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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-06-07 · 23 (7.6.1907) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
23 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 28 Dr. Llocb's MocdenscbrLtt. Seite 375 vergehen. Noch einmal sage ich es dem Bezirkshauptmann von Sokal, dem Regierungskommissär Smolen, dem Vizebürgermeister von Rawaruska, daß sie ihr Amt schnöde mißbraucht haben. Ich hoffe, das genügt. Wien, Mai 1907. Dr. Josef S. Bloch. Aufruf. Aus Rawaruska gelangt au uus nachstehender Notschrei: „Die Reichsratswahlen in Rawaruska haben weitere fatale Folgen nach sich gezogen. Im Laufe dieser Woche sind etwa 12 Leute, die dem Handwerkerstände angehören und in den Augen unserer Behörden verdächtig waren, dass sie für die Wahl eines jüdischen Abgeordneten eingetreten sind, in Haft genommen worden. Wir stehen hilflos gegenüber diesen Verfolgungen. Die Inhaftierten sind sämtlich verheiratet und Täter zahlreicher Familienmitglieder, welche, nachdem die Ernährer sich in Haft befinden, bitterem Hunger ausgesetzt sind. Im Namen der Unglücklichen appellieren wir an unsere Glaubensgenossen im Westen, für die Bestellung eines Verteidigers für diese unschuldig Inhaftierten Sorge zu tragen und den notleidenden Familien dieser Märtyrer einer gutjüdischen Sache eine Unterstützung zu gewähren. Das jüdische Wahlkomitee in Rawaruska Rawaruska, den 1. Juni 1907. Mas Herr Dr. Groß verdient! Herr Dr. Groß, der deutsch-freisinnige Abgeordnete, der Führer dieser Partei, hat den deutsch-freisinnigen Abgeordneten der Stadt Wien erklärt, vertraulich erklärt, daß ihr Eintritt in die Partei, deren offizielle Kandidaten sie waren, — nicht erwünscht ist. Der eine Herr sei nicht willkommen, weil er zu den Sozialisten neige. Der andere, weil er Jude sei. Klipp und klar offen und ehrlich. Diese Herren sind immer offen und ehrlich — nach der Wahl, wenn die Juden Geld und Stimmen geliefert haben. Der eine: Freiherr v. Hock hat es leicht — er dreht sich um und wendet den Herren den — Rücken. Er kann ruhig seine Kraft auswirken lassen — er wuchs empor aus dem Boden seiner Ueberzeugung — rückt keinen Zoll breit beiseite — und ist sicher, daß seine Mandanten ihm treu bleiben. Etwas schwieriger steht die Sache des Herrn Abgeordneten Kuranda. Er wurde um seiner Konfession willen verschmäht — um einer Sache willen, die er gar nicht in den Vordergrund geschoben hat, um einer Frage willen, die er während der ganzen Wahlperiode mit keinem Worte berührt hat. Der Herr Abgeordnete Kuranda, das muß hier festgestellt werden, versicherte allezeit, daß er für alle Konfessionen in gleicher Weise wirken werde. Das Wort „Jude" war aus seinen Kandidatenreden verbannt. Und dies, trotzdem sein Wahlbezirk ein sogenannter jüdischer ist. Denn auch das muß hier festgenagelt werden. Das Parlament hat im sogenannten Kaiviertel ein Mandat mit jüdischer Wählermehrheit geschaffen. Die Juden widmeten es der deutschfreisinnigen Partei — siewählten keinenbewußtjüdisch fühlenden Mann, sondern einen Deutschen jüdischer Konfession — und dieser Abgeordnete wurde vertraulich davon verständigt, daß man seinen Eintritt in den Parteiverband wegen seiner Konfession nicht wünsche. Das geschah vertraulich. Die Partei kann noch immer anders entscheiden, sie kann Herrn Doktor Groß desavouieren und sich in Böhmen und Mähren die jüdischen Stimmen, das jüdische Geld und den jüdischen Einfluß für die künftigen Wahlen retten. (Ist inzwischen geschehen. A. d. R.) Aber was geschieht dann mit dem Herrn Abgeordneten Kuranda? Wird er die Ohrfeige ruhig einstecken und dort eintreten, wo er doch nicht willkommen ist? Oder wird er außerhalb des Verbandes unentwegt deutsch-freisinnig — sein? Wird er den Leuten, die ihm vor aller Welt eine schallende Ohrfeige versetzt haben, sich und seine Gesinnung aufdrängen? Eigentlich bliebe ihm nichts anderes übrig, als zurückzutreten und in einem neuen Wahlgang zu versuchen, ob denn die jüdischen Wähler am Franz Josefs-Kai noch immer deutsch-freisinnig seien? Man kann nicht wissen. Sie konnten doch jetzt jüdisch freisinnig geworden sein! Es könnte geschehen, daß der Fußtritt des Herrn Dr. Groß die wohltätigsten Folgen zeitigte. Es gibt auch stolze Juden, denn schließlich einmal waren wir ja alle — so etwas wie deutsch-freisinnig — wir Juden in Oesterreich. Wir merkten es rascher als die Juden am Kai, daß wir den Deutschen unbequem seien, und wir zogen früher die Konsequenzen. Unser Stolz war früher verletzt — unser Trotz früher erwacht — unser Bewußtsein früher gefestigt, freilich wurden wir damals, vor zehn Jahren, verlach, verhöhnt, als Phantasten gebrandmarkt. Wer hätte damals zu prophezeien gewagt, daß in Oesterreich 4 bis 5 Mischnationale Abgeordnete in den Reichsrat kommen werden? Mit Unrecht nennt man sie zionistische. Abgeordnete. Der Zionismus ist eine Weltbewegung, die internationale Duldung und Geltung braucht, sie kann und darf keine innerpolitische Vereinigung bedeuten. Die meisten jüdischnationalen Abgeordneten sind Zionisten, das ist naturgemäß und wird wohl stets so bleiben. Es werden sich auch andere Mische Abgeordnete zu ihnen finden, dafür sorgen die Herren äla Dr. Groß. Dem Herrn Dr. Groß gebührt kein Vorwurf, sondern aufrichtiger Dank. Er rechtfertigt unser Vorgehen, er bestätigt die Logik unserer Gesinnung. Noch immer fassen uns die Juden mit den derben Worten: „Wie kann ein gescheidter Mensch jüdisch-national empfinden, zionistisch sein?" Herr Dr. Groß überhebt uns künftig jeder Antwort. Die Christen brauchen keine Erklärung, sie verstehen uns und schätzen uns umso höher, je offener wir uns als Juden bekennen. — Wir Juden haben viel verschuldet und viel gebüßt, aber so ganz ohne Selbstbewußtsein wie vor zehn Jahren sind wir denn doch nicht mehr. Wenn man uns ins Gesicht speit, sagen wir nicht, es regnet — nicht mehr. Wenn man uns sagt, wir wollen Euch nicht — wir drängen uns nicht auf, — nicht mehr. Da haben wir Phantasten, wir Luftschlösser-Architekten etwas Wandel geschaffen. Nicht alles ist anders geworden — aber doch vieles. Warum follen^nicht auch in der Leopoldstadt national empfindende Juden heranwachsen, die sich einen Mischnationalen Abgeordneten wählen? Warum sollen nicht auch am Franz Josefs-Kai die Juden zwischen einer Ohrfeige und einem Kuß unterscheiden lernen, denn es schmerzt, Backenstreiche zu bekommen, nicht nur körperlich, sondern auch moralisch? Die sichtbare Ohrfeige, der hörbare Schall, sie schmerzen am meisten. Herrn Dr. Groß gebührt der Dank aller charaktervollen Juden, er hat einen Markstein gesetzt im politischen Acker der Wiener Juden, an den wir noch lange denken wollen. Wie ist doch der Vorgang gewesen in alten Zeiten, wenn Marksteine aufgestellt wurden in Feld und Flur? Ein Knabe wurde mit hinaus genommen und tüchtig geohrfeigt. Die Maulschelle sollte ihm die Grenzstelle unvergeßlich machen. Die Wiener Juden sind politische Kinder und die Maulschelle haben sie auch. Werden Sie sich nun auch die Grenze merken? Vielleicht doch, Dank Herrn Dr. Groß. Heinrich Iork-Steiner.

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