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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-05-31 · 22 (31.5.1907) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
22 (31.5.1907)
Date
1907-05-31
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 366 Dr. Dlocb's Mrocvenscbrttt. Nr. 22 Leipnik. Vorüber ist der Kampf und der Sieg ist erfochten. Nachdem in unserem Wahlkreise die erste Wahlschlacht resultatlos verlief, mußte es zur Stichwahl zwischen dem alldeutschen antisemitischen Kandidaten Dr. Bodirsky aus Wien und den Sozialdemokraten Herrn Wilhelm Nießner, Stadtrat in Brünn, kommen, aus der Herr Nießner als Sieger hervorging, da er trotz aller Agitation mit einer Majorität von 723 Stimmen zum Reichsratsabgeordneten des IX. Wahlkreises gewählt wurde. Ein Hauptanteil an diesem Siege gebührt dem Vorstande der Leipniker israelitischen Kultusgemeinde, welcher in Erkenntnis der Gefahr, daß der Antisemit gewählt werden könnte, sofort eine Vertrauensmänner-Versammlung einberufen hat, welche infolge der Hetzreden des Wahlwerbers Doktor Bodirsky und der Brandrede seines Kollegen und Freundes, des sattsam bekannten Herrn K. H. Wolf, den Beschluß faßte, alles durch das Gesetz Erlaubte zu veranlassen, daß der Antisemit Dr. Bodirsky nicht gewählt wird. Weiters wurde über Antrag des Kultusvorstaudes beschlossen, für Montag den 20. Mai die Vorsteher der Kultusgemeinden des IX. Wahlkreises zu einer Besprechung einzuladen, bei welcher Versammlung nachstehende Resolution gefaßt und den Kultusgemeinden des IX. Wahlkreises zugeschickt wurde. — Resolution : Die in Prerau versammelten Vertreter der israelitischen Kultusgemeinden als der israelitischen politischen Gemeinden sprechen ihr tiefftes Bedauern darüber aus, daß sich die deutsche Fortschrittspartei in Verleugnung ihres Grundsatzes der Gleichberechtigung aller Staatsbürger im IX. Wahlkreise für den Kandidaten einer judenfeindlichen Partei einsetzt, einer Partei, von der sich fast die gesamte deutsch-österreichische Bevölkerung einmütig abwendet. Die deutsche Fortschrittspartei hat damit ihre langjährigen, opferwilligen, jüdischen Parteigenoffen verletzt, sie gefährdet den Bestand der deutschen Gemeindevertretungen nicht nur in Leipnik, sondern auch in den anderen gemischtsprachigen, mährischen Gemeinden. Die Kultusvorsteher erwarten, daß alle Juden ihre Stimmen auf den wirklich freisinnigen, gut deutschen Wahlwerber Wilhelm Nießner vereinigen und auch unter ihren christlichen Mitbürgern für ihn nach Kräften wirken werden. Grenzenlose Verachtung müßte aber denjenigen Juden treffen, der seine Menschenwürde so weit vergessen könnte, daß er den Antisemiten Dr. Bodirsky wählt. Prerau, am 20. Mai 1907. Für die israelitischen Kultusgemeinden und israelitischen politischen Gemeinden des IX. Wahlkreises. Der Vorsitzende der Versammlung: David Spitzer, Kultusvorsteher in Leipnik. — Dank der energischen Vertretung dieses Vorsatzes und der Unterstützung der Kultusgemeinden des IX. Wahlkreises war der Erfolg ein glänzender. Prestburg Ein Verein der Sabbatfreunde ist in Preßburg in Bildung begriffen. Ein Komitee ist zusammengetreten und hat einen diesbezüglichen Aufruf an die jüdische Bevölkerung erlaffen. „Nach dem Muster ähnlicher in Deutschland schon seit längerer Zeit segensreich wirkenden Vereinigungen will das vorbereitende Komitee in unserer Gemeinde einen Verband schaffen mit der Tendenz, die in dem Namen des zu gründenden Vereines ausgedrückt ist. Die Hauptprogrammpunkte der Vereinstätigkeit sollen demnach sein: die Unterbringung der die Schule verlaffenden Kinder und Vermittlung von Stellen für Handels- und Gewerbeangestellte in sabbatheiligende Häuser, sowie Versicherung gegen Stellenlosigkeit für Mitglieder des Vereines; die Kartellierung der einzelnen Geschäftsbranchen zum Zwecke der Beseitigung und Verhütung der Konkurrenz am V row. In weiterer Folge, sofern dies nämlich die Verhältnisse gestatten und die hoffentlich zahlreiche und rege Beteiligung von Mitgliedern an unserem Werke ermöglichen wird, ist geplant: die Gründung einer Hilfs- und Vorschußkassa für die Mitglieder des rat» -rait»-Vereines; die Einführung von Hausindustrien zum Zwecke der Hebung der Erwerbsfähigkeit der Familien unserer Vereinsmitglieder; und schließlich die Ergreifung aller Maßnahmen auf dem Gebiete der jeweilig aktuellen Handels- und Wirtschaftspolitik, die geeignet sind, die Opfer, welche die strikte Arbeitsenthaltung am ratv uns Juden auferlegt, nach Möglichkeit zu erleichtern und zu verringern. Als unerläßliche moralische Vorbedingung der praktischen Tätigkeit des Vereines soll ferner dafür gesorgt werden, daß dessen Bestrebungen zunächst in den Schulen durch religiöse Lehrkräfte, insbesondere aber in der Synagoge von der Kanzel aus in wirksamer Weise die nötige Unterstützung und Förderung erhalten. Das Komitee besteht aus folgenden Personen: Präsidium: Moritz Frei, Hermann Steiner, Abraham H e r z l; Schriftführer: Dr. S. Rotter, Siegmund Samuel, Siegfried Steiner; Komitee-Mitglieder: Heinrich Bettelheim, Philipp Benedikt, Samuel Bettelheim, Samuel Donath, Jeremias Duschinski, Salomon Friedenthal, Markus Fürst, Moses Gelber, Julius Gellis, Max Grünberg, Josef Grünberg, David Kästner, Wilhelm Kohn, S. Komlosi, Salomon Lichtenfeld, Philipp Mayer, Philipp Neumann, Max Pollak, Paul Proßnitz, I. Pappenheim, Dani Rosenbaum, Benjamin Redlinger, Michael Samuel, I. S. Schlesinger, Albert Schächter, Lazar Schönfeld, Leopold Ungar, Moses Weiß (Schloßstraße), David Zinsenheim. Getreidehandel in Syrien und Palästina. Der kaiserliche Generalkonsul in Beirut berichtet: Die Nachfrage nach Weizen war im Dezember v. I. und Jänner d. I. in den türkischen Provinzen Smyrna und Archipel besonders lebhaft. Von Beirut wurden in dieser Zeit 1353 t Weizen ausgeführt, von denen nur 388 t nach Europa gingen. Die Ausfuhr dauert fort, besonders in Haifa, Lattakia und Tripolis. Alexandrette verfrachtete im Dezember v. I. 605 t Weizen, von denen 255 t nach Egypten gingen, während der Rest von 350 t nach anderen türkischen Häfen gebracht wurde. Der Preis stellt sich auf 17 Franken für den Doppelzentner frei an Bord. An Gerste wurden während der Monate Dezember und Jänner aus Beirut 201 t nach Egypten und 3685 t nach Europa ausgeführt. Gaza verfrachtete 1800 t nach England. Zur Zeit ruht die Ausfuhr von Gerste, da der Preis von 12'85 Fr. frei Bord für den englischen Markt zu hoch ist. Eine Interpellation über den Siedeleer Pogrom. Petersburg, 8. Mai. Die polnische Fraktion hat in der Duma eine Interpellation wegen dks Siedelcer Pogroms eingebracht. In der umfangreichen Begründung heißt es u. A.: „Der erste Pogrom in Polen war der in Siedelce. Dem „großen Pogrom" ging ein „kleiner" voran. Am Tage der Ermordung des Polizeimeisters Holzen wurden sechs Menschen getötet. Am selben Tage ging die Obergewalt über die Stadt auf den Oberst Tichanowsky über, der sofort über die „Schuldigen" Gericht zu halten begann. Auf seinen Befehl mußten um 6 Uhr abends Tore, Türen und Läden geschlossen werden; nach 6 Uhr durften die Einwohner ihre Häuser bis zum Morgen nicht mehr verlassen. Ueberall wurden Patrouillen zu Fuß und zu Pferde aufgestellt. Gleichzeitig erschien am Polizeigebäude ein langer Pfahl, der, wie man erzählte, als ein Alarmsignal dienen sollte. Die Häuser und Wohnungen vieler Einwohner wurden mit geheimnisvollen Zeichen versehen. Abends wollten die Soldaten die Ladenbesitzer überreden, die Läden zu öffnen, doch war die Panik so groß, daß alle ihre Geschäfte, schlossen und nach Hause eilten. Am selben Abend umstellte das Militär auf Befehl des Chefs die Stadt von allen Seiten und ließ Niemanden hinein oder heraus. Der telegraphische Verkehr wurde für alle Nichtbeamte eingestellt. Auf einmal hörte man Revolverschüffe in der Nähe der Hauptwache, und augenblicklich begann das Beschießen der Wohnhäuser, das 36 Stunden lang dauerte. Zum Schluß wurden auch Kanonenschüsse abgegeben. Die Einzelheiten dieser unerhörten Untaten kann man im offiziellen Rapport des Gendarmerie-Rittmeisters Pjetuchow lesen. Die Soldaten drangen in die Wohnungen und Läden ein und erzwangen sich unter Drohungen, Schlägen und Mordtaten

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