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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-05-31 · 22 (31.5.1907) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
22 (31.5.1907)
Date
1907-05-31
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 370 Nr. 22 Dr. Liocv s WöCDcnöcDrm, Nach dem Frühstücke nahm jeder der Talmudjünger einen Band der Propheten mit Mendelssohn'scher Uebersetzung und lernte darin eifrig, wiederholte das Gelernte auswendig, so daß jeder einige Kapitel wöchentlich auswendig lernte, die am Ende der Woche vom Rebbe geprüft wurden. Dieses Studium der heiligen Bücher ging im Sommer im Hofe vor sich. Dabei lief man auch tüchtig auf und ab; im Winter erging man sich dabei im großen Lehrzimmer. Gegen 10 Uhr, nachdem er sein frugales Frühstück, eine Tasse Kaffee und eine Waffersemmel, zu sich genommen und die Zeitung gelesen, erschien der Rebbe im Lernzimmer zum Schim?), der bis Mittag wahrte. Diese Vorttäge wurden außer von den Söhnen des Rebbe von einigen Jungen aus dem Orte, von Chajiml und vier ftemden Bachurim besucht. Nach dem Mittagessen durften die Bachurim bis zwei Uhr fich mit profanen Gegenständen beschäftigen. Von zwei Uhr ab mußte das Vormittag Gelernte wiederholt werden, dann ging es zum Nebenschiur.10) Dieser begann in den Winiermonaten nach dem Maarivgebet") und währte bis zum Abendessen und im Sommer von 4 Uhr bis zum Minchagebete. In den Sommermonaten durfte man nach dem Abendgebete im Tempelhofe promenieren und auch der Rebbe beteiligte sich an diesen Promenaden im Hofe; im Winter wurde nach dem Abendessen noch bis spät in die Nacht hinein gelernt, während der Rebbe in seinem Lehnstuhle schlief und in der Regel aufftand, wenn die Jünger ihr Bett aufsuchten. Die ftemden Bachurim wohnten mit Ausnahme von Chajim nicht im Hause, aber ganz in der Nähe, so daß sie auch zu später Nachtstunde noch im warmen Lehrzimmer studieren konnten und nicht weit zum Nachtquartier hatten. Nach den öffentlichen Vorträgen lernte jeder für sich, die jüngeren Söhne und Chajiml saßen im Wohnzimmer, das vom Lernzimmer nur durch eine dünne Holzwand und Tapetentür getrennt war, die Bachurim aus der Fremde und die älteren Söhne des Rabbi studierten im Lernzimmer. Der Rangälteste unter den Bachurim aus der Fremde war Simcheh Schwarz, ein schlanker Mann mit aufgestülpter Nase und eingedrückter Stirne. Schwarz hatte das 26. Lebensjahr bereits überschritten und suchte einen guten Schidduch,^) das heißt wollte eingesetzt werden. Simcheh Schwarz war aus armen Hause und wurde vom Rebbe und den T... ern reichlich unterstützt, war aber sehr heimtückisch, der alle schlechten Streiche anzettette, aber in den Augen des Rebbe im Gerüche des Allersolidesten stand, weil er es so einzurichten verstand, fich nie erwischen zu lassen. Simche wohnte bei der Witwe Oesterreicher, die im Hause des tauben Schloffermeisters Vörös als Asterpartei sich eingemietet hat. Heimele oder Chajim Jair Hofmeister, der mit Stolz von seinem Urahn Chajim Jair Bachrach sprach, von dessen Geist nichts auf ihn überging, der — wenn er wirklich dessen später Nachkomme — mit dem Geistesheroen nichts gemein hatte, als den Namen. Heimele, ein sehr beschränkter blonder zwanzigjähriger Jüngling, war ein großes Kind, der alles für bare Münze nahm, und die Bachurim hänselten ihn und hielten ihn gar oft zum Besten. Heimeles Quartiersherr hieß Dringlich, und so fremd er auch Heimele, als Kinder gleichen Geistes standen sie sich nahe. Dringlich war ein Hausierer, der mit Pferd und Wagen in den Dörfern herumreiste. Als Nebenbeschäftigung trieb er das Gewerbe des Wollscherers. Mit der breiten Schere schur er alte Schafspelze und im Herbste auch lebende Schafe. Dringlich wohnte in einem kleinen Häuschen hinter der Synagoge. Das strohgedeckte Häuschen bestand aus einem Vora) Talmud, statarisch. '") Talmud, kursorisch. ") Abendgebet. ") Heirat. hause, in welchem sich der Notherd befand, einer ungedielten Stube und einem Stalle. Auch Schmaje Berger, ein Bochur aus der T. ..er Gegend Sohn eines Fischereipächters und Grundbesitzers, wohnte bei Dringlich. Schmaje war ein Kernmagyare und sprach den Jargon nur sehr gebrochen. Er schrieb mit Vorliebe deutsche Briefe, die von orthographischen Fehlern strotzten. So schrieb er einst seinem Vater: „Liebes Votier! Ick bin sie gesunt, doch is sich mein swarzes tzuth schon Parche-dik.") Es grießt Enk") dein treies Sohn Schmaje." Im übrigen war Schmaje ein sehr angenehmer Kamerad und kein Spielverderber. In diesem Kreise bewegte sich Chajim und fühlte sich dabei recht behaglich. Der Verkehr mit den Kameraden war ein recht anregender, dazu kam noch, daß der eine oder andere stets etwas Aufheiterndes zum Besten gab. Es wurden Späße gemacht und dem kleinen Jeschibahkreise war das Wort Langweile unbekannt. Dabei wurde aber auch der Hauptzweck, den Chajims Vater anstrebte, daß er ein den tauroh 15) werde, erreicht. Chajim lernte sehr fleißig und wurde ein guter Bochur. Der Verkehr mit den Gemeindemitgliedern beschränkte sich nur auf die Häuser, deren Söhne den Lehrvorträgen des Rebbe lauschten. Unter diesen nahm Schlaumeh Katz den ersten Rang ein. Sein Vater, Reb Löb, war der größte iseh moehabock 16) im Orte, war Mohel, funktionierte an den hohen Feiertagen als dal teülloh, ein schöner dsu taurod und der Schwiegersohn eines der hervorragendsten ungarischen Rabbinen. Reb Löb, Sohn und Erbe sehr reicher Eltern, hatte eine zahlreiche Familie zu erhalten und sank iulmer tiefer; doch die Verwandten unterstützten den wirklich vornehmen Charakter so reichlich, daß er doch immer, — wenn auch im allerbescheidensten Sinne — ein Haus machen konnte. Johann Spitzer, der Sohn Rabbi Akiba Spitzers, ein Junge von kaum 14 Jahren, auch ein T... er Kind, war der geistig hervorragendste und begabteste unter den Schülern des Rebbe. Rabbi Akiba war auch ein den taurod, der sich durch einen kleinen Geschirrhandel, durch Mazzotbacken und Handel mit Esrogim schlecht und recht ernährte. Als Sohn des verstorbenen T... er Rabbiners erfreute er fich in der Gemeinde des größten Ansehens. Auch er betete an den hohen Feiertagen vor, entzückte aber weniger durch die Höhe und Schönheit der Töne, die an Rabengekrächz anklangen, als durch die Tiefe seiner Empfindung und durch sein wahrhaft frommes Gemüt. Meier und Sorech Fresser, die Söhne des Schames,17) Harschet Fresser, waren die unbegabtesten und besuchten die Lehrvorträge nur, weil es der Rebbe wünschte, daß die Söhne seines Schames streng orthodoxe Juden sein müssen, wofür eine sichere Gewähr nur das Thorastudium biete. Der Schames selbst war ein blitzdummer Kerl, der seine Dummheit einst teuer bezahlte. Er hatte in seinen jungen Jahren ein großes Wirtshaus in einem Dorfe. Der Räuberhauptmann Rozsa Sandor, der in der Gegend hauste, pflegte auch bei Harschet einzukehren und in seiner Weinlaune überreichte ihm der Räuberhauptmann einmal ein Bündel Tausendernoten, die er bei einem Grafen geraubt hatte. Harschet, der den Wert dieser Noten gar nicht gekannt haben soll, nachdem er des Lesens und Schreibens unkundig war, tapezierte mit den schönen Bildchen seinen Koffer aus, die Hand voll Silbergeld und Kupferkreuzer, die ihm der Räuberhauptmann in's Gesicht geworfen hatte, war ihm wertvoller. ") schmutzig. ") Euch. ,5) Gelehrter. l6) Angesehener Mann. n) Gemeindediener.

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