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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-06-07 · 23 (7.6.1907) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
23 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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S-2- 376 Dr. ÄloüL's Wochetttchrifk?ii 23 Der Tritt Vor acht Tagen hatte kein Nicht-Freisinniger mit einem freisinnigen Juden sprechen mögen. Niemandem tut es wohl, sich von oben herunter abtun zu lasien. 87 Soziatd mokraten! Weniger Christlich- Soziale! In Wien drei Freisinnige ganz gewäbit und zwei dreiviertel! Schlechte Zeit für die antisemitischen Branntweiner; Schönerer gefallen und Schneider gestürzt, Franko Stein und Hauck los von Wien! Es war wieder die höchste Zeit, sein Judentum mit liberalen Phrasen einzulamphern und es den Zwnisten zur Aufbewahrung zu übergeben, deren Wahl da wo oben im Nordost man als eine zufällig stehen gebliebene Erinnerung an Lueger-Zeiten und Pogromschrecken betrachtete. Wenn seither der freisinnige Jude (freisinnig sind wir alle, aber wir wissen, welche Schmockerei gemeint ist), wenn also der freisinnige Jude die Sprache nicht ganz verloren hat, so kann man wieder mit ihm reden. Denn es kam jene Großtat des Freisinns, welche zeigte, daß eine Parteiparole auch eine Lüge sein kann. Ueber Verlangen der Alldeutschen werden die Juden Ofner und Kuranda nicht in den deutschen, parlamentarischen Verband hineingelassen. Herrn Baron Hock, dem es in der Form besser ging, in der Sache aber nicht, weil er das zukünftige Geschäft mit den Christlich-Sozialen gestört hätte, wollen wir Sympathien für seinen Kulturkampf ausdrücken, ihn aber des Weiteren aus diesem Artikel auslassen. Dr. Groß, Obmann des Deutschen Schulvereins und bisheriger Freisinniger, hat die Wiener freisinnigen Abgeordneten und damit die Wiener jüdisch-deutsch-freisinnigen Wähler mit einem Tritt regaliert, um den deutschen parlamentarischen Verband zu ermöglichen. Diese Tatsache wird nicht besser, weil jetzt gelogen und behauptet wird, Doktor Groß hätte nur im eigenen Namen und unverbindlich gesprochen, die Zeitungen seien schlecht informiert gewesen und es liege den Freisinnigen ferne, was ihnen bisher so nahe lag. Welcher jugendliche Naive soll denn das glauben? Warum war der freisinnige Groß bei dem Christen Hock,^um sich zu entschuldigen, bei den Juden Ohler und Kuranda aber nicht? Welch frevelhafter Hochmut hat ihn beseelt, daß er die Zeitungen acht Tage lang ruhig hat etwas berichten lassen, dessen Dementi ihm den Kuß des ganzen jüdischen Freisinns eingetragen hätte? Das ist politisches Kinderfutter. Wahr ist, daß ein parlamentarischer Führer nichts so Schwerwiegendes unternimmt, wenn er fürchten mutz, bei der nächsten Klubsitzung desavouiert zu werden. Wahr ist, daß die Freisinnigen sehr gerne auf Geheiß der Alldeutschen antisemitisch geworden wären. Inzwischen haben stchs aber die alldeutschen Auftraggeber überlegt, springen in den geplanten deutschen Verband nicht ein, die Freisinnigen haben keinen Grund mehr, die Juden zu brüskieren, und wollen, was sie nicht mehr können, den Tritt mit einem Dementi zurückuehmen. Die Beleidigung der Inden war nun eine unnötige Dummheit der Freisinnigen, deren latenter Antisemitismus sich einmal Luft machen mußte. Denn Ofner war im gewesenen Parlament Wilder und wollte es auch im kommenden sein und Kuranda hätte es sich vielleicht auch überlegt, seine Laufbahn als Reichsbote dem Sprachenstreite in Asch zuzuwenden. Man hätte in jedem Fall den Verrat des eigenen Programmes noch bis zum Eintritt der Notwendigkeit aufschieben können. Ferner war die Beleidigung eine Lumperei von den Freisinnigen sowohl als von den Alldeutschen. Die einen haben um jüdische Stimmen gebettelt, die anderen geschnorrt, wo sie sie haben konnten. Man erinnert sich der Landtagswahl in Mähr.-Ostrau, wo mau den Juden einen mit liberalem Oel gesalbten Alldeutschen im Namen des bedrohten Deutschtums als Kandidaten präsentierte. Man erinnert sich des Schlagwortes „bürgerlich gegen sozialdemokratisch", mit welchem die genannten Parteien in die Stichwahlen zogen und Juden herbeiriefen, nicht abwiesen. Jetzt blähen sie sich in der Macht ihres Besitzes, jetzt drücken sie den Juden ihre Verachtung aus, jetzt finden diese Ritter von der traurigen Gestalt und mit der traurigen Ehre den Radikalismus wieder, den sie vor den Wahlen um 10 Stimmen verkauften. Was heißt denn das? Der K. H. Wolf kann mit den Wiener Juden nicht verkehren? Die Wiener Juden können mit K. H. Wolf nicht verkehren, der soll nur fein bei seinem neuen Freund Lueger bleiben, der seiner würdig ist, und sie sollen miteinander Zucker essen, von dem K. H. Wolf ja noch einen beträchtlichen Vorrat haben dürfte, oder sich mit den Töchtern ihrer Gastfreunde unterhalten, oder die nächste Gesinnung wählen, die sie annehmen wollen. Um den Wolf handelt es sich nicht, der kann keinen Juden beleidigen, aber um den Verrat durch die Freisinnigen. Geschieht den Juden schon ganz recht. Wir wollten ihre Kandidaten im Wahlkampf gegen die Antisemiten nicht schädigen, aber wir haben immer aufs schärfste die Dirnenpolitik, die Taktik des Nachlaufens, verurteilt, die praktisch niemals irgend welche Vorteile bringt und moralisch solche Situationen am Pranger stellt, wie jetzt und oft schon früher. Was war denn die Vertretung jüdischer Interessen durch die deutschfreisinnige Partei in den letzten Jahren wert? Diese Partei ist ja nur während der Wahlen liberal, sonst waren wir ihnen und sie uns Hekuba. Ja, wozu brauchen wir denn diese knieweichen Herrschaften? Wir haben jetzt unsere Mandate und können uns selbst besser vertreten als dieses halbe Dutzend Veteranen. Uns geschieht recht, weil wir einen Teil unserer Mandate dieser Partei an den Kopf geworfen haben, deren versteckter Antisemitismus ein offenes Geheimnis ist. Wollen wir gar nichts lernen und die Prügelknaben jedes politischen Buben in Oesterreich bleiben? Weg mit der deutschfreisinnigen Lüge, welche uns die letzte Schande, hoffentlich die allerletzte, brachte. Wir wollen die Achtung unserer wirklichen Gegner zugleich mit einem wirklichen Effekt erringen, wollen eine ungescheute offene Organisations- und Jnteressenpolitik betreiben, unsere Macht ausnützen, wo und wie wir können und niemandem mehr Gelegenheit zu einer Büberei geben. Ein Verräter, wer nach der letzten Affäre ohne jüdischen Organisationsbeschluß irgend einer fremden Partei seine Mittel oder seine Person zur Verfügung stellt. An die Arbeit Juden! Sammelt alle Gemeindemitglieder in politischen Organisationen, geht geschlossen vor, tut alles, um die offenen und heimlichen Antisemiten zu bekriegen. Es gibt nur eine Antwort nach dem Tritt der Freisinnigen: den Freisinnigen einen Tritt. Jüdische Politik., jüdische Politik, das ist die brennende Lehre des Falles und der ganzen Vergangenheit. Der wirkliche Freisinn wenigstens der gegen uns, hat ja im kommenden Parlament wenige Vertreter und viele Feinde. Die Sozialdemokraten werden sich hüten, den Namen einer Judenschutztruppe zu verdienen, die Freisinnigen haben wir jetzt kennen gelernt und die Antisemiten aller Schattierungen werden doch die Herrschaft, werden vielleicht Ministerposten haben. Da heißt es, sein Judentum hervorholen und nach nüchterner Beleuchtung aller benebelnden Hoffnungen mit ganzer Kraft zu den Wenigen halten, welche glücklicherweise als Juden die jüdische Sache im Parlamente führen. I. U p k i m n y. Weder die Andrnverfolgimge« in Wnmiinien. Die Herren Landtagsabgeordneten Justizrat Cassel und Dr. Paul Nathan sprachen in einer von Frauen und Männern sehr gut besuchten Versammlung der Bezirkskomitees S. W., S., S. O. des Hilfsvereins der Deutschen Juden, die am 27. Mai unter dem Vorfitze des Herrn Stadtverordneten Jmberg in Berlin stattfand. Herr Dr. Nathan, der während der Unruhen nach Rumänien gereist war, um mit den dortigen Ministern und führenden, politischen Persönlichkeiten zu verhandeln, und ferner, um die notwendigen Schritte zur Organisation des Hilfswerkes für die Opfer der rumänischen Exzesse einzuleiten, schilderte eingehend die Ursachen, die zu den Bauernunruhen geführt haben. Rumänien, das von chauvinistischen Rumänen das Belgien des Ostens genannt werde, sei in Wirklichkeit ein kleines Rußland unmittelbar an der russischen Grenze. Die Juden sind durchaus nicht die einzigen Opfer des Regierungssystems und der Parteiherrschaft in Rumänien. In gleichem Maße wie die Juden seien die Bauern die Leidtragenden, die von einer kleinen Anzahl Großgrundbesitzer schonungslos ausgebeutet werden und sich vielfach in einer geradezu entsetzlichen Lage befinden. Ganze Familien sterben z. B. an der elenden Ernährung mit Polenta.

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