Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 22 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr. JBlocb’a MocdenscdrM. Seite 369 Feuilleton. Chajim auf der Jeschibah. Von Dr. F. Rich. Heinschl. (Fortsetzung.) Chajim begann fürchterlich zu heulen. „Vater fahren wir zurück, ich fürchte mich, dort bleibe ich nicht." Endlich gelangten die Reisenden nach T., und als er sah, daß doch eine ziemliche Häuserreihe in T. stand, beruhigte er sich. Als sie aber zum Rabbinerhause gelangten, begann das Lamento aufs Neue. Die Synagoge, Rabbiner- und Kantorwohnung standen auf einem Berge, ganz abseits von der Straße. Die paar Häuser rings um den Tempel ständen alle in großen Gärten hinter hohen Bäumen versteckt, so daß das Rabbinerhaus gewissermaßen isoliert stand, und das wollte Chajim nicht gefallen. Der freundliche Empfang seitens der Rabbinerfamilie machte Chajims Tränenstrom versiegen. Nachdem die üblichen Höflichkeitsfragen gewechselt waren, ging man zu Tische. Eine ältere Frau trug die Suppe auf, kaum aber daß sie sich ihrer schweren Last entledigt hatte — es war eine -Terrine von außergewöhnlicher Größe, die für 14 Personen ausreichen sollte, denn der Rabbiner hatte eine sehr zahlreiche Familie — sprang sie auf Herrn Neuburg zu und reichte ihm die Hand. „Scholaum alechem') Rcb Selig. Wie geht es Ihnen? Was macht Ihr Schwerleben Ihre Schwieger?^) was gibt es neues in der Killer^) lebt noch Reb Bendet? Was macht Reb Jekew Schämest) schreibt er noch fleißig Mesusos?" Es ergoß sich ein Schwall von Fragen über Herrn Neuburg, die er nicht rasch genug beantworten konnte. Endlich sandte die Rebbezin der Fragestellerin einen unfreundlichen, zornigen Blick zu und Hannah, so hieß die alte nichtjüdische Magd, stellte das Ausfragen ein und setzte sich in einen Winkel, damit ihr ja kein Wort von Herrn Neuburgs Erzählungen verloren gehe. Hannah stammte aus der Gegend von Neuburg und war bereits in Neuburg, der früheren Berufsgemeinde Rabbi Wolfs, in seinem Hause bedienstet, und als er einem ehrenvollen Rufe nach T. folgte, ging Hannah mit. Die T...er Gemeindemitglieder fanden vor Hannahs rotumränderten Triefaugen keine Gunst und immer wieder sagte sie: „£>, wären wir doch auf unserem alten Rabones^) geblieben!" Sie sprach den Jargon so geläufig wie alle im Hause, bediente sich aber auch des Neuburger Dialektes. Hannah war nicht mehr jung, die Last der Jahre begann sie bereits frühzeitig zu drücken, denn noch nicht 50 Jahre alt, ging sie bereits gebückt. Sie schloß ihren engeren Landsmann Cheiml in's Herz. Cheiml hatte sie wohl während seines langjährigen T... er Aufenthaltes gar manchmal zur Zielscheibe seines Uebermutes gemacht und allerhand Allotria mit ihr getrieben, ihm trug sie es nicht nach. Nach dem Essen wurde der geschäftliche Teil erledigt. Chajim sollte im Hause des Rebbe, so wurde Reb Wolf von allen Schülern genannt — wohnen, an dessen Tisch speisen und dafür ein Kostgeld von fünfzehn Gulden zahlen; der Unterricht war unentgeltlich. Am anderen Tage reiste Herr Neuburg vor Tagesanbruch ab. Als Chajim erwachte und von seines Vaters Abreise erfuhr, weinte er bitterlich. Der Rebbe schickte ihn in Gesellschaft einiger Schüler und seiner zwei jüngeren Söhne, die mit Chajim in einem Alter standen, nach einem nahen Dorfe, wo gerade Jahrmarkt war. Am Abend hatte Chajim bereits mehrere gute Freunde, und mit der Sehnsucht nach dem Elternhause war's vorbei. *) Friede mit Euch. 2) Schwiegermutter. 3) Kehllah, Gemeinde. 4) Tempeldien'.r. 6) Rabbinatssitz. Der Rebbe war äußerlich wie innerlich ein herrlicher Mensch. Das schöngeformte Gesicht mit der klassisch schönen Nase war von einem wohlgepflegten langen blonden Barte und langen gelockten, bereits stark ergrauten Peaus^) umrahmt. Herrliche glänzende Augen, die milde und weltverloren vor sich hinblickten, eine hohe glänzende Denkerstirne und die blaffe Gesichtsfarbe ließen den Rabbi als ein überirdisches, engelhaftes Wesen erscheinen. Und Rabbi Wolf war au h eine jene Erscheinungen, die im jüdischen Leben immer seltener werden. Ein Mann voll rührender Frömmigkeit und inniger Ueberzeugungstreue. Bescheiden und anspruchslos für sich selbst, gab er für andere das letzte weg. Wer ihn im Hause und im Leben beobachten konnte, der vergaß ihn nimmer. Man mußte Reb Wolf am 9. Ab auf der Erde fitzen und voll tiefer Trauer in Tränen aufgelöst sehen; oder ihn am Rüsttage des Versöhnungstages beobachten, wie er mit Tränen in den Augen die paar Bissen herunterwürgte, nach dem Tischgebete seine Schüler und Kinder segnete und laut ausschluchzend ins Gotteshaus stürzte. Man mußte ihn am Purim sehen, wie er den aufspielenden Zigeunern Wein kredenzte und nimmer müde wurde, diese zum Trinken zu animieren; man mußte ihn an Sabbaten und Feiertagen beobachten an solchen Tagen war Rabbi Wolf wie von einer übersinnlichen Gloriole umstrahlt. Sein ganzes Wesen hatte etwas Faszinierendes an sich und übte auf seine Schüler den mächtigsten Eindruck. Er hatte fürs Lehren eine ganz hervorragende Befähigung; mit tiefer Gelehrsamkeit verband er Gründlichkeit und außergewöhnlichen Scharfsinn, zu welchem sich ein geradezu stupender Fleiß gesellte. In den Sommermonaten verließ er mit Tagesanbruch das Bett und in den Wintermonaten ging er von Sabbat zu Sabbat nicht zu Bette, sondern schlief bis 1 Uhr in seinem Lehnstuhle, um dann bis zum Morgengottesdienste mit der langen Pfeife im Munde eifrig zu studieren. Die sehr ftomme und wohltätige Rebbezin^) war eine selten schöne stattliche Frau aus vornehmen Hause, etwas rechthaberisch und launisch und beherrschte den herzensguten Gatten vollständig. Sie war dem neuen Hausgenoffen nicht recht gewogen, fie glaubte sich etwas vergeben zu haben, weil fie einen Pensionär ins Haus bekam und durch Chajim nahm der Rebbe später auch noch zwei andere Pensionäre auf, wodurch sich ihr Uebelwollen nur verschärfte. Chajim war fleißig und erfreute sich der Liebe des Rebbe, der ihn auch stets in Schutz nahm, so daß er die Launenhaftigkeit der Rebbezin wenig verspürte. Der älteste 28jährige Sohn Max betrieb einen kleinen Fruchthandel und bereitete dem Vater durch seinen nicht sehr religiösen Lebenswandel großen Kummer. Michel, der zweite, auch „M'boh" genannt, weil er zum Ausdrucke seiner Gleichgiltigkeit, was allerdings sehr oft geschah, den unartikulierten Laut „M'boh" sich gewählt, lernte beim Vater. Bertschi, der neunzehnjährige, war ein hervorragender Talmudist; Perez, ein halbes Jahr älter als Chajim. war ein Jpuf) und Lob, der jüngste, ein paar Monate jünger als Chajim, war ein närrischer Kerl, der für das Talmudstudium nur geringe Befähigung zeigte. Cäcilie, die älteste Tochter, war von nicht sehr hervorragender geistiger Struktur; Sidi, die jüngere, war ein kränkliches Mädchen und Marie, die jüngste, war ein kluges Kind im Alter von 10 Jahren. Ein großer Sohn studierte auswärts und eine Tochter war verheiratet. Die Tageseinteilung war im Hause des Rebbe eine ganz feststehende. Nach dem Morgengebete wurde gemeinsam geftühstückt. der Rabbi nahm an demselben nicht teil, denn er betete und lernte, mit Tallis und Tefillin bekleidet, bis gegen 9 Uhr vormittags. 6) Stirnlocken. 7) Rabbinerin. 3) Wunderknabe.