücksicht auf den Ort ihrer Wahl und ihr Programm. Außerdem wäre eine außerparlamentarische, politische Vereinigung in Wien zu gründen, in welcher neben den Vertretern der Juden im Reichsrate, in den Landtagen und Gemeindevertretungen alle jene Juden sich vereinigen sollten, welche sich für das politische Leben der Juden in Oesterreich interessieren. Sache der jüdischen Preffe wäre es, agitatorisch für diese Idee einzutreten. Die Organisation selbst hätte alle Gruppen des österreichischen Judentums zu umfaffen, also die Demokraten, Jüdisch-Sozialen, Liberalen, Nationalen, Zionisten u. A. Die Organisation hätte neben den Männern der jüdischen Preffe durch einen oder 2 Vertrauensmänner der angedeuteten Gruppen zu erfolgen. Hiebei könnten die Rudimente der anläßlich der Reichsratswahlen gebildeten Organisationen benützt werden. Eine solche Organisation würde die einzige richtige Vertretung des politischen Gesamtjudentums sein. Indem ich bemerke, daß ich zur Tätigkeit als gewöhnlicher Mitarbeiter bereit bin, stelle ich die Bitte um Ihre publizistische Unterstützung dieser Anregung und zeichne mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Ernst Franz Weist.